Bundesliga

Unions Reisemeister Becker: "Das war noch nicht alles, was ich draufhabe"

Offensivmann will im dritten Jahr durchstarten

Unions Reisemeister Becker: "Das war noch nicht alles, was ich draufhabe"

Will im dritten Jahr durchstarten: Sheraldo Becker.

Will im dritten Jahr durchstarten: Sheraldo Becker. imago images/Matthias Koch

Es war eine Ochsentour, die sogar so lange dauerte, dass Sheraldo Becker gar nicht genau sagen konnte, wie viele Stunden er für den Weg vom Golf von Mexiko bis nach Tirol gebraucht hatte. "Zu viele", meinte er, "vielleicht einen Tag, vielleicht waren es zwei Tage".

Von Houston war Becker am Mittwoch - am Tag nach dem Ausscheiden mit Suriname beim Gold Cup - mit dem Flieger nach Dallas gereist, von Dallas weiter nach Amsterdam. Dort packte er seine schwangere Frau, den Anhang und viel Gepäck ein, fuhr mit dem Auto die 650 Kilometer nach Berlin. Von Berlin ging es per Flugzeug über Frankfurt nach Innsbruck. Am Samstag kam der Angreifer schließlich im Trainingslager des 1. FC Union im österreichischen Längenfeld an - gerade rechtzeitig zum Teamabend. "Zu einer Party kann man immer gehen", scherzte Becker, für den die Feierei aber schnell vorbei war.

Spielersteckbrief Becker
Becker

Becker Sheraldo

Am Sonntag konnte er kurz durchschnaufen. Seit Montag nimmt der 26-Jährige - wie auch Neuzugang Frederik Rönnow und der zuletzt erkrankte Tymoteusz Puchacz - am Mannschaftstraining der Eisernen teil. Immer noch müde, aber auch stolz - stolz über das Erreichte in den vergangenen Wochen und Monaten. Für Suriname absolvierte er erst zwei Spiele in der WM-Qualifikation, gegen Bermuda (6:0, Doppelpack von Debütant Becker) und gegen Kanada (0:4). Nach einem anschließenden Urlaub in Griechenland (wieder viel Reiserei…) nahm Becker dann mit dem Herkunftsland seiner Eltern am Gold Cup in den USA teil. Nach Niederlagen gegen Jamaika (0:2) und Costa Rica (1:2) sowie dem Sieg über Guadeloupe (2:1) verpasste Suriname das Viertelfinale. Trotz des Ausscheidens in der Gruppenphase sagt Becker über seine ersten Länderspielreisen: "Es war eine unglaubliche Erfahrung."

Länderspiele sollen "nur der Anfang" gewesen sein

Dabei betrachtet der in Amsterdam geborene Angreifer seine Nationalmannschaftserfahrung nicht nur unter sportlichen Gesichtspunkten. Zwar wolle man ein Team aus in Suriname spielenden Akteuren, die coronabedingt ein Jahr nicht hätten trainieren können, und in Europa aktiven Profis aufbauen, weshalb die jüngsten Länderspiele auch "nur der Anfang" gewesen sein sollen. Es gehe aber nicht zuletzt auch darum, den Menschen in Suriname Hoffnung zu geben. "Für sie ist es hart. Die Preise steigen, die Geschäfte sind geschlossen, die Menschen haben nichts zu tun. Sie haben nur darauf gewartet, um uns im Fernsehen spielen zu sehen", sagt Becker, dessen Onkel und Cousins noch in dem kleinen südamerikanischen Land leben.

Becker: "Ich will den nächsten Schritt machen"

Nun aber kehrt erst einmal der Alltag ein, bei Union. Nachdem Becker, 2019 ablösefrei von ADO Den Haag verpflichtet, in seinem ersten Jahr in Berlin mit Anlaufschwierigkeiten und der Umstellung vom niederländischen auf den deutschen Fußball zu kämpfen hatte und sein Aufwärtstrend im zweiten Jahr von einer Knöchelverletzung jäh gestoppt wurde, hofft er nun auf eine gute dritte Spielzeit. "Ich will den nächsten Schritt machen. Ich will gut performen", sagt er und ergänzt mit Blick auf die vergangene Saison: "Das war noch nicht alles, was ich draufhabe." In der neuen Spielzeit, die für Union in knapp zwei Wochen mit dem Pokalspiel bei Drittligist Türkgücü München beginnt, will Becker vor allem fit bleiben. Ein verständlicher Wunsch, insbesondere nach seinen Erfahrungen zu Beginn des Jahres.

Operation im März

Als er sich Mitte Januar gegen Leverkusen verletzte, pausiere er nur kurz, spielte eine Woche später in Augsburg von Beginn an. Danach fiel er bis in die Schlussphase der Saison aus, wurde sogar operiert. "Im Nachhinein wäre es vielleicht besser gewesen, nicht in Augsburg zu spielen. Aber wenn du ins Krankenhaus gehst und dir ein Arzt sagt, du kannst spielen, dann spielst du. Sie haben im Krankenhaus alles gecheckt, haben nichts gefunden. Deshalb habe ich in Augsburg gespielt", sagt Becker. Zunächst wurde seine Knöchelverletzung konservativ behandelt. "Ein Arzt in Berlin sagte zunächst, ich müsse drei, vier Wochen warten. Aber das Gefühl wurde nicht besser. Auch nach fünf Wochen war es nicht besser. Ich trainierte, aber war nur bei 80 Prozent. Bei Richtungsänderungen habe ich Schmerzen gespürt", sagt Becker. Im März folgte eine Operation, die sein Debüt für Suriname in der Länderspielpause in dem März verhinderte und noch Schlimmeres befürchten ließ. "Nach sieben, acht Wochen bin ich nach Frankfurt, nach München, überhallhin und habe mich entschieden, die Operation zu machen. Das war besser", berichtet Becker und erzählt: "Ein Arzt sagte mir, dass die Saison für mich vorbei ist. Ich habe mich trotzdem operieren lassen, weil es besser für meine weitere Zukunft war. Aber in meinem Kopf hatte ich immer das Ziel, noch ein paar Spiele zu machen."

Das gelang. Am 33. Spieltag feierte der schnelle Angreifer sein Comeback, steuerte beim 1:1 in Leverkusen gleich eine Vorarbeit bei (Tor Joel Pohjanpalo). Es folgten für Becker die Qualifikation mit Union für die Play-offs zur Conference League und sein Debüt für die Nationalmannschaft Surinames. So soll es weitergehen. Trotz der anstrengenden Reiserei will Becker bei Union angreifen. "Ich fühle mich bereit, ich fühle mich auch müde, aber ich bin fit. Das ist das Wichtigste", sagt er.

Jan Reinold