Bundesliga

Historischer Spuk: Eindrücke vom ersten Geisterspiel der Bundesliga-Geschichte

Eindrücke vom ersten Geisterspiel der Bundesliga-Geschichte

Und auf den Rängen passiert nichts: Historischer Spuk in Gladbach

Keine tolle Atmosphäre: Leere Ränge im Borussia-Park.

Keine tolle Atmosphäre: Leere Ränge im Borussia-Park. kicker

Hüben wie drüben. Denn abgesehen von den akkreditierten Journalisten auf der Pressetribüne steht und sitzt niemand im Stadion. Embolos Tor ist genau deshalb so geschichtsträchtig, weil es erstmals kein Fan live im Stadion miterleben darf.

Als der kicker zwei Stunden vor dem Anpfiff auf der Autobahn den Blinker setzt, um die Abfahrt zum Borussia-Park zu nehmen, gilt: freie Fahrt! Wo die Vehikel um diese Zeit normalerweise Stoßstange an Stoßstange stehen, um sich im Schneckentempo auf den Parkplatz vorzukämpfen, herrscht diesmal so wenig Betrieb wie etwa am 9. Februar.

An diesem Tag hätte der Schlagabtausch zwischen Gladbach und dem 1. FC Köln ursprünglich stattfinden sollen, war aufgrund eines Sturmtiefs aber verschoben worden, um vor allem die Sicherheit der Zuschauer nicht zu gefährden. Nun schlägt der Coronavirus der gesamten Liga ein Schnippchen - das prestigeträchtige Rheinderby ist das erste Bundesliga-Geisterspiel der Historie.

Geister beim Geisterspiel

Geister vorm Stadion: Verkleidete Fans.

Geister vorm Stadion: Verkleidete Fans. kicker

Um 17.09 Uhr biegt der rote Mannschaftsbus des 1. FC Köln auf die Zufahrt zum Stadion ein, ein Motorradpolizist fährt ihm voraus, ein zweiter hinterher. Drei Minuten nach dem Gäste-Gefährt befindet sich auch Gladbachs Luxusliner in Parkposition.

Vor den schweren Eisentoren stehen zwei als Geister verkleidete Fans, ein Schal in Borussia-Farben verrät, für welche Mannschaft ihr Herz schlägt. Sie halten ein Plakat hoch: "Geisterspiel - wir wollen rein." Einer sagt: "Buh!" Wobei nicht klar ist, ob die Gestalt jemanden erschrecken oder doch eher ihren Unmut über den verwehrten Zutritt äußern will.

Die in orangefarbenen Westen unmittelbar umherstehenden Stadionordner, in Relation zu den übrigen Anwesenden insgesamt in unverhältnismäßig großer Zahl überall auf dem Gelände wachend, ignorieren das Duo. In der völlig verwaisten Nordkurve hat jemand ein Banner aufgehängt: "Holt den Derbysieg!"

Gladbachs Profis laufen direkt darauf zu, als sie um 17.50 Uhr den Rasen betreten, um ihr normales Aufwärmprogramm zu absolvieren. In geringer Lautstärke begleitet sie Musik dabei, der Stadionsprecher verrichtet Dienst nach Vorschrift, ruft: "Hier kommt das Team von Borussia Mönchengladbach!" Reaktion: Stille, allenthalben.

Die Kölner kommen zwei Minuten später, ohne jegliche Begrüßungsarie. Bedächtig werden die Mannschaftsaufstellungen verlesen, die Gladbacher mit Fanfare im Hintergrund. Auch das Klublied "Die Elf vom Niederrhein" wird eingespielt. Aber leise. Sehr leise.

Zwischen Zynismus und Slapstick

Arbeiten vor Geisterkulisse: kicker-Reporter Toni Lieto.

Arbeiten vor Geisterkulisse: kicker-Reporter Toni Lieto. kicker

Beim Einlauf der Teams - ohne Kinder an der Hand der Profis - folgt dann die nächste Hymne, der Sprecher kündigt sie an: "Die Seele brennt…" - und ergänzt "…im Borussia-Park". In dieser Atmosphäre ist das fast schon zynisch. Die beiden Mannschaften stellen sich in einer Reihe auf, winken vereinzelt den nicht vorhandenen Zuschauern auf den Rängen zu. Slapstick.

Um 18.30 Uhr gibt Schiedsrichter Deniz Aytekin das Signal: los geht's. Niemand kann sagen, er hätte den Pfiff des Schiedsrichters nicht gehört. Kölns Jhon Cordoba führt den ersten Bundesliga-Geisterspielanstoß aller Zeiten aus, 90 Minuten lang herrscht Trainingsspiel-Ambiente. Die Anweisungen, die sich die Profis gegenseitig zurufen, hallen durch das Stadion. Das "Leo!" von Torhüter Timo Horn ist zu hören, wenn seine Mitspieler den Ball zu ihm durchlassen sollen. "Achte auf die Mitte", brüllt Trainer Marco Rose, wenn ihm sein Zentrum zu löchrig vorkommt.

"Weiter spielen", schreit Aytekin, wenn er den Spielfluss nicht wegen eines vermeintlichen Fouls unterbrechen will. Nach vierminütiger Nachspielzeit verabschieden sich Sieger und Gewinner artig voneinander, der Spuk ist vorbei. Und beginnt schon am Wochenende von Neuem, dann auch in allen anderen Bundesliga-Stadien. Buh!

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Toni Lieto

Bilder zur Partie Bor. Mönchengladbach - 1. FC Köln