Champions League

Umstrittene Champions-League-Reform - "Wildcards führen Sport ad absurdum"

Hellmanns klare Forderung an Koch - Müllers Kritik

Umstrittene Champions-League-Reform - "Wildcards führen Sport ad absurdum"

Vorstandssprecher der Eintracht Frankfurt AG: Axel Hellmann.

Vorstandssprecher der Eintracht Frankfurt AG: Axel Hellmann. imago images

"Meine Erwartung an unseren Vertreter in der UEFA-Exekutive ist, dass er sich mit aller Kraft dafür einsetzt, dass alleine sportliche Kriterien eine Qualifikation für europäische Wettbewerbe ermöglichen", lautet Hellmanns klare Botschaft an Koch im Gespräch mit dem kicker. "Das Wichtigste ist, dass der Zugang zu den europäischen Wettbewerben, insbesondere der Champions League, über die nationalen Ligen und Wettbewerbe erfolgt. Zugänge über Koeffizienten oder Wildcards führen den auf dem Leistungsgedanken beruhenden sportlichen Wettbewerb ad absurdum und sind der Einstieg in einen geschlossenen Kreis bis hin zu einer abgetrennten Super League", mahnt Hellmann.

Die vorgesehene Champions-League-Reform ist sicherlich eine Kompromisslösung, die es aus Sicht von Eintracht Frankfurt nicht gebraucht hätte.

Axel Hellmann

Die geplante Reform sieht ab 2024 eine Erhöhung von 32 auf 36 Gruppenteilnehmer und ein Schweizer Ligensystem vor mit dann 225 Partien - 100 mehr als aktuell. Die Großklubvereinigung ECA drängt darauf, möglichst viele der vier zusätzlichen Plätze unabhängig von den nationalen Qualifikationswettbewerben über eine Traditionswertung zu vergeben. Für viele wäre das ein Tabubruch. Zuletzt hatte sich auch DFL-Boss Christian Seifert via kicker kritisch geäußert. Hellmann erkennt an, "dass es in Europa Klubs und Verbände gibt, die einen hohen Anteil ihrer Erlöse über die UEFA und die europäischen Spiele bestreiten und deshalb eine Ausweitung der Wettbewerbe wollen". In den Augen des 49-Jährigen ist "die vorgesehene Champions-League-Reform sicherlich eine Kompromisslösung, die es aus Sicht von Eintracht Frankfurt nicht gebraucht hätte".

Schere zwischen Mittelständlern und Topklubs immer größer?

Wo ein Kompromiss zustandekommt, muss es vorher Forderungen geben - immer wieder stand in den vergangenen Jahren die Drohung einer Super League im Raum. Meist unausgesprochen, aber von einer Handvoll Klubs hinter den Kulissen vorangetrieben. Die Einführung von Koeffizientenregeln jedenfalls würde es Mittelständlern wie Eintracht Frankfurt enorm erschweren, die Lücke zu den Topklubs ihrer heimischen Liga durch gute Arbeit zu verringern. Weil die nationalen Größen im Zweifelsfall auch bei sportlich verpasster Qualifikation dank vergangener europäischer Erfolge darauf hoffen dürfen, über eine Wildcard an die Fleischtöpfe der Königsklasse zu kommen. Das System würde sich weiter verfestigen.

Die Wortführer der ECA haben die UEFA erpresst mit der angedrohten Abspaltung zur Super-League und die UEFA ging ohne Not darauf ein, indem sie fatale Zugeständnisse machte.

Christian Müller

"Ich empfinde diese Reform als eine Veränderung, die maximal zehn Klubs nutzt und allen anderen Beteiligten in der europäischen Fußballwelt massiv schadet. Den restlichen Vereinen, den nationalen Ligen, den Verbänden und letztlich auch der UEFA", findet Christian Müller. Der frühere Finanzchef der DFL wählt drastische Worte: "Die Wortführer der ECA haben die UEFA erpresst mit der angedrohten Abspaltung zur Super-League und die UEFA ging ohne Not darauf ein, indem sie fatale Zugeständnisse machte. Denn die Drohung ist meiner Ansicht nach nicht glaubwürdig. Die Topklubs würden nie riskieren, dass ihre Stars nicht mehr bei einer EM oder WM auflaufen könnten."

Tatsächlich hatten die Präsidenten von FIFA und UEFA, Gianni Infantino und Aleksander Ceferin, und der weiteren Konföderationen Ende Januar in einem gemeinsamen Schreiben medienwirksam mit Ausschluss von Klubs und Spielern im Fall einer Super-League-Gründung gedroht. Vor dem Hintergrund der Zugeständnisse an die ECA stellt sich die Frage, wie werthaltig dies war.

Ticketing und Fans langfristig das Problem einer Super-League?

Müller geht ohnehin davon aus, dass "langfristig für eine Super League nicht genug Nachfrage im Ticketing besteht. Die emotionale Bindung lässt sich mit einer Fernseh-Liga nicht herstellen. Und: Mitgliederbestimmte Klubs wie der FC Bayern oder Borussia Dortmund könnten sich eine Teilnahme gar nicht leisten, ohne im Vorfeld ihre Mitglieder zu fragen." Wie das Votum wohl ausfallen würde? Zuletzt machten die BVB-Fans mit Bannern schon ihrem Ärger über die Champions-League-Reform Luft - Geisterspiele hin oder her. Auch in der Münchner Kurve werden die Überlegungen kritisch beäugt.

Und am Horizont droht weiteres Ungemach. Bereits vor zwei Wochen enthüllte der kicker, dass die ersten Vorschläge für eine Reform des Financial Fairplay vor allem auf Deregulierung und die Aufhebung der Limits für Investorenzuschüsse abzielen. "Die UEFA meint, sie könnte durch diese Reform die Spielergehälter nach unten drücken. Doch durch die Deregulierung von Investorenzuschüssen wird genau das Gegenteil passieren, ein Rattenrennen ganz neuer Dimension wird entstehen", erwartet Müller. "Weder wirtschaftliche Stabilität der Klubs noch an die Einnahmen orientierte Spielergehälter werden erreicht werden. Das ist aus ökonomischer Perspektive vorhersehbar. Die Ruhe in den Vorstandsetagen der deutschen Vereine dazu halte ich für so bedenklich wie unerklärlich, zumal ja die Task Force-Ergebnisse genau das Gegenteil versprachen."

Auch DFL-Boss Seifert hatte zuletzt für eine FFP-Verschärfung geworben: "Für einen fairen und wirtschaftlich verantwortbaren europäischen Wettbewerb ist eine gestärkte Regulierung unabdingbar. Das DFL-Präsidium hat angekündigt, sich dafür - am besten zusammen mit anderen Ligen - einzusetzen." Der 51-Jährige sieht "den Zeitpunkt für einen Salary Cap auf europäischer Ebene für gekommen".

Lesen Sie hierzu auch: Wie ein Salary Cap in Europa funktionieren würde

Benni Hofmann