3. Liga

KFC Uerdingen: Wer steckt hinter der Noah-Gruppe?

Verbindungen in den Politik- und Wirtschaftszirkel Russlands und Armeniens

Uerdingen: Wer steckt hinter der Noah-Gruppe?

Investoren: Ex-Geldgeber Mikhail Ponomarev (Mitte) und der nachfolgend starke Mann in Uerdingen, Roman Gevorkyan (re.).

Investoren: Ex-Geldgeber Mikhail Ponomarev (Mitte) und der nachfolgend starke Mann in Uerdingen, Roman Gevorkyan (re.). imago images

Die Geschichte des FC Noah Eriwan ist noch jung, doch reich an Wendungen. Das zeigt allein schon die Namenshistorie. Erst 2017 als FC Arzach gegründet, folgte im Sommer 2019 die Umwidmung in FC Noah mit dem Einstieg der Investorengruppe Noah, die nun auch beim bisherigen deutschen Drittligisten KFC Uerdingen ihr Geld investierte. Doch wer steckt dahinter?

Als Anteilseigner eingetragen sind Bagrat Gazaryan und Ruben Gevorgyan

Das ist schwer zu durchblicken, entsprechende Fragen des kicker bleiben unbeantwortet. Als Vertreter der Gruppe in Uerdingen tritt Roman Gevorkyan auf, mittlerweile ist er auch in den e. V.-Vorstand gewählt worden. Laut entsprechender Pressemitteilung agiert er als Präsident der Noah-Gruppe. In der öffentlich einsehbaren Gründungsurkunde der Noah Football Group Ltd. taucht er allerdings nicht auf. Die Firma wurde am 6. Dezember 2020 in Guildford, einem 70 000-Einwohner-Städtchen südwestlich von London, aus der Taufe gehoben. Mutmaßlich als Brückenkopf für die Noah-Investitionen in Süd- und Mitteleuropa sowie dem Baltikum. Als Anteilseigner eingetragen sind Bagrat Gazaryan und Ruben Gevorgyan.

Den letzten Namen trägt auch ein Parlamentarier der Partei "Blühendes Armenien". Angesichts des einstigen Klubnamens "FC Arzach" könnte man auf Verflechtungen zu der russlandfreundlichen Partei kommen. Denn Arzach heißt die nicht anerkannte Republik in der zwischen Armenien und Aserbaidschan umkämpften Region Bergkarabach. In diesem immer wieder aufflammenden Konflikt mischen mit Russland, der Türkei und Iran größere Mächte mit. Der Schluss auf den Politiker Ruben Gevorgyan aber wäre falsch. Der Parlamentarier ist 1954 geboren, der Noah-Gesellschafter erst 1967. Dennoch scheint es Drähte ins Politische zu geben. Eine Zeit lang soll Karen Abrahamyan Präsident des Vereins in Eriwan gewesen sein, der zwischenzeitlich als Verteidigungsminister der Republik Arzach fungierte.

Als Vereinspräsident in Eriwan wird mittlerweile Roman Gevorkyan gelistet. Bis vor einigen Monaten führte die Webseite des Klubs Bagrat Gazaryan noch als Gründer und Eigentürmer auf - unklar, warum der Name mittlerweile gestrichen ist. Gazaryans Geschichte jedenfalls führt wie die des (Nicht-Parlamentariers) Ruben Gevorgyan - die Schreibweisen Gevorgyan und Gevorkyan variieren - mitten hinein in die Welt russischer Großkonzerne. Konkret in die Summa-Group mit Beteiligungen in den Sektoren Logistik, Bau und Rohstoff, gegründet und aufgebaut von den Magomedov-Brüdern.

Deren Aufstieg und Fall ist eng verbunden mit dem Spitzenpolitiker Dmitri Medwedew, unter anderem von 2012 bis 2020 russischer Ministerpräsident. Medwedew galt lange als Günstling von Präsident Wladimir Putin, machte politische Karriere - um von 2018 an Stück für Stück demontiert zu werden. Immer noch in exponierter Stellung, weil Putin seinen einstigen Gefolgsmann Politanalysten zufolge so besser kontrollieren könne. Doch gegen Mitglieder des Medwedew-Zirkels häufen sich seit 2018 die Ermittlungen. Auch gegen die Magomedov-Brüder, die sich vor dem Moskauer Bezirksgericht in einem Prozess wegen des Vorwurfs des Betrugs und der Veruntreuung von Staatsgeldern in Höhe von 124 Millionen Euro erwehren müssen. Nicht auszuschließen, dass das Verfahren politisch motiviert ist.

In der Summa Group jedenfalls machten Bagrat Gazaryan und Ruben Gevorgyan Karriere, beide fungierten beispielsweise als Direktoren der "Novorossyisk Grain Plant", einem der modernsten Getreideterminals Russlands mit Sitz am Schwarzen Meer. Gazaryan ging im März 2018 und übernahm den Vorstandsvorsitz der Immobiliengruppe "O1 Properties" - kurioserweise muss sich auch deren Gründer, der 2018 ins Vereinigte Königreich geflohene Milliardär Boris Mints, ähnlicher Vorwürfe wie die Magomedov-Brüder erwehren. Ruben Gevorgyan dagegen soll nur noch als Privatier agieren. Angeblich ist er der Vater von Roman Gevorkyan und stattet seinen Sohn mit Geld aus, um in den Fußball zu investieren. Das würde zu jüngsten Berichten aus Italien passen, wonach die Familien Gazaryan und Gevorkyan hinter dem Berkeley-Fonds stecken, der auf der Webseite des FC Noah Eriwan als Förderer ausgewiesen ist. Diesem Fonds gehören auch ein armenisches Musiklabel und eine Eventfirma. Angeblich sollen in Italien Investitionen in Hotellerie und eine alte armenische Kirche geflossen sein mit der Idee, eine Kulturstiftung zu gründen.

In Italien findet sich auch ein Teil des Fußballinvestments der Gruppe wieder. Sie übernahm im Sommer 2020 den AC Siena und benannte ihn neu: AC Noah Siena. Lange lag der Viertligist auf Aufstiegskurs, ehe Roman Gevorkyan Trainer Alberto Gilardino tauschte - nach vier Pleiten und heftiger Kritik der lokalen Tifosi holten die Armenier Gilardino wieder. Gevorkyan trat im Februar als Siena-Präsident zurück, ihm folgte Armen Gazaryan.

Spektakulär-unglücklich verlief das Investment der Gruppe in Lettland. Dort kauften sich die Armenier ein bei Erstliga-Aufsteiger Lokomotiv Daugavpils, der ohne finanzielle Hilfe keine Chance auf die Lizenz gehabt hätte. Eine Sportdirektorin krempelte den Kader komplett um. Der Verein zog nach Jurmala und sollte als FC Noah Jurmala in der Beletage antreten. Doch noch vor dem ersten Pflichtspiel folgte der Lizenzentzug. Wobei die Aussagen eines Insiders nahelegen, dass die Armenier übers Ohr gehauen wurden.

Der FC Noah Jurmala verschwand von der Bildfläche

"Die Verantwortlichen von Lokomotiv Daugavpils haben den Lizenzentzug im Endeffekt selbst initiiert", sagt Oliver Schlegl. Er war Geschäftsführer der lettischen Liga und ist bestens vernetzt im baltischen Fußball. "Sie haben die erste Tranche in bar bekommen von den Armeniern. Dann haben sie ihnen mutmaßlich gesagt, dass es einen anderen Sponsor gebe, der bereit sei, mehr zu zahlen. Die Armenier sind zähneknirschend gegangen und haben den Vertrag mit Lokomotiv gekündigt. Ihr bereits investiertes Geld haben sie natürlich nicht wiedergesehen." Der FC Noah Jurmala verschwand im März 2021 so schnell von der Bildfläche, wie er im Januar 2021 aufgetaucht war.

Und in Krefeld? Nun, noch ist auch der umstrittene Mikhail Ponomarev an Bord als e. V.-Präsident. Die von Ponomarev gehaltenen Anteile an der Spielbetriebsgesellschaft seien an die Noah-Gruppe verkauft worden, teilte der KFC mit. Jene Spielbetriebsgesellschaft steckt im Insolvenzverfahren. Verwalter Dr. Claus-Peter Kruth erklärte Geld des neuen Gesellschafters für unverzichtbar. Anfang Juni soll im Idealfall das Verfahren abgeschlossen sein. "Ich werde sehr genau schauen, dass die Absprachen eingehalten werden", sagte Kruth über die Zusammenarbeit mit der Noah-Gruppe. Auch die sollte nach den Erfahrungen in Lettland nun bei Ponomarev genau hinschauen.

NOAH FOOTBALL GROUP LTD.

Im Sommer 2019 übernimmt die Noah-Gruppe in Eriwan den FC Arzach, der fortan FC Noah Eriwan heißt. Von 2020 an investiert die Gruppe in Italien (Siena), Lettland (Jurmala) und nun auch in Deutschland (Krefeld). Als Dach des Sportinvestments fungiert die im Dezember 2020 in England gegründete Noah Football Group Ltd.

Jim Decker/Benni Hofmann

Der Artikel erschien am 5. April 2021 in der Printausgabe 28 des kicker.

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