EM

Tschechien im Freudentaumel: "Ein Traum, es ist unwirklich"

Der Außenseiter lässt die Niederlande liegen

Tschechien im Freudentaumel: "Ein Traum, es ist unwirklich"

Ein gefragter Mann nach Tschechiens Coup gegen Holland: Tomas Holes, Profi von Slavia Prag und 1:0-Torschütze.

Ein gefragter Mann nach Tschechiens Coup gegen Holland: Tomas Holes, Profi von Slavia Prag und 1:0-Torschütze. imago images

Aus Budapest berichtet Jörg Wolfrum

Um Punkt 20 Uhr war es noch einmal so richtig laut geworden, da hatten sich Tschechiens Überraschungssieger mit der Welle bei ihren Fans bedankt für die Unterstützung beim 2:0 im Achtelfinale über den Favoriten Niederlande. Zuvor hatten sich Trainer Jaroslav Silhavy, Vladimir Coufal und Kapitän Tomas Soucek, der als solchen den verletzten Berliner Vladimir Darida vertrat, angestrahlt, als könnten sie es selbst nicht glauben.

Dabei hatten sie cool die Chancen genutzt, die ihnen die anfangs dominierenden Niederlande eröffnet hatten angesichts von zahlreichen vergebenen Tormöglichkeiten und der Roten Karte, die sich Matthijs de Ligt eingehandelt hatte. Der Verteidiger hatte sich als letzter Mann im Zweikampf mit dem Leverkusener Patrik Schick nur mit Handspiel zu helfen gewusst. Platzverweis in der 55. Minute. Es war der Wendepunkt im Spiel. "Von da an waren wir gleichwertig. Aber es war generell ein wirklich großartiges Match von uns", jubelte Tomas Holes, der Profi von Slavia Prag, der mit einem Tor und Assist entscheidenden Anteil am sensationellen Erfolg hatte. Zudem hatte der 28-Jährige auch den Kapitän des Gegners, Georginio Wijnaldum, aus dem Spiel genommen.

"Ein Traum, es ist unwirklich, es war das beste Spiel meines Lebens", freute sich der Defensivspieler. Und, ganz so, als könne er es selbst nicht glauben: "Das ist die EURO, das war das Achtelfinale, wir kamen weiter und wir hatten so viele Fans auf den Rängen ..."

"Mir fehlen die Worte"

Rund 8000 Anhänger waren aus Tschechien angereist, am Ende des Tages gab es auf der Ehrenrunde in der Puskas-Arena von Budapest sogar Applaus von den Fans der Niederlande. Sein Fazit. "Es hat einfach Spaß gemacht", erklärte Holes, der nach der Begegnung als Man of the Match ausgezeichnet wurde. Extralob bekam er auch von seinem Trainer: "Er war der Star des Spiels, defensiv wie offensiv und getroffen hat er auch noch. Bei seinem Assist zum 2:0 hatte er schon Krämpfe gehabt. Er hatte es uns vorher angezeigt." Doch Holes hielt durch bis kurz vor Schluss.

Das 2:0 erzielte der Leverkusener Schick - und auch der fand den Abend in Budapest "verrückt. Dass wir ins Viertelfinale kommen, hätte niemand gedacht, wir sind unglaublich glücklich." Man habe "nicht die Stars wie die Niederländer, aber wir hatten einen guten Teamspirit, das hat den Unterschied gemacht." Sah auch Silhavy so. "Wir wussten, dass wir als Team auftreten mussten. Und wir taten es. Und wir taten es, als es darauf ankam", strahlte der Coach auch lange nach Schlusspfiff noch. "Alle taten es", so der Trainer, der danach auch fast alle seine Spieler aufzählte: Tomas Vaclik verhinderte, dass wir in Rückstand gerieten, aber auch der Hoffenheimer Pavel Kaderabek, der erstmals in diesem Turnier zum Einsatz kam, habe eine "großartige Leistung" gebracht. Und, und, und.

Der gelobte Hoffenheimer sagte: "Mir fehlen die Worte. Ich bin stolz auf die Mannschaft. "Man sei "der Underdog" gewesen gegen die Niederlande und schon in der Gruppe mit Gegnern wie England und Vize-Weltmeister Kroatien. "Und wir sind am Samstag im Viertelfinale gegen Dänemark vielleicht wieder der Underdog."

Aber das scheint für die Tschechen jetzt eher Stimulus zu sein. "Wir haben in einem Schlüsselspiel den Favoriten besiegt", betonte Silhavy, der ja auch schon bei der EM 2004 als Assistent von Karel Brückner dabei gewesen war, als Tschechien die Niederlande 3:2 besiegt hatte. Der Auftritt am Sonntagabend in der Puskas-Arena indes könnte für ihn selbst, aber auch alle Spieler fraglos zu einem "der prestigereichsten Spiele in ihrer Karriere werden", erklärte der 59-Jährige. "Das habe ich der Mannschaft schon im Vorfeld gesagt."

"Es könnte noch schwieriger werden"

Und so wuchsen sie letztlich über sich hinaus. Torwart Vaclik, der zweimal entscheidend partierte - zunächst in der Nachspielzeit der ersten Hälfte gegen Donyell Malen und dann kurz nach dem Wechsel, als er den durchgebrochenen Stürmer erneut stellte, als es 0:1 hätte stehen müssen aus Oranje-Sicht. Danach machten Holes und Schick die Tore, dessen Einsatz im Zweikampf mit de Ligt war zuvor schon zum Schlüsselmoment des Spiels geworden war.

Doch nach dem Spiel ist vor dem Spiel, auch in Tschechien. "Es könnte noch schwieriger werden gegen Dänemark", betonte Silhavy. Denn auch bei den Skandinaviern sei, nicht nur mit Blick auf die Ereignisse um Christian Eriksen, der Teamgeist kaum geringer als bei seinen Spielern. Dennoch meinte der Coach der Tschechen: "Wir werden alles dafür geben, weiter für Aufsehen zu sorgen." 2004 besiegte man im Viertelfinale übrigens, ja genau: Dänemark. Schluss war dann im Halbfinale gegen Griechenland. Die sind aber bei dieser EM nicht dabei.

Bilder zur Partie Niederlande - Tschechien