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Trikot-Streit um TeBe: "Selbstanzeige" des FC Inter Berlin

"Wir möchten wissen, ob wir unsere Trikots nun einmotten können"

Trikot-Streit um TeBe: Solidarische "Selbstanzeige" des FC Inter Berlin

"Wir möchten von Ihnen wissen, ob wir unsere Trikots beim FC Internationale nun einmotten können." Das Shirt des FC Inter Berlin.

"Wir möchten von Ihnen wissen, ob wir unsere Trikots beim FC Internationale nun einmotten können." Das Shirt des FC Inter Berlin. adidas/FC Internationale

In einer Facebook-Botschaft wendet sich der FC Internationale Berlin direkt an Bernd Schultz, der in einer Doppelfunktion sowohl amtierender Präsident des Berliner Fußball-Verbands (BFV) als auch Vizepräsident des Nordostdeutschen Fußball-Verbands (NOFV) ist. Stein des Anstoßes: Der NOFV hatte Anfang August eine von Regionalligist Tennis Borussia Berlin beantragte Trikotwerbung nicht genehmigt. TeBe wollte den Platz auf seiner Brust für einen guten Zweck abtreten, und zwar an CURA, einen Opferfonds rechter Gewalt. Der Fonds wurde 1993 von Ursula Kinkel, der Frau des ehemaligen deutschen Vizekanzlers und Ex-Vorsitzendem der DFB-Ethikkommission, Klaus Kinkel, gegründet.

Eine solche Werbung aber, hieß es von Verbandsseite, verstoße gegen die Vorgaben in der Spielordnung, dass politische Aussagen auf Trikots nicht zulässig seien. Begründet wurde dies zudem mit dem Hinweis auf ausschließlich rechte Gewalt, denn es gebe schließlich auch Gewalt von links und weitere Formen von Aggressionen und Diskriminierungen. In einer Mail an den Klub hieß es zudem, Personen könnten sich von der Werbung für einen Opferfonds provoziert fühlen.

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Derzeit ist die TeBe-Brust - wie hier bei Tahsin Cakmak im Duell gegen Eilenburg - weiß. imago images/opokupix

Man stehe als NOFV zwar für Vielfalt und Toleranz, schrieb der Verband anschließend in einer öffentlichen Stellungnahme, dennoch stünde die beantragte Werbung im Gegensatz zur satzungsgemäßen Neutralität: "Der Verband setzt sich dafür ein, dass in den 90 Minuten Spielzeit die gesellschaftspolitischen Probleme nicht thematisiert werden, ohne diese jedoch aus den Augen zu verlieren. Jedem Verein steht es selbstverständlich frei, sich vor und nach dem Spiel mit politisch orientierten Stiftungen zu solidarisieren, jedoch ohne, dass es dabei das Spiel oder Dritte beeinflusst."

"Abstruse Begründung"

Neben vielen weiteren Akteuren zeigt sich nun auch der FC Internationale Berlin 1980 solidarisch mit TeBe: Man erwäge eine Selbstanzeige, heißt es in dem offenen Facebook-Brief an Schultz. Der Grund: "Seit vielen Jahren tragen die Teams des FC Internationale auf ihren Trikots anstelle von Werbung für Immobilienspekulanten, Fast-Food-Ketten oder Wettanbietern die Botschaft "NO RACISM". Nach Ihren jüngsten Äußerungen müssen wir davon ausgehen, dass dieses nicht erlaubt ist. […] Zwar räumen Sie ein, man könne darüber diskutieren und Initiativen gegen Gewalt seien begrüßenswert, aber zu einer Minderheitenposition im NOFV können Sie sich nicht durchringen. Als Vizepräsident des NOFV tragen Sie somit auch Verantwortung für die abstruse Begründung, Personen könnten sich von der Werbung für einen Opferfonds provoziert fühlen. […] Wir möchten von Ihnen wissen, ob wir unsere Trikots beim FC Internationale nun einmotten können."

Inter Berlin formuliert zudem die klare Erwartung an Schultz, sich "unverzüglich und unmissverständlich gegen die katastrophale Entscheidung des NOFV" zu stellen: "Machen Sie dem Regionalverband klar, dass Berlin mit seiner Vielfalt und Weltoffenheit sich selbstverständlich für die Opfer rechter Gewalt einsetzt und dieses seinen Vereinen ausdrücklich erlaubt. Sollten Sie dazu nicht bereit sein, müssen wir davon ausgehen, dass Sie die törichte und unverantwortliche Haltung des NOFV mittragen und auch die bisher vorhandenen - aus Sicht vieler Vereine noch ausbaufähigen - Ansätze im BFV konterkarieren."

"Hat noch niemand versucht, den Aufdruck zu verbieten"

"In Berlin hat noch niemand versucht, uns den Aufdruck zu verbieten", so Inter-Vorstand Gerd Thomas auf kicker-Nachfrage. "Es gibt hin und wieder eher ulkige Bemerkungen, weil Leute meinen, das Wort "Racism" sei schwer auszusprechen." Ärger habe man wegen des Slogans bislang nicht bekommen, auch keine offen gezeigten Nachteile erfahren: "Ich bin sicher, dass eben die sehr offensive Umgangsweise mit dem leidigen Thema uns auch schützt. Die Leute respektieren unsere Haltung, ob sie alle teilen, weiß ich natürlich nicht. Ich hoffe das aber sehr, denn der Fußball ist so divers wie Berlin oder Deutschland", so Thomas.

Daher erachte er die Haltung des BFV-Präsidenten Schultz auch "beschämend": "Warum kann er sich nicht zu einer Minderheitenmeinung im NOFV durchringen und sich hinter "seine" Berliner Vereine stellen? Wir sind eine weltoffene europäische Metropole", so Thomas, der sich in der Causa TeBe auch ein Einmischen von höchster Stelle erhofft hätte: "Ich hätte mir auch eine Äußerung vom DFB gewünscht, zum Beispiel von Rainer Koch oder Günter Distelrath."

Gerd Thomas selbst findet die Haltung von Vereinen wie Tennis Borussia Berlin oder dem SV Babelsberg 03, der vor zwei Jahren mit dem Logo der Flüchtlings-Initiative "Seebrücke" auf der Brust spielte, "absolut konsequent und notwendig": "Wenn Sportverbände das nach den erbärmlichen Vorfällen bei der EURO nicht so sehen, muss man davon ausgehen, dass sie nichts gelernt haben. Oder nichts lernen wollen und vielleicht auch nichts dabei finden, wenn Menschen wegen Hautfarbe, Familienherkunft oder sexueller Orientierung diskriminiert werden. Wenn dem so ist, haben die entsprechenden Verbände jegliche moralische Kompetenz verloren."

Dass in Sachen Trikotwerbung Handlungsbedarf besteht, gibt auch der NOFV zu: Man werde die Thematik "Werbung am Mann" intensiv mit dem Antidis­krimi­nierungs­beauftragten erörtern, verspricht der Verband.

Jan Mauer