WM

Marius Tresor im Interview: "Es schmerzt noch genauso"

Franzose über die "Nacht von Sevilla" vor 40 Jahren

Tresor im Interview: "Es schmerzt noch genauso wie früher"

Marius Tresor wird das WM-Halbfinale 1982 gegen Deutschland wohl nie verkraften. 

Marius Tresor wird das WM-Halbfinale 1982 gegen Deutschland wohl nie verkraften.  imago images/PanoramiC

Natürlich ist jetzt die Zeit, da am 8. Juli 1982 das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich stattfand, in der die Protagonisten von damals oft auf dieses denkwürdige Match angesprochen werden. Auch Marius Tresor gehörte vor 40 Jahren zu ihnen, er hatte die Franzosen in der Verlängerung mit 2:1 in Führung gebracht. Doch nach dem 3:1 durch Alain Giresse sorgten Karl-Heinz Rummenigge und Klaus Fischer für das 3:3. Im ersten Elfmeterschießen der WM-Historie gewann schließlich die DFB-Auswahl.

Zum Spiel

In Erinnerung bleibt allen das Foul von Torwart Toni Schumacher an Patrick Battiston. Für sein brutales Einsteigen hat der Deutsche sich mehrmals entschuldigt, allerdings erst später, auf dem Platz hatte er kein gutes Bild abgegeben. Tresor spricht primär über diese Szene.

kicker: Herr Tresor, was bleibt Ihnen von diesem legendären Spiel in Erinnerung?

Jedes Mal, wenn ich auf dieses Spiel angesprochen werde, kommen die Schmerzen sofort wieder hoch. Es tut einfach weh. Ich werde bis zum Ende meines Lebens diese Partie nie vergessen können. Wie auch?

Schumacher hätte Rot sehen müssen.

Marius Tresor

Sie denken dabei an die Szene, als Toni Schumacher Ihren Mitspieler Patrick Battiston foulte?

Genau. Schrecklich. Schumacher hätte Rot sehen müssen. Und das Schlimmste dabei war, dass er nicht mal verwarnt wurde. Patrick lag reglos auf dem Rasen, während Schumacher von ihm fernblieb. Er tat so, als wäre nichts passiert.

Können Sie sich auch heute noch genau an diese Momente erinnern?

Natürlich, an jedes Detail. Es war ein langer Ball von Michel Platini auf Battiston. Schumacher lief heraus, traf ihn mit voller Wucht. Der Zusammenprall war der pure Wahnsinn.

Was haben Sie auf dem Rasen gedacht, als es zum Crash kam? War Ihnen sofort bewusst, dass etwas Schlimmes passiert sein musste?

Als ich Patrick liegend und ohne Reaktion sah, bin ich sofort zu ihm gerannt, um festzustellen, wie es ihm geht. Gott sei Dank kam dann die medizinische Abteilung sehr schnell auf den Platz. Mit Platini und Didier Six waren wir bei Patrick und stellten fest, dass er so gut wie bewusstlos ist. Ich habe sofort verstanden, dass es gravierend war, weil er die Faust immer wieder zumachte und seine Augen geschlossen waren. Er wurde auch schnell vom Platz in die Kabine getragen. Anschließend gingen wir fest davon aus, dass der Schiedsrichter die Konsequenzen ziehen und Schumacher vom Platz stellen würde, aber er unternahm gar nichts. Als wäre nichts passiert!

Torwart Toni Schumacher (Deutschland) streckt Patrick Battiston (Frankreich, re.) bei der Fußball-WM im Halbfinale 1982 nieder

Der Moment des Unglücks: Deutschlands Keeper Toni Schumacher streckt Patrick Battiston (re.) nieder. Dieser geht daraufhin unsanft zu Boden. imago images/WEREK

Inwieweit war der Referee Charles Corver Schuld an Frankreichs Aus?

Da habe ich vor allem die FIFA nie verstanden, wie sie einen Niederländer für dieses Duell nominieren konnte, angesichts der Tatsache, dass wir die niederländische Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation eliminiert hatten. Ein Schiedsrichter aus einem anderen Land wäre neutraler gewesen, nicht gegen uns.

Wurden Sie also benachteiligt?

Ich hatte den festen Eindruck, dass sich die FIFA ein Finale zwischen Deutschland und Italien gewünscht hat, das war einfach attraktiver für die Fußballwelt zwischen zwei ehemaligen Weltmeistern als Italien gegen Frankreich.

Nichtsdestotrotz - hat die bessere Mannschaft das Endspiel erreicht?

Keineswegs. Wir waren klar die bessere Mannschaft. Ich weiß nicht, ob wir anschließend das Endspiel gewonnen hätten. Aber wir hätten es allemal verdient gehabt, dabei zu sein. Abgesehen von Schumachers Foul wurden wir vom Schiri mehrfach benachteiligt.

Uns hat mit Sicherheit eine Portion Erfahrung und Robustheit gefehlt.

Woran denken Sie da?

Zum Beispiel, als beim Anschlusstreffer der Deutschen in der Verlängerung durch Rummenigge sowohl Platini als auch Giresse ganz klar gefoult wurden. Ich verstehe bis heute nicht, warum der Schiedsrichter weiterspielen ließ.

Was konnten Sie sich damals vor allem selbst vorwerfen?

Uns hat mit Sicherheit eine Portion Erfahrung und Robustheit in den entscheidenden Momenten gefehlt. Wenn man 3:1 in der Verlängerung führt, muss man ja das Spiel gewinnen und selbstbewusster auftreten. Als wir den dritten Treffer erzielt haben, haben wir uns nicht mehr wirklich getraut, nach vorne zu agieren. Wir waren zu passiv und haben dadurch die Deutschen wieder in unsere Hälfte kommen lassen.

Der 8. Juli voller Fragen - "Schlimmster Moment"

Werden Sie auf dieses Halbfinale noch oft angesprochen?

Eher, wenn eine runde Jahreszahl ansteht, so wie jetzt quasi der 40. Geburtstag dieses Spiels. Aber auch auf der Straße fragen mich bis heute Leute, die damals noch nicht mal geboren waren, was genau geschah.

Marius Tresor, Felix Magath

1982 in Sevilla: Marius Tresor läuft Felix Magath ab. imago images

40 Jahre später, was bleibt vor allem hängen?

Eine grenzenlose Enttäuschung. Diesen 8. Juli 1982 wird man leider nie mehr ändern können. Es handelt sich um den schlimmsten Moment von vielen damaligen Nationalspielern, mir inklusive.

Sie hatten damals zwei Minuten nach Beginn der Verlängerung Ihre Elf in Führung gebracht.

Aber bei aller Bescheidenheit: Ich hätte gerne auf dieses Tor verzichtet und wir wären ins Finale eingezogen. Das wäre mir tausendmal lieber gewesen. Hätte der Schiedsrichter korrekt gepfiffen, hätte es in der Schumacher/Battiston-Szene Platzverweis und Elfmeter geben müssen. Später traf auch Manuel Amoros die Latte. Wir hatten Pech wie noch nie.

Der EM-Triumph war das Beste, was uns passieren konnte.

Ganz Frankreich weinte nach diesem verlorenen Elfmeterschießen.

Wenn ich all die Kinder treffe, die mich darauf ansprechen und die den Fußball lieben, dann bedeutet dieses besondere Spiel extrem viel. Viele meiner damaligen Mitspieler waren zwei Jahre später bei der EM in Frankreich dabei, und sie konnten durch den Triumph einiges wettmachen. Das war das Beste, was uns passieren konnte, auch für die Nationalspieler, die nicht mehr dabei waren.

Sie haben sich bereits 1982 entschieden, Ihre Nationalmannschaftskarriere zu beenden.

Deswegen war dieses WM-Halbfinale der schlimmste Moment überhaupt in meiner Laufbahn. Ich hätte mir im Nachhinein kein schlimmeres Ende ausmalen können.

Tresor und Battiston "meiden dieses Thema"

Sie wohnen seit vielen Jahren in Bordeaux, genauso wie Battiston. Wenn Sie ihn sehen, ist dieses Spiel noch heute ein Thema unter Ihnen?

Wenn man uns die Frage stellt, dann quatschen wir darüber, klar. Es schmerzt noch genauso wie früher, und das wird immer der Fall sein. Aber wenn ich Patrick allein treffe, meiden wir dieses Thema. Man spricht ungern darüber. Für Patrick selber ist es sicherlich noch schlimmer. Vergessen wir nicht, dass er in Sevilla für Bernard Genghini erst ein paar Minuten zuvor ins Spiel gekommen war, dann wurde er auf einer ungewohnten Position eingesetzt. Letztlich flog Schumacher ihm entgegen.

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