Amateure

Transmenschen im Fußball: Wo ist mein Platz?

"Du bist jetzt ein Mann, also zeig das auf dem Spielfeld"

Transmenschen im Fußball: Wo ist mein Platz?

Aktiv im Verein: Jessi Tschitschke will Fußball für alle.

Aktiv im Verein: Jessi Tschitschke will Fußball für alle. picture alliance

Der Berliner Schiedsrichter untersuchte das Dokument akribisch, fast krampfhaft. Irgendwo unter dem Nachnamen und den beiden weiblichen Vornamen, spätestens unter dem Geburtsdatum im Jahr 1977 sollte doch der Buchstabe zu finden sein, der Klärung verspricht. Nur: Auf einem deutschen Personalausweis, das musste der Schiedsrichter an diesem Tag vor rund zwei Jahren lernen, stehen zwar Augenfarbe und Körpergröße, aber kein M, kein W, auch kein D.

Wenn Jessica Tschitschke diese Geschichte aus ihrem Leben erzählt, ist das nicht amüsant. Im Gegenteil: Es ist frustrierend und erniedrigend, ein weiterer Beweis dafür, dass es ihr immer noch und immer wieder schwer gemacht wird, sie selbst zu sein. Denn Jessi, wie sie genannt wird, ist eine Transfrau. Geboren wurde sie als Mann, doch sie hat früh gemerkt, dass sie sich als Frau fühlt. "Man weiß sein ganzes Leben, dass etwas nicht stimmt. Aber es ist schwierig, sich nicht in eine Schublade pressen zu lassen."

Akzeptanz und Aufklärung fehlen in der Gesellschaft

Vergleichsweise spät beginnt sie mit Anfang 30 ihre Transition, den Vorgang der körperlichen Geschlechtsangleichung an die Identität. Jessi nimmt Hormontabletten, am Ende des rund zweijährigen Prozesses steht die Personenstandsänderung vor Gericht. Was einfach klingt, ist es in der Realität nicht. Parallel zur Hormontherapie ist eine psychologische Beratung vorgeschrieben, sie muss einen Lebenslauf mit Episoden aus Kindheit und Jugend verfassen, in denen sie das Gefühl, im falschen Körper zu leben, nachzeichnet. Vor der Gerichtsentscheidung stehen zwei Gutachten, viele Transmenschen kämpfen zudem lange mit ihrer Krankenkasse, um Kosten erstattet zu bekommen.

Eine Transition hat viele Facetten: biochemische, anatomische, psychologische, juristische. Sie ist verbunden mit dem Hinterfragen der eigenen Identität und eine irreversible Entscheidung mit weitreichenden Folgen. Das zu bewältigen kostet viel Kraft, es bleibt wenig Energie, andere Widerstände zu überwinden. Und die gibt es im Alltagsleben. Auch wenn transidente Menschen wie Jessi sichtbarer sind als früher, auch wenn Linus Giese mit "Ich bin Linus" jüngst einen beeindruckenden "Spiegel"-Bestseller über sein Leben als Transmann schrieb, auch wenn bei "Germany's Next Topmodel" eine Transfrau auf dem Laufsteg posiert - Akzeptanz und Aufklärung fehlen in weiten Teilen der Gesellschaft, nicht nur bei den Schiedsrichtern.

Und der Fußball ist wie die Gesellschaft, ist ihr Spiegel und ihr Resonanzraum. Hier treffen sich Jung und Alt, Arm und Reich, Konservativ und Progressiv, Homosexuell und Heterosexuell, Inländer und Ausländer, Männer, Frauen und alle Menschen, die sich nicht binär auf eins von zwei Geschlechtern festlegen wollen oder es angeglichen haben. Und wie in der Gesellschaft haben es im Fußball noch nicht alle Gruppen gleich leicht, ihren Platz dort zu finden.

Du bist jetzt ein Mann, also zeig auf dem Spielfeld, dass du auch so spielen kannst.

Mitspieler zu Luca El-Rawi

Luca El-Rawi ist 25 Jahre alt und lebt in Hamburg. Er ist Transmann und leidenschaftlicher Fußballer. Zum Ende seiner Transition, noch vor der Personenstands- und Namensänderung, wollte er bei einem Herrenteam mittrainieren. Doch der Umgang in der Kabine war ruppig. "Ich hatte Schwierigkeiten, mit den Ansagen der Mitspieler umzugehen. Es hieß: Du bist jetzt ein Mann, also zeig auf dem Spielfeld, dass du auch so spielen kannst."

Das Gefühl, sich ständig rechtfertigen, ja beweisen zu müssen, war zu viel. Bei den Fans und den gegnerischen Teams war er das Gesprächsthema, von den Mitspielern kamen übergriffige Fragen. "Es wird geschaut, was ich in der Hose habe, und sich gewundert, warum ich sie nicht ausziehe", berichtet Luca, der sich wie Jessi einer Hormontherapie unterzogen hat. Eine Penis-Prothese, für ihn ohne eine Operation die beste Möglichkeit, hatte er damals nicht: "Ich habe mich zur Schau gestellt gefühlt. Man wird körperlich ziemlich begutachtet und zählt nicht als vollwertiger Mann."

Dabei wollte Luca doch einfach nur weiter Fußball spielen. "Warum muss ich überhaupt als Transmann vorgestellt werden? Warum wird gesagt: Das ist Luca. Der ist Transmann und will bei uns spielen", wundert er sich über das Fremdouting: "Viel besser wäre doch: Das ist Luca. Der ist Fußballer und will bei uns spielen."

Viele Transmenschen hören mit dem Fußball auf

Jessi hat ähnlich schwierige Erfahrungen gemacht. Früher spielte sie Floorball, dann aber wurde ihr die Spielberechtigung verweigert. Danach spielte sie in Brandenburg für ein Frauenteam in der Meisterschaft mit - bis sie ohne Angabe von Gründen aus dem Verein geworfen wurde. "Ich bin mir sicher, dass es mit meiner Transidentität zusammenhing. Der Umgang im Team war auch nicht diskriminierungsfrei." Die Folge der Zurückweisung war eine Pause: "Ich hatte keine Lust mehr auf Sport, weil ich immer wieder auf Probleme gestoßen bin."

Es sind diese Widerstände im eigenen Verein, bei gegnerischen Teams und bei Schiedsrichtern, die Transmenschen dazu bringen, ihre aktive Karriere zu beenden - oder ihre Identität zu verleugnen. "Eine große Zahl an Transmenschen hat in den letzten Jahren mit dem Fußball aufgehört. Und es gibt eine große Dunkelziffer von denen, die mitspielen und es mehr oder weniger oder gar nicht bekannt ist, dass sie transident sind", sagt Christian Rudolph. Der 37-Jährige sitzt im Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD), ist seit zehn Jahren Berater und seit 2020 auch Ansprechpartner beim Berliner Fußball-Verband (BFV) für alle Fragen zur sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt. Seit Januar arbeitet er in dieser Position auch für die neu geschaffene Stelle beim DFB.

Berlin als Vorreiter: Meldewesen für dritten Geschlechtseintrag geöffnet

Christian Rudolph

#Vielfalt: Christian Rudolph ist Ansprechpartner beim DFB. privat

Dort kümmert sich der Berliner um Themen wie Homophobie, ist Kontakt für lesbische, schwule, bisexuelle, Trans- und Interpersonen und soll die Aufklärung vorantreiben. Er kennt die gesellschaftlichen Probleme, mit denen Transmenschen im Fußball zu kämpfen haben, aber auch die rechtlichen. "Sein" BFV war der erste und ist bislang der einzige Landesverband, der das Meldewesen im November 2019 für den dritten Geschlechtseintrag divers geöffnet hat und Menschen im Prozess der Transition schon für diesen Zeitraum die Spielberechtigung erteilt. Die Gleichbehandlung hat in Berlin also einen höheren Stellenwert als der Wettbewerb.

"Sport kann während des Prozesses ein Haltepunkt sein"

Alle anderen Landesverbände hängen in diesem Prozess mal mehr, mal weniger weit zurück. "Das Thema kam in Berlin auf, weil wir hier Trainingsgruppen und Klubs haben, die für transidente und nonbinäre Personen offen sind, vor allem die Frauenvereine. Das Thema hat in Berlin eine ganz andere Sichtbarkeit", erklärt Rudolph. Diese offenen Vereine wie zum Beispiel der Startschuss SLSV in Hamburg sind selten und bekommen nur wenig Unterstützung der Kommunen und Länder, leisten aber wertvolle Arbeit.

An seiner Seite beim BFV sitzt Jessi, als Ansprechperson und als Bindeglied zwischen betroffenen Personen, Verband und Vereinen. Sie ist die erste offen transidente Person, die in einem Fußballverband eine offizielle Funktion innehat. Die häufigsten Anfragen an sie kommen von Menschen in der Transition, die wissen wollen, in welchem Team sie spielen dürfen und bis wann sie von den Männern zu den Frauen oder von den Frauen zu den Männern gewechselt sein müssen. In Berlin gibt es dafür ganz bewusst weder Vorgaben noch Ultimaten.

"Uns war wichtig, dass es keinen festen Termin für den Wechsel gibt", erklärt Jessi: "Jede Person macht eine sehr individuelle Entwicklung durch. Deswegen glauben wir, dass nur sie selbst sagen kann, wann dieser Prozess abgeschlossen ist." Es muss also nicht der Zeitpunkt des gerichtlichen Beschlusses sein, der zur Personenstandsänderung führt: "Oft möchte die Person eine Saison noch zu Ende spielen oder eine Abschiedssaison absolvieren. Wir bleiben dann im Austausch, um es so einfach wie möglich zu halten." Schließlich gibt es auf dem Weg der Transition schon viele andere formale Schritte, da soll der Fußball helfen und nicht zusätzlich Substanz kosten, findet Jessi: "Sport kann während des Prozesses ein Haltepunkt sein, der einem Kraft gibt."

Weitere Verbände wollen nachziehen - Hürden bleiben

Warum aber wird das Positiv-Beispiel Berlin nicht einfach von den anderen 20 Landesverbänden übernommen? Zum einen, weil die Problematik und ihre Folgen noch nicht in jedem Kopf angekommen sind. "Es gibt nicht in allen Verbänden das richtige Bewusstsein für transidente und nonbinäre Personen", sagt Rudolph. Aber auch in Landesverbänden, die schon eine spezielle Anlaufstelle haben - neben Berlin sind das Bremen, Hamburg und Baden -, gibt es Hürden.

"Es geht nicht darum, ob beim BFV eine solche Regelung eingeführt wird, sondern nur in welcher Form", antwortet eine Sprecherin des Badischen Fußball-Verbands auf eine kicker-Anfrage an alle Landesverbände. Ein erster verbandsspezifischer Entwurf auf Basis des "Berliner Modells" sei erarbeitet, es sei aber "dringend notwendig, dass der DFB den allgemeinverbindlichen Teil der Spielordnung anpasst, sodass alle Landesverbände dies übernehmen können". Das fordern auch andere Landesverbände.

Der DFB in der Pflicht - Reform möglich

Hängt es also am DFB? Ja, auch. So sind im Meldewesen, das bundesweit größtenteils auf dem DFBnet basiert, als Geschlechtsangaben nur männlich und weiblich vorgesehen, nicht aber divers. Das ist jedoch seit 2018 die dritte rechtliche Option. Eine Übergangslösung wie in der Berliner Meldeordnung ist nicht in allen Verbänden möglich. "Sie sind dennoch weiter in der Pflicht", findet Rudolph: "Sie müssen den DFB auch zu Änderungen auffordern, das ist in der Form bisher noch nicht geschehen." Er spricht sich ebenfalls für eine einheitliche Regel aus, auch damit Vereinswechsel über Landesgrenzen einfacher werden. Schnelle Entscheidungen sind nicht zu erwarten: In den Landesverbänden werden solche Regelungen üblicherweise bei Verbandstagungen durch die Vereine beschlossen, die finden aber nur alle zwei bis drei Jahre statt.

Immerhin: In einigen Landesverbänden gibt es Übergangsregelungen, die Betroffenen das Spielen bis zu einer endgültigen Entscheidung ermöglichen. Eine Ordnungsänderung durch den Verbandsvorstand wäre zudem auch außerhalb der Tagungen möglich, entsprechende Maßnahmen gab es vereinzelt als Reaktion auf die Corona-Pandemie. Und es kommt Bewegung in die Angelegenheit: Anfang März wird der zuständige DFB-Vizepräsident Günter Distelrath auf einer Konferenz der Regional- und Landesverbandspräsidenten zur Sachlage informieren. Bei einer entsprechenden Zustimmung sollen DFBnet und Spielberechtigungen reformiert werden.

Ich weiß von Situationen, bei denen Menschen aufgefordert wurden, ihre Hosen runterlassen, um das Geschlecht auf ihrem Pass zu beweisen.

Christian Rudolph

Dennoch: Gesellschaftliche Widerstände, rechtliche Hürden - wenn der einfache Zugang zum Sport fehlt, bleibt meist nur die schwere Entscheidung gegen den Sport. Jessi und Luca sind da Ausnahmen. Nicht als transidente Menschen, die ihrer Leidenschaft weiter nachgehen wollen, sondern weil sie öffentlich darüber sprechen. Vielleicht ist den Verbänden die Tragweite des Themas auch deswegen nicht klar, weil bei vielen Transmenschen die Hemmschwelle für eine offizielle Anfrage zu hoch ist, Outings haben die meisten schon mehr als genug hinter sich.

DFC Kreuzberg

Für Vielfalt im Sport: Der DFC Kreuzberg ist offen für Frauen, Lesben, Trans- und Interpersonen. DFC Kreuzberg/S. Goetze

"Es erwartet keiner sofort All-Gender-Toiletten oder zusätzliche Kabinen, das Miteinander und der Spielbetrieb ist wichtiger", sagt Rudolph. Und das geht nur über Aufklärung in den Verbänden und vor allem in den Vereinen: "Wenn über das Thema nicht gesprochen wird, kann es kein Gefühl dafür geben, wie ein Mensch im Verein aufgenommen und akzeptiert wird." Das gilt auch für die Schiedsrichter, nicht nur in Berlin: "Ich weiß von Situationen, bei denen Menschen aufgefordert wurden, ihre Hosen runterlassen, um das Geschlecht auf ihrem Pass zu beweisen", berichtet Rudolph.

"Ich fühlte mich nicht Manns genug"

Luca spielt inzwischen wieder im Damenteam. Eine Rückkehr zu den Herren wäre sein Wunsch, die Überwindung aber ist groß: "Ich fühle mich nicht Manns genug, weil es jahrelang diese Abwertungen gab und ich mich mit mir selbst auseinandergesetzt habe." Ist er zu weich? Was fehlt ihm, um beim Männerteam mitzuspielen? "Das sind Fragen, die mir oft durch den Kopf gehen." Eine Spielberechtigung würde er wohl bekommen, einen Antrag aber hat er nie gestellt, "weil es immer Probleme im Team gab".

Jessi spielt inzwischen nur noch gelegentlich, aber sie ist im Verein angekommen. Beim DFC Kreuzberg, einem Berliner Klub für Frauen, Lesben, Trans- und Interpersonen, leitet sie jeden Montag die offene Trainingsgruppe. Es geht um Spaß an der Bewegung und den Teamgedanken. Ihr Wunsch ist es, bald ein eigenes Training für transidente Menschen anzubieten, um ihnen die Hemmung vor dem Outing zu nehmen - und sie danach in andere Vereine weiterzuvermitteln.

Dieser Text erschien zuerst in der kicker-Montagsausgabe vom 1. März 2021.

Patrick Kleinmann