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Titelrennen in Griechenland: Neue Skandale, neue Offensivpower

Olympiakos beklagt "Verfälschung der Meisterschaft"

Titelrennen in Griechenland: Neue Skandale, neue Offensivpower - und ein gemeinsamer Traum

Trotz Punktabzug aktuell zweiter in Griechenland: Die Spieler von Olympiakos feiern mit ihren Fans.

Trotz Punktabzug aktuell zweiter in Griechenland: Die Spieler von Olympiakos feiern mit ihren Fans. IMAGO/Focus Images

Es geht mal wieder hoch her in Griechenland. Punktabzug und erstmals ein vor dem Sportgericht verlorenes Spiel für Olympiakos, Panathinaikos glänzt mit neuer Offensivlaune, AEK mit kreativem Chaos, dazu ein europäisch in zehn Spielen ungeschlagenes PAOK. Und in der Conference League drohen direkte Duelle.

Doch der Reihe nach. Nach dem Desaster der Vorsaison mit vier Trainern und 47 eingesetzten Spielern erneuerte Rekordmeister Olympiakos alles. Der neue spanische Sportdirektor Antonio Cordon holte seinen Landsmann Diego Martinez nach Piräus und erfüllte ihm den Wunsch nach Verstärkung mit gleich 17 neuen Akteuren.

Das leichte Startprogramm mit fünf Heimspielen in den ersten sechs Spielen brachte die neu aufgestellten Rot-Weißen schnell an die Tabellenspitze. Lediglich beim Doublesieger AEK (1:1) und bei der Europa-League-Niederlage gegen Freiburg (2:3) wurde Olympiakos ernsthaft gefordert.

Olympiakos hadert gegen alle und alles

Dann kam das Heimderby gegen Panathinaikos. Kurz nach der Pause glichen die Hausherren zum 1:1 aus, da warf ein Olympiakos-Anhänger einen Böller auf die sich warmlaufenden Ersatzspieler des Rivalen. Der Spanier Juankar fiel zu Boden und wurde mit Problemen am Trommelfell zu weiteren Untersuchungen in eine Klinik gebracht. Das abgebrochene Spiel wurde auch in letzter Instanz mit 0:3 gewertet, zudem wurde dem Heimteam ein weiterer Punkt abgezogen. Somit verlor Olympiakos erstmals in der Geschichte überhaupt ein Spiel durch ein Sportgerichtsurteil.

Der Klub sprach von einem Skandal und ging auf den Verband und die Politik los. Das Credo: "Verfälschung der Meisterschaft". Zumindest konsequent zum jetzigen "Skandal" kam das Ende der Zusammenarbeit mit der Klinik, in die Juankar eingeliefert wurde, und auch das Ende der Zusammenarbeit mit dem langjährigen Teamarzt.

Panathinaikos, Olympiakos Piräus

Panathinaikos-Profi Juankar muss nach einem Böllerwurf behandelt werden. IMAGO/ANE Edition

Die sportliche Offenbarung aller noch vorhandenen Schwächen folgte bei der 2:4-Heimpleite gegen PAOK (0:4 nach 70 Minuten), was in Piräus schon immer für unruhige Zeiten sorgte. Fast im wöchentlichen Rhythmus gibt es einen schriftlichen Rundumschlag vom Klub auf alle und alles.

Selbst in der Länderspielpause mussten der Verband, der Sportminister, die Regierung, der schwedische Schiedsrichterobmann, die Konkurrenten dran glauben, sogar das Nationalteam wurde zum Thema. Auf die schlichte Idee, Juankar eine gute Besserung zu wünschen oder gar sich beim Spieler zu entschuldigen, kam Klubchef Evangelos Marinakis bislang nicht.

Panathinaikos: Offensiv zum Titel?

Ganz anders ist das Klima beim Tabellenführer Panathinaikos. Der Vizemeister des Vorjahres mit nunmehr vier Zählern Vorsprung auf die Konkurrenz entdeckte zu Saisonbeginn eine neue Offensivpower. Die 32 erzielten Tore nach elf Spielen sind Ligabestwert, genauso die sechs kassierten Gegentreffer.

Vor allem die beiden Stoßstürmer Andraz Sporar und Fotis Ioannidis (mit je acht Pflichtspieltoren) erweisen sich als treffsicher. Die positive Entwicklung des 23-jährigen Ioannidis und dessen Auftritte in der Liga, in der Europa League und im Nationalteam machen die europäische Konkurrenz hellhörig. Das Interesse mehrerer Klubs, darunter der VfB Stuttgart und Eintracht Frankfurt, wie der kicker unlängst berichtete, ist längst hinterlegt.

Die Griechische Super League

Trainer Ivan Jovanovic, der in seiner dritten Saison bei den Grün-Weißen den ersten Meistertitel seit 2010 holen will, kann entsprechend zufrieden mit seiner Offensivabteilung sein. Nur in der Innenverteidigung hakt es nach den längeren Verletzungspausen von Hördur Magnusson (fällt nach Kreuzbandriss bis zum Saisonende aus) und Erik Palmer-Brown, der erst nach der kurzen Weihnachtspause wieder fit sein soll.

Somit stehen aktuell nur der Niederländer Bart Schenkeveld und der aus der Bundesliga bekannte Tin Jedvaj (115 Spiele, fünf Tore für Leverkusen und Augsburg) zur Verfügung. Bei acht Spielen in 26 Tagen (fünf in der Liga, zwei in der Europa League und das Pokalhinspiel gegen Olympiakos) bis zur Weihnachtspause könnte es eng werden.

Kreatives Chaos bei AEK

Der letztjährige Doublegewinner AEK hatte zu Saisonbeginn viele Probleme. Stoßstürmer Levi Garcia (letzte Saison 18 Tore, sieben Assists) fiel lange verletzt aus, in der Liga brachte es der pfeilschnelle Linksfuß bislang nur auf 172 Spielminuten (ein Tor). Die Athener hatten im Sommer ein 20-Millionen-Angebot von Lens für den 26-Jährigen ausgeschlagen und vorzeitig mit ihm bis 2027 verlängert.

Auch Sturmkollege und Kapitän Sergio Araujo fiel mehrmals verletzt aus. Das Team von Mattias Almeyda setzt dennoch kontinuierlich auf Offensive und hat mit 201 Torschüssen mit Abstand die meisten in der Liga. Doch nur 21 Tore zeigen die fehlende Effizienz. Bezeichnend das Spiel gegen Aufsteiger Panserraikos, in dem 36 Torschüsse nur ein 1:1 einbrachten.

Nur ein paar Tage später startete AEK mit einem sensationellem 3:2-Erfolg bei Brighton in die Europa League (ohne sein Innenverteidiger-Duo Domagoj Vida und Harold Moukoudi). Das große Aber: Die Vorfreude auf die laut Almeyda "eigentliche Champions-League-Gruppe" mit Marseille, Brighton und Ajax kostete vor den meisten Europa-League-Partie Punkte gegen kleinere Teams aus der heimischen Liga.

Immerhin in den Derbys ist Almeydas Team derzeit nicht zu schlagen: Dem Remis gegen Olympiakos (1:1) folgten ein Sieg bei Panathinaikos (2:1) und der souveräne Erfolg gegen PAOK (2:0), das erst in der 85. Minute zum ersten Torschuss kam. Nicht unwichtig, wenn man bedenkt, dass sich die Topteams im Frühjahr innerhalb kürzester Zeit mehrmals in den Play-offs wiedersehen und grundsätzlich in der Super League der Direktvergleich zählt.

Zudem bleibt die Euphorie rund um das neue Stadion ungebrochen. Der Zuschauerschnitt von 26.500 ist Topwert in Griechenland, weit vor Olympiakos mit knapp 21.000. Die bisherigen vier Heimspiele in der Champions-League-Qualifikation und der Gruppenphase der Europa League waren ausverkauft, genauso die anstehende Partie gegen Brighton (30. November).

PAOK: In Europa noch ungeschlagen

Europäisch und euphorisch geht es auch bei PAOK zu. In Thessaloniki ist die Stimmung nach dem fast sensationellen 4:2-Triumph bei Olympiakos hervorragend. Vor allem die linke Seite mit Linksverteidiger Abdul Rahman Baba (ehemals Fürth, Augsburg und Schalke) und dem Brasilianer Taison überrannte die Abwehr von Olympiakos mehrmals zum zwischenzeitlichen 4:0.

Mit nur noch fünf Zählern Rückstand auf die Tabellenspitze ist für die Nordgriechen im Titelkampf nun alles drin. Aktuell überragen der Serbe Andrija Zivkovic (zehn Pflichtspieltore, sieben Assists) und der 20-jährige Jungnationalspieler Giannis Konstantelias, der beim Test der Hellenen gegen Neuseeland (2:0) bei seinem Debüt direkt traf.

Noch besser läuft es für PAOK in der Conference League. In zehn Auftritten in Quali und Gruppenphase blieb das Team von Coach Razvan Lucescu ungeschlagen - nicht gerade selbstverständlich für ein griechisches Team. Mit einem Punktgewinn nächste Woche im "Endspiel" um Platz Eins bei Eintracht Frankfurt (30. November), könnten die Weiß-Schwarzen nach dem schon erreichten Weiterkommen, auch das direkte Ticket fürs Achtelfinale im März 2024 lösen. Dass sie wissen, wie es geht, bewiesen die Nordgriechen zuletzt 2022, als sie erst im Viertelfinale der Conference League an Olympique Marseille scheiterten.

Ein Traum für alle vier Topklubs

Aktuell stehen alle drei Europa-League-Teilnehmer (Olympiakos, AEK und Panathinaikos) auf Platz drei ihrer jeweiligen Gruppe. Bliebe dieser Zwischenstand bis nach Ende der Gruppenphase bestehen, so stünden alle drei vor dem "Abstieg" in die Conference League - in der PAOK bereits für die K.-o.-Phase qualifiziert ist.

Ein europäisches Überwintern aller vier Topklubs wäre für den griechischen Fußball enorm wichtig, könnte aber auch für die diesjährige Titelentscheidung im Hinblick auf die direkten Duelle in den Play-offs ausschlaggebend werden. Nationale Duelle in einem europäischen Wettbewerb, die es so in Hellas noch nie gab, sind zwar erst ab dem Viertelfinale möglich, doch angesichts des diesjährigen Finalortes sind Träume erlaubt. Den 29. Mai im neuen AEK-Stadion Agia Sophia haben sich die Fans aller vier Klubs schon vorgemerkt. Immerhin eine Gemeinsamkeit.

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