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Tennis, US Open: Dominic Thiem legt sein Verlierer-Image ab

Österreicher feiert im vierten Major-Finale seinen ersten Triumph

Thiem legt sein Verlierer-Image ab: "Der Titel hier hat mich nicht mehr überrascht"

Dominic Thiem

Geschafft: Dominic Thiem erfüllt sich seinen "Lebenstraum". Getty Images

In der digitalen Pressekonferenz nach dem Endspiel der US Open zeigte sich Thiem als nüchterner Analyst seines Erfolges, doch ist dem Weltranglistendritten vollkommen bewusst, dass sich dies in den kommenden Tagen komplett wandeln wird, denn seine sportlichen Prioritäten waren glasklar gesetzt: "Ich habe praktisch mein ganzes Leben dem Gewinn eines Grand-Slam-Turniers untergeordnet."

Ich habe praktisch mein ganzes Leben dem Gewinn eines Grand-Slam-Turniers untergeordnet.

Dominic Thiem

Thiem hatte schon drei Anläufe unternommen, seinen "Lebenstraum" Realität werden zu lassen, doch in Paris zerplatzte dieser an Rafael Nadal (2018 und 2019) jeweils im Finale, in den beiden Jahren zuvor schied er im Halbfinale aus. "Ich dachte lange Zeit, dass ich nur eine Chance auf einen Major-Titel bei den French Open habe würde", so Thiem. Eine logische Schlussfolgerung, schließlich hatte er 2019 bei den drei anderen Grand-Slam-Turnieren zweimal ein Erstrunden-Aus (US Open, Wimbledon) zu verkraften, in Melbourne war nach der zweiten Runde Schluss.

Offenbarung ATP Finals

Und dennoch bahnte sich Ende des vergangenen Jahres ein Wandel an. "Als ich letztes Jahr im Endspiel der ATP Finals gestanden hatte (Dreisatz-Niederlage gegen Tsitsipas, d. Red.), wurde mir klar, dass mein Spiel auch sehr gut zu Hardcourt passt. Bei den Australian Open habe ich dann mein bisher bestes Major gespielt und das mit dem Finaleinzug (Niederlage in fünf Sätzen gegen Djokovic, d. Red.) bestätigt. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass ich auch außerhalb von Paris einen großen Sieg erreichen kann. Deshalb hat mich der Sieg hier in New York auch nicht mehr überrascht."

Und doch verspürte Thiem, der von außen betrachtet als Favorit in das Endspiel gegen Zverev ging, in der Anfangsphase des Duells mit seinem Hamburger Freund eine unglaubliche Last. Die Schublade mit der Aufschrift "Grand-Slam-Final-Verlierer" war schon wieder mehr als nur einen Spalt breit geöffnet. "Ich war total verkrampft, habe mich so sehr unter Druck gesetzt, diesen Titel unbedingt zu gewinnen. Das alles hat mich mental total gelähmt, meine Beine waren schwer, mein Arm war schwer. Aber glücklicherweise hat sich dies dann im dritten Satz gelöst."

Das alles hat mich mental total gelähmt, meine Beine waren schwer, mein Arm war schwer.

Dominic Thiem

Der Wendepunkt des Endspiels - für Thiem wie Zverev war dies das Re-Break im dritten Satz zum 3:3, als der Wiener Zverevs Lauf abrupt stoppte. Plötzlich war die Psyche seines Kontrahenten angeknackst, der zwar weiterhin Chancen hatte, das Momentum zurückzuholen, aber eben nicht nutzte. Im entscheidenden fünften Satz war Thiems Lebenstraum abermals akut gefährdet, als Zverev beim Stand von 5:3 zum Matchgewinn aufschlug. "Wir waren beide nervlich total angespannt, weil wir beide wussten, dass die Chance auf den Titel ohne die 'Großen Drei' (Federer und Nadal traten nicht an, Djokoic wurde im Achtelfinale disqualifiziert, d. Red.) riesengroß war. Diesen Druck hat man dann auch bei Zverev gemerkt. Und ich habe mich zu diesem Zeitpunkt körperlich total schlecht gefühlt, hatte Krämpfe - etwas, was mir schon seit Jahren nicht mehr passiert ist."

Thiem kam durch diese kritische Phase, auch "weil der Kopf stärker war als mein Körper". Abzulesen war dies beim Stand von 4:5 und 30:30. Der Österreicher servierte, Zverev schien dem Breakball nahe, doch Thiem packte eine perfekt platzierte Raketen-Vorhand aus. Beim nächsten Ballwechsel schien wieder Zverev obenauf, stürmte gut vorbereitet ans Netz, doch wieder feuerte Thiem eine Vorhand in höchster Bedrängnis zum Spielgewinn übers Netz. Bald darauf folgte der Tie-Break, in dem sich Thiem abermals nervenstärker zeigte.

Als Zverevs Rückhand beim Matchball ins Aus segelte, fiel Thiem einfach um und fühlte "nur noch eine große Befreiung, denn ich gewinne ja nicht nur für mich alleine, sondern für mein Team und meine Familie. Heute war der Tag, an dem ich sehr viel von dem zurückgegeben habe, was sie für mich in die Wege geleitet haben."

Botschaft an Nadal

Befreiung ist auch das Stichwort für das nächste große Highlight - Ende des Monats starten die French Open. "Körperlich ist Paris kein Problem für mich, ich habe jetzt genügend Zeit, um meine Akkus wieder aufzuladen. Mental ist das aber eine ganz andere Situation für mich nach diesem Traum hier in New York. Aber ich glaube schon, dass ich dort jetzt viel befreiter spielen kann."

Sandplatz-König Nadal dürfte dies gehört haben. Thiem hat sein "Verlierer-Image" bei den Majors eindrucksvoll abgelegt.

bst