2. Bundesliga

St. Paulis Höhenflug mehr als Momentaufnahme

Die Lage nach neun Spieltagen

Tatsächlich Spitze: FC St. Paulis Höhenflug mehr als eine Momentaufnahme

Am Millerntor herrscht derzeit kollektive Jubelstimmung.

Am Millerntor herrscht derzeit kollektive Jubelstimmung. imago images/MIS

Die Loblieder der gegnerischen Trainer kann Timo Schultz mittlerweile beinahe mitsingen. Weil sie sich regelmäßig wiederholen und in gewisser Weise auch Teil eines Spiels sind.

Widerspruch zwecklos

Wenn etwa Christian Eichner vom Karlsruher SC den FC St. Pauli nach einem verloren gegangenen Kräftemessen überschwänglich lobt, steckt auch ein wenig Kalkül dahinter, die eigene, ebenfalls als Geheimfavorit gehandelte Mannschaft, ein wenig aus dem Fokus und den Rivalen gleichzeitig in diesen zu rücken. St. Paulis Coach hat darauf bislang stets mit einem Bremsversuch reagiert. Bis zum vergangenen Sonntag, dem 3:0 gegen Dresden. Weil er weiß, dass Widerspruch zwecklos ist?

58 Punkte im Jahr - auch das ist spitze

Der Kiez-Klub ist nicht allein in einer Momentaufnahme Erster, sondern mit nun 58 Punkten souveräner Zweitliga-Spitzenreiter in der Ganzjahres-Tabelle. Schultz hat einer Mannschaft, die in der ersten Hälfte des Jahres 2021 schon mit Spektakeln verzückte, mittlerweile auch defensive Stabilität vermittelt. Und er hat von Andreas Bornemann einen Kader zusammengestellt bekommen, in dem es nichtmal auffällt, wenn er mit einer Vielzahl an Ausfällen klarkommen muss.

Am Sonntag gegen Dynamo fehlte wie in jeder Partie dieser Spielzeit mit Sebastian Ohlsson der Mr. Unverzichtbar der beiden Vorjahre, mit Finn Ole Becker das von Bundesligaklubs umworbene Mittelfeldtalent, dazu wieder einmal der Sechser Eric Smith. Sommer-Königstransfer Etienne Amenyido und Offensiv-Juwel Igor Matanovic standen noch keine Minute auf dem Platz - das bedeutet im Umkehrschluss keineswegs, dass die Hamburger automatisch noch besser werden, wenn sich das Lazarett lichtet. Es bedeutet aber in jedem Fall, dass sie bislang keineswegs von einer glücklichen Saisonphase, in der sportlich und personell alles zusammenläuft, profitieren.

Trainer Schultz "ein Freund von Euphorie"

Dresdens Alexander Schmidt hat St. Pauli am Sonntag dezidierter als jeder andere gegnerische Trainer analysiert und sich auch bezüglich einer Prognose festgelegt: "Der Aufstieg geht dieses Jahr über St. Pauli." Dass Schultz dies als Mithörer im Pressekonferenzraum mit einem Lächeln quittierte, hat Schmidt registriert und trocken hinzugefügt: "Ist halt so …" Die Gründe sind aus seiner Sicht vielschichtig: "Sie sind nach vorn laufstark, schnell und kreativ, dazu hinten brutal stabil. Sie sind der stärkste Gegner, den wir hatten. Das hat schon unsere Analyse vor der Partie ergeben." Und Dynamo hat bereits mit Werder, dem HSV, Paderborn und Heidenheim die Klingen gekreuzt.

Drei Darmstädter und zwei Einser in der kicker-Elf

Schultz nimmt die Worte mittlerweile auf, anstatt sie abzuwehren. "Ich kann die Tabelle auch lesen. Und ich will auch gar nicht die Euphoriebremse treten. Im Gegenteil, ich bin ein Freund von Euphorie. Wir dürfen nur nicht aufhören zu arbeiten, müssen im Idealfall noch eine Schippe drauflegen." Bezüglich der Defensivarbeit ist ihm dies im Vergleich zur bereits viel beachteten Rückrunde der Vorsaison eindrucksvoll gelungen. Nur acht Gegentore sind der statistische Beleg für den Fortschritt und der 44-jährige Ostfriese sagt: "Das ist sicherlich der größte Anker, den wir vor der Saison gesetzt haben." Gegen Dresden verordnete er seinen Spielern sogar Verschnaufpausen während des bevorzugten Kombinationswirbels und bilanziert: "Es ist der größte Schritt, dass wir selbst, wenn wir tief stehen, den Gegner trotzdem weit weg von unserem Tor halten können."

Ich kann die Tabelle auch lesen. Und ich will auch gar nicht die Euphoriebremse treten. Im Gegenteil, ich bin ein Freund von Euphorie. Wir dürfen nur nicht aufhören zu arbeiten.

Timo Schultz

Die Loblieder kommen mittlerweile nicht nur von den gegnerischen Trainern, Wachsamkeit aber will er den Seinen nach wie vor vermitteln. Denn mit der Tabellenposition verändert sich auch die Wahrnehmung, und Sportchef Bornemann hat schon im September registriert: "Die Widerstände werden dadurch größer. Diese Situation erfordert von uns den nächsten Entwicklungsschritt. Wir müssen zulegen, denn wenn wir stehen bleiben, holen uns die anderen ein."

Sebastian Wolff

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