Champions League

Taktik-Tüftler Guardiola fehlt das psychologische Gespür

Startelf des Bayern-Trainers ein Fehlgriff

Taktik-Tüftler Guardiola fehlt das psychologische Gespür

Lag mit seiner Startelf daneben und korrigierte zu spät: Bayern-Trainer Pep Guardiola.

Lag mit seiner Startelf daneben und korrigierte zu spät: Bayern-Trainer Pep Guardiola. imago

Aus Madrid berichtet kicker-Chefreporter Karlheinz Wild

In München am kommenden Dienstag ist zumindest ein Sieg mit zwei Toren Vorsprung nötig - oder ein positiver Elfmeter-Showdown, um nach 1999, 2001, 2010, 2012 und 2013 erneut das Endspiel dieses zur Saison 1992/93 installierten Wettbewerbs zu erreichen.

Die Chancen für ein Happyend sind durchaus noch vorhanden, allerdings müssen die Münchner die optimale Balance zwischen stürmischer Offensive und abgesicherter Defensive finden. An dieser Aufgabe ist Pep Guardiola mit den Seinen schon 2014 gegen Real Madrid und 2015 gegen den FC Barcelona gescheitert. Und sollte es in seinem letzten Münchner Jahr erneut schiefgehen, würde ein erneuter Knockout vor der letzten Station, die am 28. Mai Mailand heißt, an diesem prominenten Trainer festgemacht - und das zu Recht.

Guardiolas Startelf: Ein Fehlgriff

Denn seine Startelf für den Auswärtsauftritt bei Atletico geriet zum Fehlgriff. Es war gewagt und in der Konsequenz falsch, Thomas Müller zunächst auf die Bank zu setzen. Guardiola verzichtete damit auf 31 Pflichtspieltreffer 2015/16, deren acht gelangen Müller in der internationalen Saison. Guardiola schloss mit dieser eigenwilligen Entscheidung aber nicht allein seinen zweitbesten Torjäger freiwillig aus, sondern auch einen absoluten Leader. Müller treibt an und gibt Kommandos, er ist ein emotionales Zentrum dieser Mannschaft. Müller steht mittlerweile für diesen Klub. Gerade aber in diesen großen Spielen geht es nicht nur um Taktik wie die Verbreiterung des Mittelfelds, sondern auch um Mentalität und Routine auf dem Platz, um das psychologische Moment.

Da hat Guardiola in dieser Partie einmal mehr seine Defizite offenbart. Auch Franck Ribery erwählte er nicht für diese Anfangsformation, was sportlich nicht völlig unbegründet war, weil der Franzose nach der langen Pause noch nicht in seiner Topform glänzt, trotz gelegentlicher Geniestreiche. Aber für eine derart außergewöhnlich aufgeheizte Atmosphäre, wie sie in diesem Stadion Vicente Calderon herrscht, wäre der Lust-und-Laune-Fußballer Ribery der richtige Mann gewesen: Er lässt sich davon pushen, er ist erfahren und eine Autorität am Ball.

Costa und Coman: Kein Umgang mit großen Spielen

Statt den Linksaußen Ribery und Müller, der es auch als Rechtsaußen kann - in dieser Rolle ist er bei Deutschlands weltmeisterlicher Elite unverzichtbar -, vertraute Guardiola Douglas Costa (25) und Kingsley Coman (19). Beide sind zwar pfeilschnell und gewandte Dribbler - was sie in Madrid zu selten nachwiesen; doch beide haben keinen Umgang mit so großen Spielen. Müller und Ribery kennen und lieben diese spezielle K.-o.-Herausforderung.

Statt seine Irrtümer zumindest zur Pause zu korrigieren, ließ Guardiola Müller und Ribery mehr oder weniger den halben zweiten Durchgang warmlaufen. Vor allem Müller kam viel zu spät (70. Minute), weil er in der starken Phase nach dem Wechsel der ideale Mann für das Getümmel im Strafraum und ein gewiss hilfreicher Partner für den Einzelkämpfer in vorderster Linie, Robert Lewandowski, gewesen wäre. Müller ist kein Mann für 20 Minuten.

Thiago: Schnörkel-Stil ohne Wettkampfhärte

Bayern-Trainer Pep Guardiola und der ausgewechselte Thiago.

Bayern-Trainer Pep Guardiola und der ausgewechselte Thiago. Getty Images

Erhellend wirkte diese intensive und prickelnde Partie in weiteren Personalien. Juan Bernat erfüllt die Ansprüche auf diesem Niveau nicht, genauso wenig bringt es der technisch hochbegabte Thiago, der lieber seinen Schnörkel-Stil kultiviert, als mit Wettkampfhärte, die er in Zweikämpfen durchaus hätte, entgegenzuhalten. Xabi Alonsos Mängel im Tempo sind bekannt und werden in solchen internationalen Großduellen noch offensichtlicher. Dazu hatten Javi Martinez - nach langer Verletzung noch nicht im Rhythmus - und David Alaba im Abwehrzentrum gelegentliche Stellungs- und Abstimmungsprobleme. Und Douglas Costa, in der Hinserie stark, dennoch in der Wahrnehmung überhöht, wird seit der Winterpause auf sein wohl wahres Leistungsvermögen zurechtgestutzt.

Es droht das negative Triple

Dennoch ist die Zulassung zum Finale 2016 durchaus noch möglich. Die Qualität hat dieser großartige Bayern-Kader, im Spiel nach vorne wie nach hinten. Der Trainer darf es nur nicht übertreiben mit seinen taktischen Tüfteleien. Sonst droht ihm in seiner Münchner Periode ein ganz und gar nicht gewünschtes Triple: Das dreimalige Aus im Halbfinale - und das auch noch gegen seine spanischen Landsleute.

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