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"Süchtig nach Leidenschaft": Wie KCorp der LEC Rekorde holt

Shonen und Carpe Diem als Leitmotive

"Süchtig nach Leidenschaft": Wie KCorp & Co. die LEC zu Rekorden führen

Wenn die Spieler von Karmine Corp einlaufen, wird es in der Regel laut.

Wenn die Spieler von Karmine Corp einlaufen, wird es in der Regel laut. Stephanie Lindgren/Red Bull Content Pool

Drei Matches, drei Niederlagen: Die erste Spielwoche in der League of Legends EMEA Championship (LEC) geriet für Neuling Karmine Corp zum sportlichen Fehlstart. Die französische Organisation belegt nach dem Auftakt in den Winter Split 2024 gemeinsam mit Team Vitality den letzten Tabellenplatz. Während KCorp, wie das Team auch genannt wird, also Lehrgeld auf den Lanes bezahlte, trägt dessen Teilnahme für die LEC bereits süße Früchte. 

Laut Esports Charts sahen in der Spitze 741.450 Leute gleichzeitig das KCorp-Duell mit MAD Lions KOI. Damit wurde ein neuer Zuschauer-Rekord für die reguläre LEC-Saison aufgestellt - einzig die Play-offs sorgten in der Vergangenheit schon mal für größere Zahlen. 644.501 Menschen verfolgten tags zuvor im Peak bereits die Begegnung der Franzosen mit Titelverteidiger G2, was den zweitbesten Wert der ersten Woche darstellt. Immer noch fast 180.000 mehr als das reichweitenstärkste Match der regulären Saison im Winter 2023. 

Wir wissen, dass wir - wohin wir auch gehen - Leute haben, die Geld dafür ausgeben, uns anzufeuern.

Arthur Perticoz, Geschäftsführer von Karmine Corp

KCorp hatte im vergangenen Herbst das Gros der Anteile am LEC-Slot von Astralis übernommen - für knapp 18 Millionen Euro. Gegründet wurde die Organisation im März 2020 von den beiden Streamern Kamel 'Kameto' Kebir und Zouhair 'Kotei' Darji. Den heutigen Namen, Karmine Corp, nahm sie nach dem Einstieg von Rapper und Unternehmer Amine 'Prime' Mekri im November desselben Jahres an. Seither dominierte KCorp die französische LoL-Landschaft und gewann viermal die EMEA Masters. 

Mit Flaggen, Schals und Trikots untermalten die KCorp-Fans in Berlin ihren Support. Marcel Lämmerhirt/Red Bull Content Pool

Was auf die LEC zukommen würde, war schon vor einigen Wochen abzusehen: Hunderte, vielleicht sogar Tausende von KCorp-Fans waren im Dezember nach Berlin gepilgert, um ihr Team zu unterstützen. "Red Bull League of Its Own" hatte große deutsche, aber auch internationale LoL-Organisationen - darunter Weltmeister T1 - zum Wettkampf geladen. Dass das Event zur atmosphärisch hochkarätigen Veranstaltung avancierte, lag zum großen Teil an den frenetischen Franzosen, die alles andere schlicht übertönten. Im Positiven wie im Negativen: T1 und 'Faker' wurden vor und während ihrer Partie gegen den LEC-Debütanten immer wieder ausgebuht. 

"Die Verbindung zwischen der Organisation und den Fans ist einzigartig. Wie man heute sieht", sagt KCorp-Geschäftsführer Arthur Perticoz im Gespräch mit kicker eSport in Berlin. "Wir wissen, dass wir - wohin wir auch gehen - Leute haben, die Geld dafür ausgeben, uns anzufeuern. Es ist teuer, von Frankreich nach Deutschland zu kommen. Aber die Fans sind immer da." Doch wie hat es KCorp innerhalb von nicht mal vier Jahren geschafft, diese loyale Anhängerschaft aufzubauen? 

Shonen: KCorp soll "Reise" und "Abenteuer" sein

Der Ursprung dieser "Verbindung zwischen Organisation und Fans" liegt Perticoz zufolge bei den Gründern: "Am Anfang stand der Traum: Zwei Jungs, zwei Content Creator. Einer von Twitch, der andere von YouTube. Sie haben sich dazu entschlossen, eine Organisation zu formen, die ihre Werte und DNA verkörpert. Die ihre Communities zusammenführt und etwas Größeres erschafft als ihre eigenen Karrieren." Erst danach sei KCorp "zum Geschäft geworden". 

"Reise" und "Abenteuer" sind Worte, die der CEO immer wieder wählt. Das Verfolgen von KCorp soll zum Erlebnis werden. "In Frankreich nennen wir das Shonen, wie die japanischen Mangas", sagt Perticoz. Beim Shonen-Genre stehen klassischerweise Action und der Kampf gegen übermächtige Kontrahenten im Vordergrund. Letzterem könnten die Franzosen in der LEC nun entgegenblicken.

Wir müssen weiterhin unsere Fans um uns scharen. Wenn wir unsere Community verlieren, haben wir nichts mehr.

Arthur Perticoz, Geschäftsführer von Karmine Corp

Der Fanatismus der Fans hat aber auch seine Kehrseite. "Es stehen so viele Leute hinter der Organisation und dem Team. Wir müssen alles geben, was möglich ist. Bislang haben wir viel gewonnen, diesen Standard müssen wir halten. Das ist großer Druck", meint KCorp-eSportler Lucas 'Saken' Fayard, der Mid-Laner im LoL-Team ist. Auch Perticoz spricht von "gemischten Gefühlen". Auf der einen Seite stehe die Leidenschaft - auf der anderen ebenjener Druck. Diesen teile sich der Geschäftsführer mit den Gründern: "Wenn wir morgens aufwachen, wollen wir sicherstellen, dass der Tag zählt und uns weiter bringt." Carpe Diem als Gegenleistung für den Support. 

Es sei die Aufgabe aller Mitarbeiter der Organisation "nicht nachzulassen". Denn: "Wir müssen weiterhin unsere Fans um uns scharen. Wenn wir unsere Community verlieren, haben wir nichts mehr." Sorgen muss sich Perticoz darüber vorerst wohl kaum machen - daran dürften auch ein paar Niederlagen in der LEC nichts ändern. Dennoch kann der Saisonstart den Verantwortlichen bei KCorp überhaupt nicht gefallen haben.  

"Warum sollten wir dann überhaupt antreten?"

"Wir sind nicht hier, nur um hier zu sein. Wir sind hier, um zu gewinnen. Um alles zu gewinnen", stellt Perticoz klar. "Ob es direkt der erste Split wird oder erst in zwei Jahren passiert. Wir wollen irgendwann das beste Team der Welt werden. Wenn wir nicht fähig sind, die Besten zu werden - warum sollten wir dann überhaupt antreten?" Auf Dauer zähle für die Franzosen "nur der erste Platz". Diese Ambition unterstreicht auch LoL-Spieler 'Saken': "Wir wollen gewinnen. Das ist der KCorp-Weg. Das ist unser Ziel." 

Aus diesem Grund spiele es bei der Kaderzusammenstellung keinerlei Rolle, ob potenzielle Neuzugänge auch Stärken im Entertainment-Segment haben. "Wir verpflichten keine Content Creator für das Team, die Spieler müssen nicht streamen. Das steht nicht in ihrem Vertrag. Wir haben genügend großartige Content Creator - wir wurden ja von ihnen gegründet", erklärt der CEO. "Die Spieler müssen professionell sein, den Fokus auf Erfolg richten und als Team zusammen funktionieren. Das sind unsere Kernwerte." 

'HandOfBlood' sieht Vorbilder in der "Mobilisierung"

Werdegang und Ansatz von KCorp sind ähnlich zu Eintracht Spandau (EINS), das von Content Creator Maximilian 'HandOfBlood' Knabe gegründet wurde. Der EINS-Präsident sieht Vorbildmaterial: "Was in Deutschland noch fehlt, ist die Mobilisierung der Zuschauenden. Da kann man klare Vergleiche mit Frankreich und Spanien ziehen. Mit KCorp oder MAD Lions KOI." Auch die letztgenannten Löwen begeistern nämlich die LoL-Massen und wurden von einem Streamer gegründet - dem Spanier Ibai Llanos. Kein Wunder, dass das erste direkte Duell der beiden Content-Creator-Teams gleich eine Zuschauer-Bestmarke aufgestellt hat.

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Profitiert die LEC also mehr von KCorp als KCorp von der LEC? "Ich glaube, dass alle mit unserem Einstieg glücklich sind. Wir sind es offensichtlich", sagt Perticoz. National und auf der internationalen Ebene unterhalb der Königsklasse habe man schließlich "alles durchgespielt". Entsprechend sei es für die eSportler auch schwierig geworden, "Jahr für Jahr dasselbe zu geben, ohne die gläserne Decke durchbrechen zu können." Diese ist nun pulverisiert. Auch dank der zahlreichen Unterstützer. 

Die Fähigkeit zur Emotionalisierung der eigenen Anhänger zeichnet KCorp aus - und treibt die Organisation an. "Wir sind süchtig nach der Leidenschaft, die uns entgegengebracht wird. Wenn wir die verlieren, kollabiert diese Firma", sagt Perticoz. Eine Firma, die sich nach außen natürlich nicht als Firma inszeniert. "Die Menschen sehen uns als eine große Familie", meint 'Saken' und legt vollmundig nach: "Es gibt in Europa keine Organisation, die denselben Stellenwert für ihre Fans hat."

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