Bundesliga

Streichs Appell an die Haltung: "Es ist alles in Frage gestellt"

Freiburgs Trainer erneuert seine Schiedsrichter-Kritik

Streichs Appell an die Haltung: "Es ist alles in Frage gestellt"

Er erwartet von seiner Mannschaft ein anderes Gesicht: SC-Coach Christian Streich.

Er erwartet von seiner Mannschaft ein anderes Gesicht: SC-Coach Christian Streich. imago images

"Es war deprimierend diese erste Halbzeit nochmal anschauen zu müssen, für die Spieler und mich als Trainer", erzählt Streich über das Studium der 45 Minuten, in denen die Freiburgers Profis wider besseren Wissens und recht körperlos den Mainzer Stärken in die Karten spielten, folgerichtig zur Pause mit 0:3 zurücklagen. Vor dem 0:1 wurde nicht wie besprochen der Raum hinter Torschütze Mateta verteidigt, der für seine gefährlichen Tiefenläufe bekannt ist. Bei den beiden anderen Mainzer Treffern hat Streich ein "gravierendes Fehlverhalten gleich mehrerer Spieler" festgestellt.

Aber auch mit Abstand spricht Streich unter dem Eindruck der intensiven Videoarbeit erneut einen zweiten Punkt an, der "extrem deprimierend" sei: "Zum wiederholten Male die Entscheidungen, die getroffen wurden." Das 0:1 trotz des Fouls von Mateta an Santamaria anzuerkennen, bezeichnet Streich als "hanebüchen". Zudem beklagt er, dass es beim Handspiel von Barreiro in der zweiten Hälfte keine "Video-Meldung" gab und auch die Entscheidung des Schiedsrichterteams um Martin Petersen, den Treffer von Demirovic kurz vor Schluss zum vermeintlichen 2:3 zu annullieren, versteht der 55-Jährige nicht: "Ich weiß nicht, welche Hände auf dem Ball gewesen sein sollen."

Wir mussten ernste und klare Worte miteinander sprechen. Es geht um Fehler und eine grundsätzliche Haltung.

Christian Streich

Bei solchen Entscheidungen habe sein Team in der aktuell schwachen Verfassung "dann gar keine Chance mehr", findet Streich, um dann aber wieder eine Rangfolge seiner zwei Ärgernisse aufzustellen: "An erster Stelle steht, wie wir gespielt haben." Und das war trotz der Steigerung nach der Pause und einer auch in der ersten Hälfte teilweise guten Struktur im Aufbauspiel unterm Strich: schlecht. "Wir mussten ernste und klare Worte miteinander sprechen. Es geht um Fehler und eine grundsätzliche Haltung", unterstreicht Streich die zwei Dimensionen des schwachen Gesamtauftritts: "Es waren einige Spieler dabei, die nicht mit allem, was sie haben, in die Zweikämpfe gegangen sind. Das können wir uns nicht erlauben. Diese Leistung können wir so nicht stehen lassen."

"Es ist nicht entscheidend, wer von Anfang an auf dem Platz steht"

Was sind die Konsequenzen? "Es ist alles in Frage gestellt, es ist alles offen", sagt Streich auf die Frage nach möglichen personellen Alternativen zur Stammelf, die er in den vergangenen Wochen trotz der mageren Punktausbeute nur selten und wenn dann moderat verändert hatte. "Am Samstag ist es aber nicht entscheidend, wer von Anfang an auf dem Platz steht, sondern wie die Jungs auf dem Platz stehen", erklärt Streich und verdeutlicht mit eindringlichen Worten, was er vor allem in der Partie beim FCA sehen will: ein ganz anderes Auftreten. "Selbstbewusstsein hole ich mir als Spieler über Haltung im Zweikampf und taktische Disziplin. Es geht für jeden Einzelnen darum, sein Territorium zu verteidigen und im Eins-gegen-eins besser zu sein als der Gegenspieler."

Wer bekommt die zehn Feldspieler-Mandate, um die Forderungen umzusetzen? Welche tauglichen Alternativen bieten sich Streich? Darauf will der Fußballlehrer nicht konkret eingehen. Klar ist hingegen: Eine interessante Option fällt die nächsten zwei, drei Wochen wieder weg. Rechtsverteidiger Lukas Kübler hat sich nach zwei individuell vielversprechenden Startelfeinsätzen gegen Leverkusen (2:4) und in Leipzig (0:3) im Testspiel gegen Sandhausen vor zwei Wochen einen Muskelfaserriss im Adduktorenbereich zugezogen, wie der SC nun bekannt gab. So ist der gegen Mainz zu den Schwächsten zählende Ex-Augsburger Jonathan Schmid, dem die Versetzung auf die offensive Außenbahn gegen Leverkusen gutgetan hatte, aktuell hinten rechts nahezu konkurrenzlos.

Abrashi als aggressive Alternative?

Flügelspieler Chang-Hoon Kwon wird nach der gestern abgelaufenen Quarantäne in Folge seiner COVID-19-Infektion ebenso keine Option für die Partie am Samstag sein. Da der inzwischen wieder negativ getestete Südkoreaner laut Streich "geringe Symptome" gezeigte hatte, werde man auch mit Blick auf mögliche Spätschäden kein Risiko eingehen. Ein individuelles Trainingsprogramm mit Physiotherapeut Uwe Vetter nächste Woche sei avisiert.

Amir Abrashi, der wegen der Pflichtquarantäne nach seinen Länderspielreisen mit Albanien gegen Mainz fehlte, trainiere laut Streich hingegen voll mit: "Da ist alles okay." Der 30-Jährige könnte mit seinem bissigen und zweikampfstarken Spielstil eine Alternative für das defensive Mittelfeld sein, eine der aktuellen Problemzonen.

In der Innenverteidigung brennen die bundesligaerprobten Kräfte Manuel Gulde und Keven Schlotterbeck auf ihre Chance, ansonsten bietet der Kader derzeit kaum Akteure mit Erfahrung im deutschen Oberhaus. Die drei Offensivspieler Woo-Yeong Jeong, Ermedin Demirovic und Guus Til kommen beispielsweise zusammen nur auf 15 überwiegend kurze Bundesligaeinsätze. Nur Jeong stand bisher einmal in der Startelf - beim 3:2-Auftakterfolg in Stuttgart, dem bisher einzigen Freiburger Saisonsieg. Damals startete die Streich-Elf überraschend im 4-1-4-1. Das könnte auch in Augsburg eine interessante Variante sein. Aber auf das System wird es laut Streich am Samstag ja nicht ankommen. Sondern auf die Art und Weise, wie seine Spieler um die drei möglichen und so dringend benötigten Punkte kämpfen. Dann wird man sehen, inwieweit die ernsten Worte und die Arbeit des Trainerteams um Streich unter der Woche bei den Spielern gefruchtet haben.

Carsten Schröter-Lorenz