Bundesliga

Streich: "In der Schweiz wurde Urs Fischer nicht immer nett behandelt"

Freiburgs Trainer über Unions Stärken und "Niederlage" in der kicker-Umfrage

Streich über Fischer: "In der Schweiz wurde er nicht immer nett behandelt"

Gut gelaunt, auch ob der guten Zwischenbilanz: Freiburgs Coach Christian Streich.

Gut gelaunt, auch ob der guten Zwischenbilanz: Freiburgs Coach Christian Streich. imago images

"Ich kann es kaum ertragen", sagt Streich mit einem Augenzwinkern über das Ergebnis der traditionellen kicker-Umfrage unter diesmal über 55.000 Lesern, deren Auswertung in der aktuellen Donnerstagsausgabe erschienen ist. Die listet Streich im Trainer-Ranking mit einer Durchschnittsschulnote von 1,77 auf Platz 2, zu Primus Fischer besteht nur ein Unterschied von 0,01 Notenstufen.

Trotz dieser hauchdünnen "Niederlage" freut sich Streich über eine solch gute Zensur: "Ich habe nicht oft in der Schule so eine Note gehabt und wenn ich jetzt eine Klausur schreiben müsste, würde ich sie wahrscheinlich auch wieder nicht schaffen. Deshalb bin ich froh, dass die Leute das Urteil fällen." Streich meint, er profitiere davon, dass trotz seiner Bekanntheit auf persönlicher Ebene eine Distanz zum wertenden Publikum bestehe: "Zum Glück kennen sie mich nicht näher, sonst würde wohl kein Einser vorne dran stehen, sondern vielleicht ein Dreier oder ein Vierer. So ist es mir natürlich lieber."

Trainersteckbrief Streich
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Streich Christian

Trainersteckbrief Fischer
Fischer

Fischer Urs

Ein cooler Typ, ganz anders als ich, viel ruhiger.

Christian Streich über Urs Fischer

Streich ist wenig überraschend gut gelaunt in diesen Tagen, in denen seine Mannschaft mit 31 Punkten und 35 Toren die bisher beste Bilanz seiner Amtszeit nach 21 Partien vorweisen kann. Sein Lob für den Trainerkollegen Fischer hätte er vermutlich aber auch in sportlich ungemütlicheren Zeiten genauso vorgetragen: "In jetzt drei Saisons bei Union Berlin hat Urs den Verein von der 2. Liga dorthin geführt, wo sie gerade in der Bundesliga stehen - kein Wunder, dass alle Leute fragen, was passiert dort eigentlich? Herausragende Arbeit, die er dort leistet. Die Entwicklung ist spektakulär."

Fischer sei ein "cooler Typ, ganz anders als ich, viel ruhiger". Das hänge vermutlich auch mit Vorkommnissen in Fischers Heimat zu tun, glaubt Streich: "Es gab auch mal Ärger in der Schweiz, da sind Dinge passiert, die nicht so einfach waren in seiner Zeit beim FC Basel. Da hat er alles gewonnen, wurde aber von allen Seiten nicht immer nett behandelt. Solche Sachen hinterlassen ja auch Spuren."

Streich zählt Unions Stärken auf

In Köpenick hat Fischer schon jetzt sehr erfolgreiche Spuren hinterlassen und eine Mannschaft geformt und entwickelt, die in der Regel nur sehr schwer zu besiegen ist. Streich zählt die vielen Stärken auf: Union habe hohes Tempo im Angriff durch Awoniyi und Co., gute Distanzschützen wie Gentner und Andrich, mit Trimmel den wohl besten Flankengeber der Liga, sei insgesamt sehr kopfballstark und besonders bei Standards gefährlich. "Da hauen sie sich mit Wucht, Überzeugung und ohne Rücksicht auf sich und andere rein. Da muss man sie absolut loben", findet der 55-Jährige: "Sie kommen extrem über Körperlichkeit, Aggressivität und Präsenz."

In dieser Hinsicht müsse sein Team dagegenhalten und in der gegnerischen Hälfte ballsicherer und präziser agieren. Dafür sei allgemein viel Laufarbeit und in den richtigen Momenten mehr Tiefensprints und Kreuzbewegungen als zuletzt nötig, um gefährliche Angriffe aufziehen und vollenden zu können. Die zuletzt eher schwache Punktausbeute der fünfmal hintereinander sieglosen Berliner schreibt Streich fehlender Effizienz zu und womöglich habe auch mal der "eine oder andere Meter gefehlt, weil sie wie wir immer an der Kante spielen." Der Freiburger Trainer ist jedoch überzeugt: "Sie kommen am Samstag und wollen uns gerne zeigen, dass ihnen nicht mal ein Millimeter fehlt."

Personalpuzzle: Sallai hat gute Karten

Ob die zuletzt verletzten respektive angeschlagenen Roland Sallai und Keven Schlotterbeck einsatzfähig sein werden, wollte Streich noch nicht abschließend sagen. Schlotterbeck würde mit 52-prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht zum Einsatz kommen, erklärt der SC-Coach mit einem Grinsen und Sallai habe die Woche über gut und mit viel Elan trainiert: "Es ist gut möglich, dass er auf den Platz kommt."

Zurück zur Leser-Umfrage. Dort konnte Streich noch eine kleine Genugtuung für sich verbuchen. So teilen sich Sportvorstand Jochen Saier und Sportdirektor Klemens Hartenbach im Management-Ranking zwar den ersten Platz mit den Kollegen aus Gladbach und Frankfurt, kommen aber "nur" auf eine Durchschnittsnote von 1,94, schnitten also 0,17 Notenpunkte schlechter ab als ihr Cheftrainer. "Da habe ich so erwartet, das wundert mich nicht", meint Streich, der diese interne Vormachtstellung nicht gefährdet sieht: "Das Problem ist ja, wenn wir jetzt verlieren, verlieren sie auch. Dann kann ich die Schuld aufs Management schieben, ist doch klar. Ich habe dann damit nichts zu tun, ich hoffe, die Leute sehen das dann auch so. Dann kann der Unterschied nochmal größer werden."

Für eine kleine Mahnung schob Streich den Spaß aber dann doch nochmal kurz beiseite: "Es ist gerade immer so lustig in der Pressekonferenz, aber es kann schnell wieder anders werden. Man nimmt sowas ja auf, da müssen wir schauen, dass wir nicht anfangen zu spinnen." Damit meint er aber nur die SC-Akteure, denn: "Beim Urs habe ich keine Bedenken."

Carsten Schröter-Lorenz