EM

Dänemark - Finnland: Stillstand

Mein Spiel des Jahres: Dänemark - Finnland 0:1

Stillstand

Sichtschutz: Die dänischen Spieler bilden eine menschliche Mauer, dahinter wird Christian Eriksen reanimiert.

Sichtschutz: Die dänischen Spieler bilden eine menschliche Mauer, dahinter wird Christian Eriksen reanimiert. imago images/Ritzau Scanpix

Schon das "Vorspiel" wirkt irreal. Auf den beinahe unzähligen Fußballplätzen rund um das Stadion "Parken" tummeln sich Menschenmassen am Samstagnachmittag des 12. Juni, spielen Kinder und gegnerische Fans. Es ist die erste greif- und fühlbare Volksfeststimmung seit Pandemiebeginn nach mehr als einem Jahr in leeren Stadien. Die Stille während der Fußballspiele ist längst zur Normalität geworden, das Klatschen des Balles, wenn er den Fuß eines Spielers verlässt, ein geradezu vertrautes Geräusch.

Ein Geisterspiel der anderen Art

In Kopenhagen sind an diesem Abend 16.000 Fans zugelassen. Ein "Geisterspiel" der anderen Art wird Dänemark gegen Finnland dennoch. Weil kurz vor dem Halbzeitpfiff die Fußballwelt stillsteht und die Stille zurück ist. Es ist nicht die inzwischen gewohnte, sondern eine beklemmende, gespenstische.

EM 2021 - 1. Spieltag

Es sind 41 Minuten gespielt, als Christian Eriksen einen Einwurf annehmen will, aber ohne Gegnerkontakt zusammenbricht. "Es war ein Herzstillstand", wird der dänische Mannschaftsarzt am nächsten Tag verkünden, "er war schon weg." Fußball ist plötzlich auch ganz weit weg. Es ist kein warmer, aber ein lauer Sommerabend. Er ist in diesem Moment geprägt von eiskalten Schauern. Und von Simon Kjaer, dem dänischen Kapitän. Dieser wirkt in diesen tragischen Momenten von Kopenhagen unverwundbar: Er realisiert als Erster, was mit Eriksen passiert ist, und bringt ihn in eine stabile Lage; er versammelt seine Teamkollegen um den regungslos am Boden liegenden Mitspieler und Freund, damit sie einen Sichtschutz bilden während der Reanimierungsmaßnahmen der Sanitäter und Ärzte.

Und er bricht aus der menschlichen Mauer aus, als er Eriksens Freundin Sabrina Kvist Jensen aufgelöst auf das Spielfeld stürmen sieht, hält sie auf und drückt sie fest an sich. Es ist so unwirklich, als sei dieser groß gewachsene blonde Hüne der Held in einem Actionstreifen. Tatsächlich ist es ein realer Horrorfilm. Einer, der trotz Happy End gefühlt nicht den bestmöglichen Ausgang nimmt.

Simon Kjaer und  Kasper Schmeichel trösten Eriksens Freundin.

Simon Kjaer und Kasper Schmeichel trösten Eriksens Freundin. imago images/Ritzau Scanpix

"Bei Bewusstsein" - Eine Durchsage löst Jubel aus

Nach einer Stunde Stille verkündet der Stadionsprecher, der inzwischen abtransportierte Eriksen sei "bei Bewusstsein". Ein Moment, in dem das Leben auch ins Stadion zurückkehrt. Es brandet Jubel auf. Erst fast ungläubig, dann leidenschaftlich. Die finnischen Fans intonieren "Christian" aus der einen Stadionhälfte, die Dänen donnern aus der anderen "Eriksen" zurück. Minutenlang. Und nach einer kurzen Pause wieder. Ein Wechselgesang, der von keinem Choreografen kommt, sondern von innen, von Tausenden Herzen. Einer, der sich einbrennt.

Musste es wirklich einen Sieger auf dem Feld geben?

Es wäre der vielleicht perfekte Moment gewesen, den Abend an genau diesem Punkt zu beenden. Innezuhalten und zu beschließen, auch offiziell ein Signal auszusenden, dass es wichtigere Dinge gibt als die Beendigung eines Fußballspiels. Doch nach einer Unterbrechung von 107 Minuten wird die Fortsetzung der Partie verkündet. Aber musste es wirklich einen Sieger auf dem Feld geben, nachdem genau dort gerade der Kampf um ein Menschenleben gewonnen worden war? Das unwirkliche Gefühl ist in genau dieser Situation zurück.

Die UEFA wird die Fortsetzung später mit dem Wunsch beider Mannschaften begründen, Dänemarks Trainer Kasper Hjulmand rückte diese Aussage am Tag danach zurecht: Sie hatten die Wahl, direkt oder nach einer Nacht um 12 Uhr mittags zu spielen. Also wählten sie das aus ihrer Sicht kleinere Übel. "Die Spieler wollten es versuchen, aber einige waren nicht fähig zu spielen", erklärte Hjulmand am Sonntag. "Wir haben unser Bestes versucht, aber du kannst auf dem Niveau kein Fußballspiel machen, wenn du mit so einem harten Thema umgehen musst."

Kjaer: Erst Held, dann Mensch

Am deutlichsten sichtbar wird das am heldenhaften Kjaer, der demonstriert, dass er ein Mensch ist. Und dass noch mehr Menschlichkeit möglich gewesen wäre an einem Abend, an dem Spieler und Fans so viel Feingefühl beweisen, der Veranstalter aber am Turnierplan festhält. Mitte der zweiten Halbzeit hebt Kjaer einfach den Arm und bittet um seine Auswechslung. Der Kapitän geht von Bord. Er kann nicht mehr. "Simon war sehr getroffen", sagt Hjulmand später, "Christian und er sind Freunde. Er wollte es versuchen, aber seine Gefühle haben ihn übermannt."

Christian und er sind Freunde. Er wollte es versuchen, aber seine Gefühle haben ihn übermannt.

Kaspe Hjulmand

Pohjanpalo: Große Empathie trotz historischer Tat

Die Finnen beweisen mehr Fingerspitzengefühl. Joel Pohjanpalo gelingt nach 60 Minuten Historisches, sein Siegtor zum 1:0 ist das erste Turniertor in der Geschichte des Landes, doch der Mittelstürmer jubelt nicht, sondern wirkt in diesem Moment des vermeintlichen Glücks beschwichtigend. Auch diese Geste wirkt nicht einstudiert, sondern echt. Der Ex-Leverkusener reiht sich damit ein in die Liste derer, die an diesem Abend demonstriert haben, dass sie das Leben verstehen. Diese Liste ist lang. Aber gefühlt nicht lang genug und endet an einer ganz entscheidenden Stelle abrupt.

Sebastian Wolff

Bilder zur Partie Dänemark - Finnland