EM

"Spanien ist nicht der Favorit"

Spanien: Interview mit Trainer Vicente del Bosque

"Spanien ist nicht der Favorit"

Sieht eine Vielzahl an Titelanwärtern: Spaniens Nationalcoach Vicente del Bosque, hier im Trainingslager in Schruns.

Sieht eine Vielzahl an Titelanwärtern: Spaniens Nationalcoach Vicente del Bosque, hier im Trainingslager in Schruns. Getty Images

Eine Woche Trainingslager in Österreich geht diesen Mittwoch mit dem Spiel gegen Südkorea zu Ende. Ihr Fazit, Herr del Bosque?

Vicente del Bosque: Die Mannschaft hat hervorragend gearbeitet, ich sehe Freude und Hunger.

Die Barca-Spieler fehlten wegen des Pokalfinales allesamt. Ein großes Handicap?

Del Bosque: Das war die Chance, Junge zu testen und Variationen zu üben. Es war eine ungewöhnliche Woche, aber auch eine gute Woche.

Im Fr&#252;hjahr sagten Sie dem <i>kicker</i>: &quot;Ohne Demut w&#228;re es gef&#228;hrlich&quot;. Haben Sie diese Demut in den letzten Tagen festgestellt?

Del Bosque: Ich bin begeistert vom Team, vor allem vom Verhalten als Gruppe. Die Erfahrenen haben die Neuen aufgenommen, es wurde exzellent zusammengearbeitet. Keiner gibt sich &#252;berheblich. Es tut weh, nicht alle mitnehmen zu k&#246;nnen.

Ihr 23er-Kader blieb ohne &#220;berraschungen. Schon vorab war klar, dass David Villa und Carles Puyol verletzt ausfallen. Wie sind die beiden zu kompensieren?

Del Bosque: Mit Villa fehlt unser bester Torj&#228;ger und mit Puyol mehr als ein Spieler. Er ist ein wahrer Kapit&#228;n, ein Leader. Uns fehlen Tore und Sicherheit. Aber lamentieren hilft nichts. Wir haben ja einige, die den Staffelstab &#252;bernehmen k&#246;nnen. Zumindest hoffen wir das.

Welche Spieler genau?

Del Bosque: Gerard Piqu&#233; oder Sergio Ramos sind die Puyols von heute. Sie m&#252;ssen jetzt noch mehr F&#252;hrung &#252;bernehmen.

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Mit Villa fehlt der Topst&#252;rmer, daf&#252;r scheint sich in den letzten Monaten ein David Silva, der mit Manchester City Meister wurde, fest ins Team gespielt zu haben. T&#228;uscht der Eindruck?

Del Bosque: Ich habe ja schon nach der WM gesagt: Unser Messi ist Silva. Wir sind froh, einen seiner Klasse zu haben.

Mal 4-2-3-1, zuletzt 4-4-2: einer oder zwei nominelle St&#252;rmer?

Del Bosque: Ich sehe es generell so, dass wir mit drei St&#252;rmern spielen. Aber Fu&#223;ball ist ohnehin kein Zahlenspiel, alle k&#246;nnen angreifen, m&#252;ssen aber auch verteidigen.

Zuletzt hatte Chelsea mit einer sehr defensiven Taktik nicht nur gegen Bayern M&#252;nchen, sondern zuvor auch gegen Barcelona mit vielen Ihrer Nationalspieler triumphiert. Erwarten Sie, dass sich die Gegner bei der EURO daran ein Beispiel nehmen?

Del Bosque: Hoffentlich wiederholt sich so etwas nicht im Ergebnis. Aber ein defensiv eingestellter Gegner ist mir lieber als einer, der sich gegen uns viele Torchancen herausspielt. Unseren Stil werden wir wegen Chelsea nicht &#228;ndern. Unser Ziel ist weiter, dass wir den Rhythmus vorgeben. Und vor allem wollen wir das Geschehen wie bisher in des Gegners H&#228;lfte verlagern. Das ist ganz wichtig f&#252;r uns.

Sie haben in diesem Jahr auch schon mit einer Dreierreihe in der Abwehr gespielt, um mehr Leute im Mittelfeld zu haben. Ist das eine Option f&#252;r die EURO?

Del Bosque: H&#246;chstens im Notfall, wenn es das Spielgeschehen erfordert. Aber als Basis nicht.

Wer spielt sich ins Rampenlicht?

Spanien wird als Titelverteidiger immer wieder als EM-Favorit genannt. Sehen Sie das auch so?

Del Bosque: Nein, Spanien ist nicht Favorit. Deutschland, Niederlande, England, Portugal, Italien und Frankreich sind auch zu nennen.

Jetzt haben Sie alle genannt.

Del Bosque: Wir stehen nunmal alle auf einem Niveau.

Italien ist am 10. Juni der erste Gegner. Was erwarten Sie da?

Del Bosque: Es ist das Duell der beiden letzten Weltmeister. Das wird hart. Italien ist der st&#228;rkste Gegner.

Warum st&#228;rker als die folgenden Irland und Kroatien?

Del Bosque: Weil er der erste ist und das Ergebnis die Richtung vorgeben kann. Und weil Spanien und Italien vieles gemeinsam haben.

Was?

Del Bosque: Erfahrene Spieler und gute Nachr&#252;cker. Die Mannschaft hat eine gute Technik und kann richtig spielen. Italien ist stark, wer es untersch&#228;tzt, macht einen Fehler.

Stimuliert die Aussicht auf den dritten Titel in Folge und damit eine Bestmarke Ihre Spieler, oder hemmt die B&#252;rde des Favoriten?

Del Bosque: Das ist ein gro&#223;er Anreiz f&#252;r uns. Aber es ist sehr kompliziert. Deshalb k&#246;nnen wir das auch nicht als Ziel vorgeben, nur als Stimulanz.

Interview: Jörg Wolfrum