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Ungarn - El Salvador 1982: Die Geschichte des höchsten WM-Sieges

Ungarn gegen El Salvador 1982

"Sie flehten, dass ich nicht jubeln soll": Die Geschichte des höchsten WM-Sieges

Zweistellig - einmalig: Am 15. Juni 1982 schrieben Ungarn und El Salvador WM-Geschichte.

Zweistellig - einmalig: Am 15. Juni 1982 schrieben Ungarn und El Salvador WM-Geschichte. imago sportfotodienst

Dabei sein kann alles sein, und damit mehr als nur eine Floskel. Beispiele belegen das. Beispiele wie die Nationalmannschaft El Salvadors bei der WM 1982 in Spanien. "Wann immer wir spielten, setzte das Morden aus", erinnerte sich Mittelfeldspieler Mauricio Alfaro im englischen Fußball-Magazin "FourFourTwo". "Wenigstens für einen Tag waren die Leute vereint." Hoffnungslose Underdogs, Lebensretter.

Seit 1980 wütete in El Salvador der Bürgerkrieg. Ein unterdrückendes Militärregime gegen eine immer größer werdende Guerilla, die zum bewaffneten Widerstand aufrief. Bis 1992 hatte die damals rund fünf Millionen Menschen starke Bevölkerung etwa 75.000 Tote zu beklagen, während es einer Fußballmannschaft gelang, sich wie durch ein Wunder vor Mexiko oder Kanada als letzte Nation für die WM zu qualifizieren. "Das ganze Land litt", so Alfaro, "und wir standen unter dem Druck, dieses Leid lindern zu können."

Wenn wir zu spät zum Training kamen, lag das daran, dass wir verwundeten Menschen geholfen hatten.

Francisco Jovel

An eine auch nur halbwegs normale Vorbereitung war allerdings nicht zu denken, wie Verteidiger Francisco Jovel eindrücklich erklärte: "Wenn manche von uns zu spät zum Training kamen, lag das daran, dass wir auf dem Weg dorthin verwundeten Menschen am Wegesrand geholfen hatten." Und während die Fußballer halfen, wurden sie im Gegenzug ausgenutzt.

Verbandsmitglieder besetzen Kaderplätze, um Urlaub zu machen

Als einzige Nation schöpfte El Salvador das von der FIFA erlaubte 22-Mann-Kontingent nicht aus und schickte nur 20 Spieler nach Spanien. Das hatte der salvadorianische Fußballverband mal eben so entschieden - um stattdessen zwei Verbandsoffizielle mitzunehmen. Diese wohnten aber keinem Spiel bei, sondern machten sich fernab der Heimat einfach einen schönen Urlaub, wie sich Torhüter Ricardo Mora erinnert.

Und die Nachrichten wurden nicht besser. Zum einen wurde der Fußballzwerg bei seiner zweiten WM-Teilnahme nach 1970 (drei Niederlagen, 0:9 Tore) mit Titelverteidiger Argentinien, EM-Finalist Belgien und den in der Qualifikation vor England landenden Ungarn in eine Gruppe gelost. Zum anderen war die zeitgemäße Ausrüstung, die die FIFA jeder Teilnehmernation zur Verfügung stellte, wie vom Erdboden verschluckt. Allen voran die 25 Bälle.

Der höchste Sieg der WM-Geschichte

In ihrer Verzweiflung suchten die Salvadorianer schließlich das Mannschaftslager ihres ersten Gruppengegners Ungarn auf, um mit ein paar ausgeliehenen Bällen erstmals richtig trainieren zu können. Das war einen Tag vor dem Spiel. Ein Tag, an dem Trainer Mauricio Rodriguez eine folgenschwere Entscheidung traf.

Rodriguez hatte ein Videoband mit Spielszenen der Ungarn aufgetrieben und sich vor 23.000 Zuschauern im Nuevo Estadio zu Elche entschieden, diese am 15. Juni 1982 mit weit geöffnetem Visier zu attackieren.

Ungarn trifft gegen El Salvador

Toreschießen leicht gemacht: Pölöskei (#11) bringt den Ball im langen Eck unter - das 2:0. imago/AFLOSPORT

Bereits nach vier Minuten brachte ihre außergewöhnlich luftige Defensive "La Selecta" den leicht gemachten Rückstand ein, wobei das 0:3 zur Pause noch einigermaßen erträglich daherkam. Doch der vierte Gegentreffer nach der Pause ließ den Underdog mehr und mehr resignieren, der fünfte folgte sogleich. Und dann: der große Moment.

Die Angst war berechtigt

Eingeleitet von El Salvadors Jahrhundertfußballer Jorge "Magico" Gonzalez gelang dem eingewechselten Luis Ramirez Zapata aus wenigen Metern das 1:5, das einzige Tor der bisherigen salvadorianischen WM-Geschichte. Sportlich betrachtet nicht mehr als ein Ehrentreffer, dennoch ließ sich Zapata spontan zu einem Jubellauf hinreißen, wie ihn im Finale Italiens Marco Tardelli aufführen sollte. Einige von Zapatas Mitspielern überkam die nackte Angst.

"Manche von ihnen flehten, dass ich nicht jubeln soll", verriet der Torschütze, "weil sie befürchteten, dass wir die Ungarn dadurch provozieren und sie nur noch mehr Tore schießen würden." Ganz aus der Luft gegriffen war diese Sorge nicht.

Eine ungarische Mannschaft, die nun wahrlich nicht zu den größten in ihrer Geschichte gehörte, ließ auf die ersten fünf Treffer fünf weitere folgen - Joker Laszlo Kiss gelang binnen acht Minuten ein Dreierpack. Das war ebenso WM-Rekord wie das Ergebnis: Mit neun Toren Vorsprung gewann Ungarn zwar 1954 schon gegen Südkorea und Jugoslawien 1974 gegen Zaire (jeweils 9:0), zehn Tore in einem Spiel sind bis heute aber einmalig.

Eine Spielerrevolte verhindert Schlimmeres

Auf die historische Abreibung folgte eine Revolte, die den erst 36-jährigen Rodriguez kurzerhand mundtot machte. Kapitän Norberto Huezo übernahm das Kommando und befahl: "Von nun an entscheidet der Trainer gar nichts mehr. Wir werden defensiv spielen, das ist die einzige Chance, unseren Stolz zu retten."

Erneut hatten die Spieler das richtige Gespür. Im zweiten Spiel gegen Belgien, dessen Trainer Guy Thys die Salvadorianer noch als "größte Schande der WM-Geschichte" bezeichnet hatte, schafften sie ein beachtliches 0:1. Auch gegen Argentinien um Diego Armando Maradona blieb dem Underdog eine weitere Schmach erspart (0:2), sodass sich Thys öffentlich revidieren musste. In ihrer Heimat hatte "La Selecta" den Schaden aber bereits angerichtet.

Keiner erinnert sich an mein Tor.

Luis Ramirez Zapata

Von Helden in einer dunklen Zeit wurden die 20 Fußball-Gesandten zu personifizierten Schandmalen. "Wir wurden beleidigt und verhöhnt. Jeder redet über die Zahl zehn, aber keiner erinnert sich an mein Tor", monierte Zapata. "Noch nach Jahren strichen sie uns die Freikarten, um den Spielen als Fans beiwohnen zu können."

Späte Wiedergutmachung

Erst mit der Zeit waren die Salvadorianer ihrer bis heute letzten WM-Mannschaft wohlgesonnen, irgendwann dann sogar stolz auf sie, sodass es zum 25. Jahrestag 2007 ein Jubiläumsspiel gab. Natürlich gegen Ungarn, das die Vorrunde 1982 trotz des höchsten aller WM-Siege übrigens ebenfalls nicht überstanden hatte.

Auf beiden Seiten wirkten einige Spieler von damals mit, Luis Ramirez Zapata kam auch ein Vierteljahrhundert später von der Bank - und traf sogar doppelt. Diesmal reichte es für ein 2:2.

Niklas Baumgart

Einmal zweistellig, Deutschland geteilter Vierter: Die höchsten WM-Siege