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SG-Barockstadt-Trainer Sedat Gören: "Wir fühlen uns beraubt"

Modus der Hessenliga sorgt teils für großen Unmut

SG-Barockstadt-Trainer Sedat Gören: "Wir fühlen uns beraubt"

Der Modus der Hessenliga macht ihn wütend: Sedat Gören, Trainer der SG Barockstadt Fulda-Lehnerz

Der Modus der Hessenliga macht ihn wütend: Sedat Gören, Trainer der SG Barockstadt Fulda-Lehnerz imago images/Picture Point LE

Hessenliga A

Am Samstag schlug der SV 1910 Neuhof den FC Bayern Alzenau mit 2:1. Ein Dreier für die Neuhofer, der sie in die Aufstiegsrunde spült. Denn vor dem letzten Spieltag beträgt der Abstand des Fünftplatzierten auf den Sechsten Alzenau drei Punkte, und in Hessen zählt bei Punktgleichheit der direkte Vergleich, den Neuhof nach dem 0:0 im Hinspiel für sich entschieden hat. 

Doch besagte Samstagspartie war mehr als nur ein entscheidendes Duell zwischen zwei direkten Konkurrenten. Diese Partie kann in einer Art "Butterfly Effect" den ganzen Aufstiegskampf in Hessen beeinflussen, fernab von Neuhof oder Alzenau. Die ganze Statik des Aufstiegsrennens hat sich durch den späten 2:1-Siegtreffer von Akif Kovac für Neuhof gegen Alzenau auf einen Schlag verändert.

Spitzenreiter SG Barockstadt Fulda-Lehnerz nämlich hätte lieber die Alzenauer mit in der Aufstiegsrunde gesehen, denn gegen die Bayern hat die SGB sechs Punkte geholt und gegen Neuhof nur drei. Und nur die Punkte gegen die Teams, die auch in die Aufstiegsrunde mit einziehen, werden auch übertragen, die restlichen Zähler sind futsch. Fuldas ärgster Verfolger aus der Hessenliga A, der TSV Eintracht Stadtallendorf, kann mit Neuhof wesentlich besser leben, hat der Regionalliga-Absteiger gegen den SVN sechs Zähler geholt, gegen Alzenau waren es "nur" vier.

Da sollten wir lieber würfeln oder eine Tombola machen.

Sedat Gören, Trainer SG Barockstadt Fulda-Lehnerz

"Dieser Modus hat mit Fußball nichts zu tun", schimpft Sedat Gören, Trainer der SG Barockstadt. Und legt nach: "Wer das entschieden hat, soll seine Koffer packen und gehen." Von bislang 42 Punkten würde sein Klub nach derzeitigem Stand nur zehn, maximal 13, in die Aufstiegsrunde mitnehmen. "Wir sind nach 19 Spielen Erster, trainieren jede Woche hart, Verein und Mannschaft investieren viel, und dann nehmen wir nur so wenige Punkte mit in die Aufstiegsrunde. Das ist Leistungsraub, ja, wir fühlen uns beraubt", so Gören, der so einen Modus in all seinen Jahren als Trainer und (Profi-)Spieler in In- und Ausland nie erlebt hat. Gören zieht einen Vergleich aus dem Berufsleben: "Du verdienst im Jahr 10.000 Euro und am Ende des Jahres kommt dein Chef und sagt zu dir, dass er dir 7.000 Euro einfach abzieht." Sarkastisch schlägt der SGB-Coach daher vor: "Da sollten wir lieber würfeln oder eine Tombola machen."

Manager Sebastian Möller flüchtet sich auch in Sarkasmus: "Da kann man nur noch lachen, ganz großes Kino für uns", und spielt darauf an, dass sein ambitionierter Verein seit drei Jahren feststeckt: 2019/20 kam der Abbruch wegen Corona, die geplante Aufholjagd auf einen der beiden Aufstiegsplätze war abrupt beendet. 2020/21 sorgte Corona für den nächsten Saisonabbruch, doch da hatte der Hessische Fußball-Verband (HFV) nach Aussage des Vereins lange Zeit angekündigt, dass die SGB als Tabellenführer aufsteigen könnte. Es kam anders, auch der Gang vor Gericht war für Fulda nicht von Erfolg gekrönt. Und jetzt geht die SGB nach derzeitiger Lage mit einem Rückstand von sieben Punkten auf Stadtallendorf in die Aufstiegsrunde. 

Gören, der im Gespräch mit dem kicker das Wort "Gerechtigkeit" wiederholt betont, denkt bei seiner Kritik auch an die Mannschaften am anderen Ende der Tabelle: "Stell dir mal vor, du schlägst als Abstiegskandidat zweimal ein Spitzenteam und dann werden dir diese Punkte einfach abgezogen." In eine ähnliche Kerbe schlägt Möller bezogen auf seine SG Barockstadt: "Wir haben einfach gegen die falschen Mannschaften verloren", nämlich gegen die direkten Konkurrenten Neuhof (0:2) und Stadtallendorf (0:3 und 0:4). Und diese Spiele zählen, anders als ein Ausrutscher bei einem Kellerkind.

Am Ende der Aufstiegsrunde stehen diejenigen Klubs oben, die es sich auch sportlich verdient haben.

Jochen Breideband, Trainer 1. FC 06 Erlensee

Mit der SG Barockstadt in einem Boot sitzt der Tabellendritte 1. FC 06 Erlensee: Gegen Alzenau sprangen im Verlauf der Saison sechs Punkte heraus, gegen Neuhof drei, das verringert das "Startkapital" für die anstehende Aufstiegsrunde demzufolge um drei Punkte. Doch damit kann man beim Überraschungsteam der Saison vergleichsweise gut leben: "Ich habe Verständnis für die Vereine, die sich jetzt beschweren, der Modus ist nicht immer fair", sagt Trainer Jochen Breideband, der aber anmerkt: "Der Modus ist lange bekannt, wir sollten lieber froh sein, dass die Saison so gut durchläuft." Eine eingleisige Hessenliga wäre nicht nur in Breidebands Augen kaum zu stemmen gewesen, hätte das schließlich 42 Saisonspiele für jeden der 22 Klubs bedeutet. Dieses Szenario wurde vor Saisonbeginn mehrheitlich abgelehnt. So kam man auf den jetzigen Modus, und Breideband ist überzeugt: "Am Ende der Aufstiegsrunde stehen diejenigen Klubs oben, die es sich auch sportlich verdient haben." Denn, so der FCE-Trainer weiter, "uns hat beispielsweise keiner verboten, im Rückspiel gegen Neuhof (Endstand 1:2; d. Red.) zu gewinnen." Breideband kann dem Modus sogar etwas Positives abgewinnen: "Dadurch wurde die Liga sogar spannender, denn wann gab es das schon mal, dass mitten in der Saison ein Spiel Fünfter gegen Sechster so entscheidend war?"

Hessen steht mit diesem Modus übrigens nicht alleine da. Wie der untenstehenden Bildergalerie zu entnehmen ist, streichen auch Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein alle Punkte, die gegen Teams geholt wurden, die nach dem Ende der Vorrunde in die jeweils andere Runde einziehen. Ein Gegenmodell ist Rheinland-Pfalz/Saar, hier werden alle Punkte mitgenommen. Auch am Niederrhein und in Westfalen verfallen keine Punkte, hier gab es aber keine Teilung in jeweils zwei Staffeln, sondern die Liga wird erst nach einer Einfachrunde in Auf- und Abstiegsrunde geteilt.

Mittlerweile hat auch der Hessische Fußballverband auf die Vorwürfe reagiert und schreibt in einer Stellungnahme: "Im Rahmen einer Präsenzsitzung haben wir den Vereinen der Lotto-Hessenliga mögliche Spielmodelle für die Saison 2021/22 vorgestellt. Jedes zur Auswahl stehende Spielmodell wurde explizit und in seinen einzelnen Facetten zunächst vorgestellt und im Anschluss daran ausgiebig diskutiert und Fragen dazu beantwortet. Zum Zwecke eines vereinsinternen Austauschs haben die Vereine das Vorgestellte per Mail, zu einer nochmaligen internen Abstimmung, von der Geschäftsstelle erhalten. Das Meinungsbild zu dem präferierten Spielmodell wurde dem Verband durch die Vereine innerhalb einer Woche zurückgespiegelt. Das eindeutige Votum fiel auf das Spielmodell Teilung der Liga mit entsprechender geografischer Anordnung der Mannschaften aus. Ein vor Beginn einer Saison verabschiedetes Spielmodell wird mit Blick auf die Planungssicherheit für die Vereine der Liga im Verlauf der Saison nicht verändert."

+++ Dieser Artikel wurde am 10. Dezember 2021 um 9:55 Uhr mit der Stellungnahme des Hessischen Fußball-Verbands aktualisiert. +++

Stefan Wölfel

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