Bundesliga

Bayer: Seoane und das Handicap vor der Woche der Wahrheit

Welches Problem Leverkusens Trainer mit Nagelsmann gemein hat

Seoane und das Handicap vor der Woche der Wahrheit

Er will Bayer wieder in die Spur bringen: Gerardo Seoane.

Er will Bayer wieder in die Spur bringen: Gerardo Seoane. IMAGO/Kirchner-Media

Der Unterschied ist deutlich: Der FC Bayern rangiert zehn Plätze vor Bayer 04 Leverkusen. Im DFB-Pokal hat der Rekordmeister im Gegensatz zur Werkself die 2. Hauptrunde erreicht. Und auch in der Champions League, in der sich die Mannschaft von Gerardo Seoane mit drei Punkten aus zwei Spielen noch im grünen Bereich befindet, besitzen die Münchner mit zwei Siegen die deutlich bessere Ausgangsposition.

Dennoch stehen die Trainer beider Teams am Freitagabend im direkten Duell in der Münchner Arena unter Druck. Seoane, von dem die Bosse trotz der misslichen Lage keine Sensation in München erwarten, womöglich noch weniger als sein gegenüber Julian Nagelsmann, der nach vier Ligaspielen ohne Sieg ein Erfolgserlebnis braucht.

Zum Auftakt der Leverkusener Woche der Wahrheit befindet sich der Werkself-Trainer noch nicht unter absoluten Zugzwang, an deren Ende im Heimspiel gegen den FC Schalke 04 allerdings schon. Dann muss Seoane mit seiner Mannschaft in der Liga den Bock mit einem Sieg umstoßen. Nagelsmann sollte dies schon am Freitag gelingen, damit sich die Situation in München nicht weiter zuspitzt.

Beiden Mannschaften geht es ähnlich - jedem auf seiner Stufe.

Gerardo Seoane

So unterschiedlich die Ausgangslage am Freitag ist, wenn der Topfavorit der Liga auf einen eigentlichen Champions-League-Anwärter trifft, so nah beieinander liegen die Voraussetzungen, unter denen die zwei Klubs ihre Krise meistern müssen.

"Beiden Mannschaften geht es ähnlich - jedem auf seiner Stufe", ordnet Gerado Seoane die Situation ein, "beide sind unzufrieden mit den Resultaten, beide zeigen aber auch viele Ansätze, die positiv sind." So verweist der Leverkusener Trainer darauf, dass "Bayern München in jedem Spiel unheimlich viele Torchancen hatte. Da brauchen wir nicht über die Qualität sprechen."

Doch nicht nur die Probleme ähneln sich, sondern auch die Rahmenbedingungen, unter denen sie gelöst werden müssen. So fügt Seoane an: "Beide haben auch die Schwierigkeit, dass der größte Teil des Teams nicht da ist. Dass wir beide wahrscheinlich ein Training zur Verfügung haben, um dieses Spiel vorzubereiten."

Das Los des modernen Fußballs

Womit sich gerade für den Schweizer die Frage stellt, wie er all die Baustellen, die es bei Bayer 04 gibt und die bei der großen Analyse zu Beginn der Länderspielpause angesprochen wurden, bearbeiten möchte. Wie kann Seoane seine Vorhaben überhaupt umsetzen?

"Nicht so, wie wenn man zehn Tage Zeit hätte. Jetzt geht es nur auf eine andere Weise: mit Gesprächen, mit Videos, mit kleinen individuellen Sachen, mit Ansprachen. Man sucht andere Möglichkeiten, anderen Kontakt, anstatt es auf dem Platz zu trainieren. Das ist das Los des modernen Fußballs", stellt Seoane nüchtern mit einem Lächeln fest, das zwangsläufig etwas gequält daherkommt.

Patrik Schick

Einer von elf Bayer-Profis, der auf Länderspielreise war: Patrik Schick. IMAGO/CTK Photo

Elf Bayer-Profis sind bzw. waren für ihre Nationalmannschaften abgestellt, so dass vieles bei Bayer 04 in der Theorie statt in der Praxis ablaufen muss. "Natürlich würde man das auf dem Platz auch gerne trainieren", sagt Seoane zum Thema Schwäche bei gegnerischen Ecken, "aber du kannst dich auf jeden Gegner vorbereiten, der dann am Spieltag aber immer noch macht, was er will. Viele Dinge kann man trainieren, auch Prinzipien, aber am Schluss braucht es auch die situative Verantwortung, das auch richtig umzusetzen."

Diesmal bleibt kaum oder keine Zeit zum Üben. "In dem Fall kannst du es nicht trainieren", sagt Seoane, "vielleicht am Donnerstag, wenn alle da sind." Doch dann in der einzigen Einheit vor dem Bayern-Spiel, bei der alle gesunden Profis zur Verfügung stehen, dürften taktisch-systematische Schwerpunkte gesetzt werden.

Wenn es etwa um eine dauerhaft bessere Raumaufteilung vor gegnerischen Kontern geht. "Die Situationen, in denen wir in der gegnerischen Hälfte sind und genügend Zeit haben, uns zu positionieren, das sind die Dinge, die wir verbessern müssen", fordert der Trainer. Und auch hier wird Seoane über klare Ansagen versuchen, die richtigen Knöpfe zu drücken.

Zuletzt beim 1:1 gegen Bremen sei die Positionierung bei zehn Ballverlusten sechs-, siebenmal sehr gut gewesen, bei dreien nicht. "Dann geht es um Kommunikation, darum, Verantwortung zu übernehmen, dass man die richtige Absicherung hat. Und dass du nach Ballverlust es schaffen musst, den Ballführenden schnell unter Druck zu setzen, um ihm keinen freien Pass zu ermöglichen", nennt der 43-Jährige die Grundlagen.

Alles wegverteidigen kannst du nicht.

Gerardo Seoane

Trotz widriger Umstände sieht Seoane Möglichkeiten, diese Dinge zu verbessern: "Alles wegverteidigen kannst du nicht, aber es gibt schon zwei, drei Punkte, die wir mit dem Team besprechen."

Das meiste muss der Fußballehrer also über die Theorie anpacken und vermitteln. Wie beim Thema der letzten Konsequenz, deren Fehlen er wiederholt monierte. "Natürlich trainierst du das physisch, aber der Start dafür beginnt ja immer im Kopf", erklärt der Schweizer seine Herangehensweise, "da kann man versuchen, gewisse Dinge anzustoßen. Ob es nützt oder nicht, werden wir erst nach dem Spiel sehen."

Wobei dies auch nach einer ganz normalen Trainingswoche mit viel mehr Praxiseinheiten gilt. Und manchmal helfen ja auch besonders schwierige Situationen, um die Sinne zu schärfen. Und das ist oft mindestens genauso hilfreich wie eine gute Trainingseinheit.

Stephan von Nocks

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