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"Sein Körper, mein Gehirn": José Mourinho demontiert Manchester Uniteds Linksverteidiger Luke Shaw

Nach Manchester Uniteds 1:1 gegen Everton

"Sein Körper, mein Gehirn": Mourinho demontiert Shaw

Nicht der letzte Kontakt zwischen den beiden: José Mourinho wechselt Luke Shaw gegen Everton ein.

Nicht der letzte Kontakt zwischen den beiden: José Mourinho wechselt Luke Shaw gegen Everton ein. picture alliance

Eigentlich wünscht man sich als Trainer genau so einen Joker: Luke Shaw kam am Dienstagabend gegen Everton in der 65. Minute, sorgte für Belebung und schließlich mit einem Schuss dafür, dass Manchester United einen Handelfmeter zugesprochen bekam, den Zlatan Ibrahimovic zum 1:1-Endstand nutzte . Auftrag erfüllt also? Und wie - nur war genau das Shaws Problem.

"Seine Leistung war gut", erklärte José Mourinho hinterher, "aber nur deswegen, weil er auf meiner Seite gespielt hat." Wie bitte? "Ich habe für ihn gedacht, ich habe seine Leistung angeleitet. Ich habe jede einzelne Entscheidung für ihn getroffen. Hätte er auf der anderen Seite gespielt, wäre das nicht möglich gewesen." Kurzum: "Er hat eine gute Leistung gezeigt: Sein Körper mit meinem Gehirn." Man nennt das Marionette.

Er habe Shaw sagen müssen, wohin er laufen muss

Mourinho, behauptete Mourinho, habe Shaw sagen müssen, wann er wohin laufen, wann in die Tiefe gehen, wann er den Gegner pressen soll. "Und das", findet er, "ist auf diesem Level nicht möglich. Er muss erwachsen werden, reifer werden, das Spiel besser verstehen. Er muss viel lernen und viel verbessern."

Die selbst für Mourinho-Verhältnisse erbarmungslose Kritik ("Ich kann es Ihnen sagen, weil ich es ihm auch schon gesagt habe") hat eine Vorgeschichte: Erst am Montag hatte er seinen 21 Jahre alten Linksverteidiger, der vor zweieinhalb Jahren für 37,5 Millionen Euro vom FC Southampton gekommen war, öffentlich bloßgestellt.

"Ich kann die Art und Weise, wie er trainiert, nicht mit Ashley Young, Matteo Darmian oder Delay Blind (Shaws Positionskonkurrenten, d.Red.) vergleichen, sein Engagement, seine Fokussierung, seinen Ehrgeiz. Da ist er weit zurück" - so hatte Mourinho erklärt, warum Shaw beim 0:0 gegen West Bromwich trotz zahlreicher Ausfälle nicht einmal im Kader stand.

Mourinho achselzuckend: "Joe Hart ist auch englischer Nationalspieler"

Als ein Reporter einwarf, Shaw sei immerhin englischer Nationalspieler (sieben A-Länderspiele), antwortete "The Special One" nur achselzuckend: "Ja, Joe Hart auch, und der spielt auf Leihbasis in Italien." Tenor: Wer für die Three Lions gut genug ist, ist es für Englands Rekordmeister noch lange nicht.

Nur warum demontierte Mourinho seinen Schützling überhaupt so brutal? Erhofft er sich durch die öffentliche Bloßstellung tatsächlich eine Verbesserung? Kann ein Spieler, der ständig die minutiösen Anweisungen seines Trainers im Rücken hat, überhaupt lernen, eigenständige Entscheidungen zu treffen? Wird er so nicht nur noch unsicherer? Oder wollte Mourinho mal wieder nur von der Gesamtsituation ablenken, die eine Top-Vier-Platzierung nach dem neunten Remis im 16. Heimspiel kaum noch möglich erscheinen lässt?

Er muss den Prozess beschleunigen. Er ist jetzt 21. Er ist alt genug.

José Mourinho

"Wir sind hier, um ihm zu helfen", behauptet Mourinho. Shaw, der gegen Everton erst seinen neunten Ligaeinsatz in dieser Saison verzeichnete, habe schließlich "fantastische physische Voraussetzungen" und "sehr gute technische Fähigkeiten", müsse aber endlich "das Spiel verstehen". Und "er muss den Prozess beschleunigen. Er ist jetzt 21. Er ist alt genug." Vielleicht auch für einen weiteren Vereinswechsel: Längst wird über einen vorzeitigen Abschied im Sommer diskutiert, zumal sein Vertrag 2018 ausläuft.

"Sein Beitrag war gut heute, er hat die Mannschaft besser gemacht", schloss Mourinho am Dienstagabend betont versöhnlich, als schon nichts mehr zu retten war. "Ich denke, er geht heute mit einem guten Gefühl nach Hause."

jpe