Int. Fußball

Seedorf spricht sich gegen eine WM alle zwei Jahre aus

Walther-Bensemann-Preisträger im kicker-Interview

Seedorf: "Olympische Spiele als Beispiel für die WM"

"Wenn du dem Publikum zu viel anbietest, ist nichts mehr besonders": Clarence Seedorf warnt.

"Wenn du dem Publikum zu viel anbietest, ist nichts mehr besonders": Clarence Seedorf warnt. picture alliance / empics

Die Diskussion um eine Weltmeisterschaft im Zweijahresrhythmus beschäftigt derzeit den Fußball. Clarence Seedorf zählt zum Lager derjenigen, die sich für eine Beibehaltung des aktuellen Zyklus aussprechen. "Warum ist eine WM jetzt so einzigartig? Ich weiß nicht genau, warum der Zyklus verkürzt werden soll, aber sollten die Gründe dafür rein kommerzieller Natur sein, ist es unnötig", findet der viermalige Champions-League-Sieger und WM-Teilnehmer von 1998.

Seedorf: "Ich sage, wenn alles jeden Tag verfügbar ist, sinkt der Preis"

Die Entwicklung im Fußball hin zu immer mehr Spielen in immer mehr Wettbewerben ist aus Sicht von Seedorf der falsche Weg. "Wenn du dem Publikum zu viel anbietest, ist nichts mehr besonders", warnt der 45-Jährige. "Weniger ist mehr, weil die Spiele eine höhere Qualität bekommen, da die Spieler ausgeruhter sind. Wenn wir Wettbewerbsformate überdenken, muss diese Frage beantwortet werden: Wie können wir die Qualität des Spiels und die Leistung jedes Einzelnen hochhalten und gleichzeitig die Anzahl der Verletzungen vermindern?" Diese Überlegungen könnten sich auch kommerziell lohnen: "Vielleicht verdient man mit mehr Qualität mehr Geld. Ich sage, wenn alles jeden Tag verfügbar ist, sinkt der Preis."

Gegen eine WM alle zwei Jahre argumentiert Seedorf auch aus Gründen der Tradition - und verweist auf die Parallele zu Olympia: "Sport ist doch auch Romantik, oder? Wenn die Romantik fehlt, bekommen wir ein anderes Spiel. Für mich ist es etwas ganz Besonderes, alle vier Jahre auf die Olympischen Spiele zu schauen. Dafür arbeitest du als Sportler mit all der Anstrengung und Disziplin, die du aufbringen musst."

"Es würde die Geschichtsbücher umschreiben"

Fände so ein Highlight alle zwei Jahre statt, würde man "den Athleten auch das richtige Mindset zur Vorbereitung nehmen", befürchtet Seedorf. "Du musst dein Programm schon ernsthaft angehen, denn dein großer Moment kommt nur alle vier Jahre einmal. Außerdem würde es die Geschichtsbücher umschreiben. Die früheren Athleten haben ihr Bestes gegeben, mental in demselben vierjährigen Rhythmus. Ihren Nachfolgern geben wir nun alle zwei Jahre eine Chance? Warum? Olympische Spiele als Beispiel für die WM", betont der frühere Weltklassespieler.

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Im großen kicker-Interview, das in der Montagsausgabe erscheint oder jetzt schon im eMagazine, spricht Seedorf außerdem über die Geschichte seiner Familie in Surinam, die soziale Verantwortung des Fußballs, seine besondere Verbindung zu Nelson Mandela, seinen Einsatz für den Amazonas - und die Fernsehserie Derrick.

dab

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