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VAR, Statistiken, Musk: Uli Stielikes Profifußball-Frust

Stielike macht seinem Frust über den Profifußball Luft

"Schwitzt ein Linksfüßer mehr als ein Rechtsfüßer?"

"Mich nervt, wie der Fußball seine Ursprünglichkeit Schritt für Schritt verliert", sagt WM-Beobachter Uli Stielike.

"Mich nervt, wie der Fußball seine Ursprünglichkeit Schritt für Schritt verliert", sagt WM-Beobachter Uli Stielike. imago images (2)

Er war Meister mit Borussia Mönchengladbach, Real Madrid und Xamax Neuchatel, gewann zweimal den UEFA-Cup, 1980 die EM und wurde 1982 mit Deutschland Vize-Weltmeister. Später arbeitete er als Trainer unter anderem in Deutschland, Südkorea, der Schweiz, der Elfenbeinküste und Katar. Aktuell jedoch macht sich Uli Stielike (68) vor allem große Sorgen über den Profifußball.

"Ich beobachte schon lange einen gefährlichen Trend", zieht der 42-malige Nationalspieler im kicker-Interview seine persönliche WM-Zwischenbilanz: "Unsere Sportart versteht bald niemand mehr." Man sei gerade dabei, sie "totzutechnisieren". Stielike verweist auf ein per VAR annulliertes, aber bereits minutenlang gefeiertes Tor der Brasilianer im WM-Gruppenspiel gegen die Schweiz - und auf Japans umstrittenen 2:1-Siegtreffer gegen Spanien, der Deutschland laut Stielike "die WM kostete".

Den Schiedsrichter würde ich aus dem Grunde beibehalten, damit die Spieler wenigstens einen zum Anschnauzen haben.

Uli Stielike

"Da berührt die Naht des Balles die Torauslinie, zu 99,9 Prozent ist der Ball im Aus. Das ist nicht im Sinne des Spiels. Wenn man solche Entscheidungen will, dann muss man es aber auch konsequent durchziehen", ärgert sich Stielike und schimpft: "Linienrichter? Diese Tätigkeit ist nur noch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, es braucht sie keiner mehr, weil sie eh nur noch die Fahne nach Anleitung aus dem Keller heben. Das kann auch ein Roboter machen. Warum nicht gleich bei Ausbällen - wie im Tennis - das Hawk-Eye einsetzen? Den Schiedsrichter würde ich aus dem Grunde beibehalten, damit die Spieler wenigstens einen zum Anschnauzen haben. Einen viel triftigeren Grund finde ich gerade nicht."

Und Stielike legt nach: "Mich nervt, wie der Fußball seine Ursprünglichkeit Schritt für Schritt verliert. Nehmen wir nur die Statistiken. Querpässe, Rückpässe, in der eigenen Hälfte, in der des Gegners, im Strafraum und anderswo. Was früher als Ballgeschiebe abgewatscht wurde, läuft heute unter Spielaufbau. Es ist doch völlig egal, ob der Torhüter den Ball häufiger spielt als ein Feldspieler. Wichtig ist, dass er ihn hält, abwehrt und kein Tor kassiert."

"... mit Elon Musk an der Spitze"

Sarkastisch blickt Stielike in eine Zukunft, in der noch mehr Daten erhoben werden. "Wie oft und wie viel trinkt ein Spieler während des Spiels? Schwitzt ein Linksfüßer mehr als ein Rechtsfüßer? Agiert ein Spieler im Schatten der Haupttribüne anders als der auf der gegenüberliegenden Sonnenseite? Verbraucht man mit Stollenschuhen mehr Energie als mit Noppen? Selbstverständlich müssten diese wichtigen Details den zwölf Trainern mit den vier Laptops auf der Auswechselbank unverzüglich zur Verfügung gestellt werden. Als FIFA würde ich für die Evaluation dieser Daten und deren Übertragung eine Kommission einsetzen. Mit Elon Musk an der Spitze."

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Desillusioniert sei er ob all dieser Probleme aber nicht, "im Gegenteil", betont Stielike. "Meine Hoffnung ruht auf dem Amateurfußball mit seinen vielen Tausend Jugendmannschaften. Dort, wo keine Spielerfrau ihre Gänsehaut in einer 'Instagram'-Story posten muss, um ja auch in der Presse zu erscheinen. Wo sich keiner darüber beklagt, einmal im Jahr drei Stunden mit dem Bus zu einem Spiel fahren zu müssen. Weil er einfach glücklich und dankbar ist, gesund seinem Hobby nachgehen zu können."

Stielike findet: "Fußball ist auch, wenn die Leidenschaft der Taktik mal in den Hintern tritt. Wenn jeder an seine Grenzen geht, auch im Wissen darum, dass es vielleicht trotzdem nicht zum Sieg reicht. Der Fußball muss auch Platz bieten für menschliche Fehler. Für eine vielleicht deftige, aber aufrichtige Sprache. Fußball muss gelebt werden, das Spiel muss Spaß machen. Nach diesem Fußball sehne ich mich, und der geht uns in Deutschland verloren."

Welche Neuerungen im Fußball ihm gefallen und warum sich die deutsche Nationalelf selbst verleugnet: Das ganze Interview lesen Sie im kicker vom Donnerstag - hier auch als eMagazine.

jpe

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