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FIFA-Streamer wegen Beleidigung verurteilt

Urteil gegen toxisches Verhalten im Internet

"Schuss vor den Bug" - FIFA-Streamer wegen Beleidigung verurteilt

Beleidigung im Internet kann teuer werden. Das zeigt ein aktuelles Urteil gegen Hasskommentare vom Landgericht Kiel.

Beleidigung im Internet kann teuer werden. Das zeigt ein aktuelles Urteil gegen Hasskommentare vom Landgericht Kiel. picture alliance/pixabay/kicker

Die vermeintliche Anonymität im Internet fördert Hasskommentare. Ein toxisches Umfeld, das nicht nur den Spaß am Spielen einschränkt, sondern auch mehr Diversität im eSport verhindert. Angehörige marginalisierter Gruppen sind vermehrt Ziel von Anfeindungen.

Schon im kicker eSport Talk forderte Rainbow-Six-Kommentator Marius Lauer härteres Durchgreifen seitens der Publisher und Betreiber bei Beleidigung oder Diskriminierung - ein Meldevorgang sei oft undurchsichtig. Soll eine Tat strafrechtlich verfolgt werden, müssen Spielende zurzeit selbst aktiv werden. Ein aktuelles zivilrechtliches Urteil des Landgericht Kiel macht Mut, dass dies auch gelingt.

Strafrechtliche Verfolgung lohnt sich

Ein Mitglied der FIFA-eSportler und Streamer 'PIPE_CREW' meldete sich bei Rechtsanwalt und eSportrecht-Experten Dr. Oliver Daum, nachdem es von einem FIFA-Streamer live auf Twitch persönlich und schwerwiegend beleidigt wurde.

Die Beleidigung konnte als Video gespeichert werden und diente im späteren Verlauf des Verfahrens als Beweismittel. Dr. Oliver Daum sagt im Gespräch mit kicker eSport, dass dieses Video vermutlich den Weg für einen positiven Urteilsausgang des Klägers der 'PIPE_CREW' bereitet habe. Ohne Beweismittelsicherung sei eine Anklage tatsächlich problematisch.

Zunächst gestaltete es sich jedoch schwierig, die Adresse des Streamers ausfindig zu machen, da ein Impressum fehlte. Twitch als Ansprechpartner für die Kontaktdaten wurde dabei bewusst vermieden. Die rechtlichen Hürden der Datenschutz-Grundverordnung seien zwar gut und richtig, würden ein Verfahren aber unnötig in die Länge ziehen, so Daum.

Durch Recherchen konnte eine ehemalige Adresse ausfindig gemacht werden, woraufhin eine Anfrage beim Einwohnermeldeamt zur aktuellen führte. Genau an diese schickten Daum und sein Mandant der 'PIPE_CREW' eine Abmahnung. Sie enthielt eine Unterlassungserklärung und die Rechnung der Anwaltskosten über 870 Euro.

"Das Wichtigste ist die Beweismittelsicherung"

Der FIFA-Streamer ließ die Frist jedoch verstreichen und unterschrieb die Unterlassungserklärung nicht. Rechtsanwalt Dr. Oliver Daum reichte Klage ein und bekam Ende März 2022, nach 19 Monaten des Verfahrens, vom Landgericht Kiel überwiegend Recht. Laut Daum ist es das erste Urteil in Deutschland, das den eSport explizit in der Urteilsverkündung nennt.

Der FIFA-Streamer führte im Verfahren eine vorausgehende Provokation an, die letztendlich zur Beleidigung geführt haben solle. Diese erkannte das Gericht an, konnte aber keinen direkten zeitlichen Zusammenhang feststellen, und auch den Verfasser nicht abschließend klären, weshalb die Auffassung des Angeklagten keinen Bestand hatte.

Daher Daums Tipp: "Das Wichtigste ist die Beweissicherung." Screenshots oder Videos des Täters und der Tat seien unerlässlich. Zeugen sind zwar möglich, Aussagen dieser könnten jedoch oft nicht genutzt werden, da es an der Erinnerung scheitert, bzw. unterschiedliche Aussagen getätigt würden.

Wer von Beleidigungen oder Diskriminierung betroffen ist, wendet sich am besten direkt an einen Anwalt. Dieser prüfe unter Zuhilfenahme der Beweismittel, ob sich eine strafrechtliche Verfolgung lohne. Dann sei die Polizei als Ansprechpartner zwar möglich, bei persönlicher Beleidigung würden strafrechtliche Verfahren jedoch oft im Sande verlaufen. Der Weg über den Anwalt und das Zivilrecht ist daher erfolgsversprechender.

"Ein starkes Zeichen gegen Hatespeech"

Der beklagte FIFA-Streamer musste letztendlich wesentlich tiefer in die Tasche greifen. Aus den 870 Euro der Abmahnung sind mit dem Ende des Verfahrens und des mittlerweile rechtskräftigen Urteils 4.400 Euro geworden. Diese setzen sich aus Schmerzensgeld, Anwalts-, Abmahn- und Gerichtskosten zusammen. Zusätzlich könnte er auch für die Reisekosten der Kläger aufkommen müssen. Diese Entscheidung steht noch aus.

Sollte die Beleidigung in Richtung des Mitglieds der 'PIPE_CREW' gar wiederholt werden, drohen bis zu 250.000 Euro Ordnungsgeld oder ersatzweise Ordnungshaft.

Für Rechtsanwalt Dr. Oliver Daum ist es zwar kein wegweisendes Urteil, aber ein "starkes Zeichen gegen Hatespeech und Toxicity". Ein "Schuss vor den Bug", wie er es im Gespräch mit kicker eSport formuliert.

Toxisches Verhalten dürfe "nicht sanktionslos bleiben". Es sei wichtig "Beleidigungen und Verletzungen der Persönlichkeitsrechte nicht einfach hinzunehmen." Zudem gäbe es immer mehr Spezialisten, die sich im Online-Recht auskennen und sich der Fälle annehmen.

Das Urteil des Landgerichts Kiel gibt Daum Recht: Beleidigungen verletzen nicht nur das Gegenüber und sind strafbar, sie können am Ende auch sehr teuer werden.

Update: In unserem ursprünglichen Text hieß es, Rechtsanwalt Daum und die 'PIPE_CREW' hätten "vollumfänglich" Recht erhalten. Zwar entsprach das Gericht der Klage umfänglich, sprach statt einer beantragten Geldentschädigung von 1.000 Euro allerdings nur 800 Euro zu. Wir haben die Stelle im Text angepasst.

Außerdem wies das Gericht die vom Beklagten als Grund angeführten Provokationen nicht ab, sondern stellte den echten Verfasser in Frage und maß ihnen im Urteil keine Bedeutung bei, da kein zeitlicher Zusammenhang zu den behandelten Beleidigungen nachgewiesen werden konnte. Wir haben diese Stelle konkretisiert.

Auch die finale Summe, die der Angeklagte zu zahlen hat, ist noch nicht endgültig festgesetzt. Zu den bereits bekannten Kosten wird aktuell zusätzlich noch darüber verhandelt, ob er auch die Reisekosten der Kläger zu tragen hat. Wir haben hier einen Satz dazu ergänzt.

Benja Hiller

E Sport Talk Artikel Video Teaser 17 02

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