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Schreiende Fragen nach erster Niederlage unter Flick

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Schreiende Fragen nach erster Niederlage unter Flick

Trieb die DFB-Elf an, ohne Erfolg: Bundestrainer Hansi Flick.

Trieb die DFB-Elf an, ohne Erfolg: Bundestrainer Hansi Flick. IMAGO/Matthias Koch

Hansi Flicks Pläne waren selbstverständlich ganz andere gewesen. Mit zwei Siegen gegen Ungarn sowie zum Abschluss dieser Nations-League-Tour in England am Montag sollten die deutschen Nationalspieler nicht nur die Zulassung zum Final-Four-Turnier im kommenden Jahr einholen, sondern vor allem ihr Selbstvertrauen mit Blick auf die Weltmeisterschaft in Katar stärken sowie spielerische Abläufe auf dem Feld automatisieren. Nun schreien den Bundestrainer und seine Spieler aber viele Fragen und Unsicherheiten an, nachdem sich seine Auswahl vor der Pause die schwächste Halbzeit in der einjährigen Flick-Zeit gegönnt hatte. Nach dem Wechsel übte sie zumindest mehr Druck aus, doch ein Treffer gelang nicht. 

Behäbiges Ballgeschiebe

Es waren einige Mängel, die diese Torlosigkeit verursachten. Der deutschen Elf gelang es mit ihrem behäbigen Ballgeschiebe nicht, gegen diese enge, sich perfekt vertikal und horizontal verschiebende Defensive Ungarns hinter die letzte Linie und damit in den Straf- oder gar Fünfmeterraum vorzudringen. Die Flanken wurden geblockt oder kamen nicht, die Pässe in die Tiefe gerieten oft zu lang. Thomas Müllers Kopfball am Fünfmeterraum bildete die einzige positive Ausnahme. Und im zweiten Durchgang waren die zwei Schüsse Joshua Kimmichs aus dem Hinterhalt die verheißungsvollsten Chancen. Im Sechzehner war nichts los.

Keine Präsenz im Sturmzentrum

Viele Situationen, in denen zähflüssig um den Strafraum der sich opferungsvoll in jeden Zweikampf stürzenden Ungarn hinüber und herüber und wieder zurück gepasst wurde, machten deutlich, dass der typische Mittelstürmer, den der deutsche Fußball eben nicht hat, schmerzlich vermisst wird. Es fehlte die Präsenz im Sturmzentrum, der Anspielpartner, der die Bälle festmacht oder Flanken mit seiner Wucht verwertet.

Timo Werner ist dieser Typus nicht. Er präsentierte sich ebenso wirkungslos wie Serge Gnabry oder Thomas Müller. Es sind zu viele deutsche Nationalspieler, denen in diesem Herbst vor der baldigen Weltmeisterschaft die Form abgeht. David Raum zählt zu dieser Gruppe, Niklas Süle. Jonas Hofmann war zunächst in der rechten Verteidigung auf der falschen Planstelle, die Offensive gefällt ihm besser, wie im zweiten Abschnitt ersichtlich wurde. Ilkay Gündogan bemühte sich, aber ohne Effizienz.

Insgesamt fehlte die ordnende Hand

Joshua Kimmich, ebenfalls fehlerhaft, steigerte sich, hatte bei seinen Schüssen jedoch kein Glück. Und Leroy Sané zeigte vor allem in der zweiten Halbzeit zumindest im Zweikampf eine couragierte Körpersprache, ohne sich vorne entscheidend in Szene setzen zu können. Der Bayern-Block konnte seine Krise im Verein beim DFB nicht kaschieren oder beheben. So blieb allein Antonio Rüdiger, der eine ordentliche Leistung vorlegte. Die Individualisten Kai Havertz und Jamal Musiala, die mit Einzelaktionen immer Hoffnungen nähren, kamen arg spät in die misslungene Veranstaltung.

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Insgesamt fehlte die ordnende Hand, der Kopf. Das Bemühen war in der zweiten Hälfte da, aber nicht die Kreativität, die Idee, das geniale Zuspiel.

Flick, sein Trainerteam und die Führungsspieler, die diese Hauptrolle für sich beanspruchen, müssen nun diesen ersten deftigen Rückschlag psychologisch und spielerisch verarbeiten. In London steht nun statistisch lediglich ein Testspiel an. Diese Partie ist für die Tabelle dieser Gruppe 3 bedeutungslos, weil England bereits abgestiegen ist. Doch für die WM und die Stimmung in der deutschen Mannschaft sowie im Land wird dieser Auftritt wesentlich.

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