Bundesliga

Werder Bremen - Gladbach: Green White Totalausfall

Mein Spiel des Jahres: Bremen - Gladbach 2:4

Schluss mit Wonderwall: Green White Totalausfall

Abschied aus der Beletage des deutschen Fußballs: Werder Bremen sagt am 22. Mai "Tschüss" zur Bundesliga.

Abschied aus der Beletage des deutschen Fußballs: Werder Bremen sagt am 22. Mai "Tschüss" zur Bundesliga. imago images/Sven Simon

Fünf Stunden zwischen Hoffnung und Randalen

Die Stimmung am Osterdeich kippt innerhalb von fünf Stunden. Fünf Stunden, die zwischen letzter Hoffnung und purer Enttäuschung liegen, zwischen grün-weißem Support im Vorfeld und aggressiver Randale im Nachgang. Es sind jene fünf Stunden, in die der erste Bundesliga-Abstieg des SV Werder Bremen seit 1980 fällt, dieses Vereins, der es schaffte, über Jahre bundesweite Sympathien zu vereinen. Der mal dafür bewundert wurde, mit hanseatischer Cleverness regelmäßig um die deutsche Meisterschaft mitzuspielen. Der an diesem Tag jedoch nur noch wenig mit alledem zu tun hat. Die Gegenwart sieht düster aus, die Zukunft: ungewiss.

2020/21 - 34. Spieltag

Schätzungsweise 2000 Fans haben sich an dem Samstag des 22. Mai rund um die Partie des 34. Spieltags trotz Pandemie vor dem Weserstadion versammelt. Sie wollen ihrem Verein beistehen, einmal mehr, so wie das in der Vergangenheit schon öfter der Fall gewesen ist, wenn es Werder sportlich nicht gut ging. Vor rund einem Jahr, als der stolze Traditionsklub sich erst in zwei Relegationsspielen gegen den 1. FC Heidenheim retten konnte, war das coronabedingt ebenfalls nur in überschaubarem Maße möglich. Doch 2016, als es am letzten Spieltag zum Abstiegsendspiel gegen Frankfurt gekommen war, prägten die Bremer Anhänger den Begriff der "Green White Wonderwall".

Spalier für die Busse, wehende Werder-Fahnen, grün-weiße Rauchschwaden

Der Auflauf vor dem diesjährigen Saisonfinale ist sicherlich kein vergleichbarer, zumindest demonstriert er jedoch den einzigartigen Bremer Zusammenhalt. Im Spalier nehmen Anhänger die beiden Mannschaftsbusse in Empfang, klatschen, grölen, jubeln den Spielern hinter den verdunkelten Scheiben zu - bei wehenden Werder-Fahnen und inmitten grün-weißer Rauchschwaden. Ein Großaufgebot der Polizei ist natürlich auch angerückt; noch bleibt die Stimmung überwiegend friedlich.

Spalier der Hoffnung: Werder Bremen kommt zum Endspiel um den Klassenerhalt an.

Spalier der Hoffnung: Werder Bremen kommt zum Endspiel um den Klassenerhalt an. imago images/Sven Simon

Auch Feuerwerkskörper wecken die Werder-Profis nicht

Um 15.32 Uhr, kurz nach Anpfiff des Spiels gegen Mönchengladbach, schießen Feuerwerkskörper über die Fassade des Weserstadions. Wenn es sich hierbei um die letzten Bemühungen der Fans handelt, die vor dem Spiel auf den Relegationsplatz abgerutschte Mannschaft von außerhalb der Arena noch mal aufzuwecken, schlägt auch dieser Versuch fehl. Nach lediglich drei Minuten liegt Werder 0:1 hinten. Der Eindruck von den Reporterplätzen ist schon jetzt verheerend: Die Spieler wirken gelähmt, als Team leblos. Unfähig, sich auf irgendeine Weise zu wehren - trotz des drohenden Abstiegsszenarios.

Selke und das letzte Lebenszeichen

Zumindest die 100 zugelassenen Zuschauer auf der oberen Gegentribüne lassen sich zunächst nicht entmutigen. Es sind ausschließlich Vereinsmitarbeiter, die sich dieses Privileg laut Sportchef Frank Baumann verdient haben und im Gegenzug zumindest "für etwas Atmosphäre" sorgen sollen. Mit Schals, Klatschpappen und Sprechchören. An ihnen liegt es nicht. Davie Selke vergibt den Hundertprozenter, der den Ausgleich hätte bringen können. Und vielleicht die Wende. Ein allerletztes Lebenszeichen.

In der zweiten Hälfte verstummt jeder Zuspruch recht schnell. Bremen kassiert drei weitere Treffer, das Spiel ist längst entschieden. Thomas Schaaf, die für das Finish installierte Trainerlegende, bleibt standhaft, bis auf seine verzweifelten Anweisungen von der Seitenlinie sind jetzt nur noch die Fangesänge von außerhalb des Stadions zu hören. Noch gibt es ja Hoffnung. Noch steht es bei der Partie in Köln 0:0 - Werder hätte wieder die Relegation erreicht.

Todesstoß in der 86. Minute - "Köln führt"

71. Minute, Sebastian Andersson trifft für den FC, doch der Treffer wird zurückgenommen. Kein Zucken jedoch bei den Reporterkollegen, keinerlei Aufatmen. Niemand will sich darauf verlassen, dass es schon irgendwie gut ausgehen wird für Werder. Längst sind sie es gewohnt, enttäuscht zu werden von dem Team, das acht der letzten neun Ligaspiele verloren hat. Niemand scheint an den Bremer Klassenerhalt zu glauben. Zumal Köln gegen den bereits abgestiegenen Tabellenletzten FC Schalke 04 spielt. Dann spricht es erneut jemand aus auf der Tribüne: "Köln führt." 86. Minute. Diesmal zählt’s. Der FC schickt Werder in die 2. Bundesliga. Green White Totalausfall.

Ein bitteres, letztes Erlebnis auf der Werder-Bank: Interimstrainer Thomas Schaaf kann den Abstieg nicht verhindern.

Ein bitteres, letztes Erlebnis auf der Werder-Bank: Interimstrainer Thomas Schaaf kann den Abstieg nicht verhindern. imago images/Sven Simon

"Sag's doch!" - und dann erdrückende Stille

Die Werder-Profis haben bis zum Ende des eigenen Spiels, das mit 2:4 endet, teilweise noch nicht mal mitbekommen, dass sie abgestiegen sind. "Sag's doch!", fordert der unwissende Niclas Füllkrug in Richtung Ersatzbank. Als Gewissheit herrscht, schleicht er vom Platz, begleitet von einer Stille, die erdrückend ist. Josh Sargent kann seine Tränen nicht zurückhalten. Theo Gebre Selassie verabschiedet sich nach neun Jahren mit einem letzten Gang über den Rasen des Weserstadions, vor dessen Toren die Stimmung allmählich zu köcheln beginnt.

Rund eineinhalb Stunden nach Abpfiff haben sich rund 200 der 2000 Anhänger vor das Marathontor an der Ostkurve gedrängt, wo sie die Polizei mit Pfeffersprays und aufgestellten Wasserwerfern davon abhalten muss, ins Stadion einzudringen. "Vorstand raus", skandieren sie und "Baumann raus", und warten auf die Mannschaft, die längst aus den Katakomben herausgeleitet worden ist. Erst, als diese Nachricht durchsickert, löst sich der Protest allmählich auf.

Wut, Fassungslosigkeit und Trauer bleiben.

Tim Lüddecke

Bilder zur Partie Werder Bremen - Bor. Mönchengladbach