Bundesliga

SC Sand: Trainer Alexander Fischinger im kicker-Interview

Nach dem Abstieg des Dorfs aus der Bundesliga

Sand-Trainer Fischinger im Interview: "Die meinen, sie müssten Bundesliga spielen"

Blick nach oben trotz des Abstiegs: Sands Trainer Alexander Fischinger (li.) und die beste Torschützin Dörthe Hoppius.

Blick nach oben trotz des Abstiegs: Sands Trainer Alexander Fischinger (li.) und die beste Torschützin Dörthe Hoppius. imago images (2)

Als der kicker anruft, steht Alexander Fischinger gerade im Baumarkt. Welch passende Metapher. Der Trainer des SC Sand will und muss nach dem Abstieg aus der Frauen-Bundesliga beim Neuaufbau helfen. Im Sommer 2021 hatte er sein Amt abgegeben und war Mitte November nach dem fürchterlichen Saisonstart wieder auf Matthias Frieböse gefolgt.

Herr Fischinger, Ihr Team führte am letzten Spieltag gegen die TSG Hoffenheim zwischenzeitlich mit 3:2. Haben Sie da mit einem Auge nach Essen geschaut, ob es mit dem Klassenerhalt doch noch etwas wird?

Klar, ich war die ganze Zeit informiert. Die Mannschaft aber nicht, und das war auch besser so. Ich wusste also, dass Jena (der Tabellenletzte verlor in Essen mit 0:3, Anm. d. Red.) uns keine große Hilfe sein würde.

Sie haben sich über die Länge der Nachspielzeit aufgeregt, in der dann der Ausgleich für Hoffenheim fiel.

Ich habe nicht verstanden, warum es vier Minuten Nachspielzeit gab. Da war nicht eine einzige Verletzungsunterbrechung. Und es ging für beide Teams letztendlich um nichts mehr. Ärgerlich, einfach unnötig. Aber ich habe mich kurz danach schon wieder abgeregt. Wir hatten abgesehen von der Nachspielzeit noch keine so starke Schiedsrichterleistung in dieser Saison wie die am Wochenende von Ines Appelmann.

Der SC Sand hatte sich acht Jahre lang in der Bundesliga gehalten, 2015 und 2021 erst am letzten Spieltag. Haben Sie und Ihre Spielerinnen den Abstieg gefasst aufgenommen, oder herrschte große Trauer?

Wir waren ein Stück weit vorbereitet. Der Abstieg hatte viele Väter.

Wir hätten uns auch bei Klassenerhalt von einigen Spielerinnen getrennt.

Alexander Fischinger

Welche Namen tragen diese Väter?

Zum einen die Euphorie über den gerade so geschafften Klassenerhalt 2021. Das schwierige Auftaktprogramm. Dann riss sich unsere Stammtorhüterin Jasmin Pal das Kreuzband, sie konnten wir nie gleichwertig ersetzen. Zwischendurch kam Corona und raffte die ganze Mannschaft dahin. Uns ist aber klar, welche Punkte am Ende gefehlt haben.

Und zwar?

Die sechs aus den beiden Spielen gegen Werder Bremen (die Pokalbegegnung wiederum gewann man 1:0, d. Red.). Im Hinspiel (0:1) verloren wir durch einen Skandal-Elfmeter, im Rückspiel (0:1) durch einen Torwartfehler. Bremen war unser direkter Konkurrent. Von der Qualität des Kaders her war es nicht nachvollziehbar, dass wir beide Duelle verloren haben.

In der Hinrunde, größtenteils unter Ihrem Vorgänger Matthias Frieböse, holte der SC nur zwei Punkte aus elf Spielen. Beim anderen Absteiger Carl Zeiss Jena sagte Trainerin Anne Pochert: "Wir haben einfach nicht die Qualität, das ist Fakt." Sie sehen das mit Blick auf Ihr Team anders?

Auf jeden Fall. Letzte Saison haben wir allerdings über unserem Limit gespielt, das gehört auch zur Wahrheit dazu. Und manche Spielerinnen haben seitdem nicht den nächsten Entwicklungsschritt gemacht. Wir hätten uns auch bei Klassenerhalt von einigen Spielerinnen im Sommer getrennt.

Noemi Gentile hat bei Turbine Potsdam unterschrieben, Chiara Loos geht nach Freiburg, Jasmin Pal nach Köln. Ihre beste Torschützin Dörthe Hoppius fängt im September in Nordrhein-Westfalen als Polizistin an. Wer bleibt denn noch?

Emily Evels wird beispielsweise bleiben. Das finde ich ein starkes Statement. Generell warten wir mal ab, die Kaderplanung war bisher mühsam. Wir wussten ja nicht, ob wir interessierten Spielerinnen die Bundesliga als Plattform bieten können. Manche haben sich vielleicht auch verzockt. Die Nationalspielerinnen werden jedenfalls alle gehen. Die meinen, sie müssten Bundesliga spielen. Deren Berater beeinflussen die jungen Frauen schon sehr. Aber es ergibt keinen Sinn, auf Knien zu betteln.

Ich hätte es lieber gehabt, dass Leipzig aufsteigt.

Alexander Fischinger

Das klingt etwas verbittert. Ohne das TV-Geld der Bundesliga wird der SC nun einmal Abstriche machen müssen.

Ich bin Köln-Fan. Als Jonas Hector damals nach dem Abstieg blieb, hat das von Stärke und Bodenständigkeit gezeugt. Solche Charaktereigenschaften kann man leider nicht mehr voraussetzen.

Dann gibt es ja noch den Sonderfall Sylvia Arnold. Sie hatte ihre Karriere 2019 schon beendet, arbeitete seitdem im Marketing des Vereins. Jetzt im Frühjahr 2022 kam sie doch noch einmal auf drei Einsätze in der Bundesliga.

Seit Frühjahr ist sie sogar im Vorstand! Nach einer Trainingseinheit mit der Mannschaft kommt sie gegen Hoffenheim rein und bereitet direkt ein Tor vor. So etwas gibt es nur in Sand.

Wie groß die Lücke zwischen Ober- und Unterhaus klafft, zeigt die Tabelle der 2. Bundesliga. Da steuern die beiden Absteiger aus dem Vorjahr auf die direkte Rückkehr zu: Meppen und Duisburg.

Das Niveau ist deutlich niedriger, absolut. Ich hätte es lieber gehabt, dass Leipzig (aktuell Dritter, d. Red.) aufsteigt. Die haben ganz andere Mittel als wir. Wenn sie es tatsächlich nicht schaffen, werden sie in der kommenden Zweitligasaison ein großer Konkurrent um den Aufstieg.

Wir können uns keine Spielerinnen aus Amerika mit vier Heimflügen im Jahr leisten.

Alexander Fischinger

2022/23 werden erstmals nur zwei Vereine ohne Männer-Profiabteilung in der Frauen-Bundesliga antreten: Potsdam und Essen. "Wenn wir in die Richtung von richtig professionellem Frauenfußball wollen", hatte DFB-Kapitänin Alexandra Popp im Oktober im kicker-Interview gesagt, "gibt es ab einem gewissen Punkt keine andere Möglichkeit mehr als mit Männern zu fusionieren." Hat sie recht?

Sie hat insofern recht, als das gewollt wird. Deswegen arbeite ich, arbeiten wir so leidenschaftlich, so energisch dagegen. Solche Geschichten wie in Sand gibt es nirgendwo anders. Trotz aller Auflagen des DFB.

Welche meinen Sie genau?

Wir sollen jetzt eine Flutlichtanlage installieren. Das kostet uns 700.000 Euro. Unfassbar! Bei uns läuft die Sponsorensuche so ab: Man geht zum Metzger im Dorf oder zur Gaststätte und fragt nach Unterstützung. Wir können uns eben keine Spielerinnen aus Amerika mit vier Heimflügen im Jahr leisten. Wir sind das gallische Dorf im Frauenfußball.

Interview: Paul Bartmuß

TSG Hoffenheim - SC Sand (Highlights)

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