EM

Sancho hypnotisiert: Geschichten zu Englands 4:0 gegen die Ukraine

Sechs Namen, sechsmal Genugtuung

Sancho hypnotisiert, Mourinho isst Wörter: Sechs Geschichten zu Englands 4:0

Es geht doch: Jadon Sancho, Harry Kane und Luke Shaw (v.li.).

Es geht doch: Jadon Sancho, Harry Kane und Luke Shaw (v.li.). imago images (3)

Harry Kane: Nur Lineker noch besser

Die große Frage, warum Harry Kane nach dieser Saison bei dieser EM in diesem System einfach nicht zur Geltung kommt, stellt niemand mehr. Nach seiner späten Erlösung im Achtelfinale gegen Deutschland - die er natürlich ganz lässig nicht ansatzweise so nannte - traf Englands Kapitän beim 4:0 gegen die Ukraine doppelt. Auf einmal hat nur noch Gary Lineker (10) bei großen Turnieren öfter getroffen als Kane (9), der jetzt sogar wie bei der WM 2018 Torschützenkönig werden könnte. Nur Mitspieler Declan Rice hat einfach kein Glück mit ihm: Den gemeinsamen Jubel gegen Deutschland verpasste der Mittelfeldspieler, weil ihn plötzlich ein Krampf stoppte. Diesmal nahm ihn Kane nach dem zwischenzeitlichen 2:0 euphorisch in den Schwitzkasten. "Warum immer ich?", twitterte Rice.

Jadon Sancho: "Hypnotische" Bewerbung für mehr

Vielleicht musste ja erst sein Premier-League-Wechsel in die Wege geleitet werden werden, auf jeden Fall erhielt Jadon Sancho nach zuvor nur sechs Minuten Einsatzzeit bei dieser EM gegen die Ukraine das Vertrauen für volle 90. Und obwohl er im Gegensatz zu Raheem Sterling auf der anderen Seite des Feldes an keinem Tor direkt beteiligt war, bewarb sich der bald Ex-Dortmunder mit einer erfrischenden Vorstellung vor der Pause prompt für einen Platz im Halbfinale gegen Dänemark. "Er bewegt sich, als wäre er auf einer Tanzfläche", schwärmte TV-Experte Rio Ferdinand. "Er hypnotisiert die Verteidiger."

Jordan Pickford: Wo ist das Problem?

Nicht einfach nur aus Tradition galt die Torwartposition vor dem Turnier als englische Problemzone. Jetzt ist England stattdessen erstmals in seiner Geschichte seit sieben Länderspielen (oder 662 Minuten) ohne Gegentreffer - sechsmal mit Jordan Pickford zwischen den Pfosten, fünfmal bei dieser EM. Gegen die Ukrainer parierte der Everton-Profi erneut, was es zu parieren gab.

Luke Shaw: Gesehen, José?

Im Englischen gibt es die Redewendung "to eat one's words", seine Worte essen also. Gemeint ist das, wozu Luke Shaw am Samstag José Mourinho gezwungen hat. Der frühere United-Trainer hatte vor wenigen Tagen, diesmal als EM-Experte, einmal mehr Shaw öffentlich kritisiert und vor allem seine Standards als "dramatisch schlecht" bezeichnet. Gegen die Ukraine bereitete Shaw zwei Tore mit herrlichen Hereingaben vor - eines davon per Freistoßflanke. Mourinho konnte sich seine Worte also schmecken lassen.

Harry Maguire: Das Warten hat sich gelohnt

Obwohl er am Ende der Premier-League-Saison wegen einer Sprunggelenksverletzung wochenlang ausgefallen war, hatte Trainer Gareth Southgate einiger Kritiker zum Trotz keine Zweifel daran gelassen, Harry Maguire mit zur EM zu nehmen. Erst im dritten Spiel wirkte der Abwehrchef erstmals mit und zeigt seitdem, dass sich das Warten gelohnt hat. Mit seinen Stärken in Zweikampf und Spielaufbau gibt er der Mannschaft großen Halt, und gegen die Ukraine traf er auch noch. Es passte zu Englands Abend der Genugtuung.

Jordan Henderson: "Ich habe gespürt, dass es passiert"

Nach dem 4:0-Sieg wusste Southgate seine Worte wie immer geschickt zu wählen und lobte eben nicht Kane oder Maguire ausgiebig, sondern die zweite Reihe und jene, die nicht einmal im Aufgebot gestanden hatten. Jordan Henderson stand am Samstag sinnbildlich dafür, dass England auch die Kaderbreite zu einem Titelfavoriten machen. Der Liverpool-Kapitän traf sechs Minuten nach seiner Einwechslung - zum ersten Mal im 62. Länderspiel. "Ich habe gespürt, dass es passiert", meinte er hinterher erleichtert, Kane sagte: "Wer weiß, vielleicht startet er jetzt einen kleinen Lauf." Und lächelte dabei nur ein kleines bisschen.

jpe