Champions League

Antonio Rüdiger im Interview: "Ich stand kurz davor zu gehen"

Nationalspieler spricht über die Champions League, seine Zukunft und die EM

Rüdiger im Interview: "Ich stand wirklich kurz davor zu gehen"

Läuft seit dem Halbfinalrückspiel in der Champions League gegen Real Madrid wegen eines Jochbeinbruchs mit einer Schutzmaske auf: Antonio Rüdiger.

Läuft seit dem Halbfinalrückspiel in der Champions League gegen Real Madrid wegen eines Jochbeinbruchs mit einer Schutzmaske auf: Antonio Rüdiger. imago images

Herr Rüdiger, seit vergangenem Mittwoch steht der EM-Kader der deutschen Nationalmannschaft. Hat Joachim Löw auch Sie zuvor kontaktiert oder nur die Wackelkandidaten?

Mit wem er gesprochen hat, weiß ich nicht, mit mir jedenfalls nicht. Ich wusste aber auch, dass ich mir keine großen Sorgen machen musste (grinst).

Der Bundestrainer setzte stets auf Sie, selbst als Sie im Herbst bei Chelsea öfter auf der Bank saßen. Fühlen Sie sich ihm gegenüber speziell verpflichtet, erst recht, da er nach der EM aufhört?

Ich gebe ohnehin immer alles auf dem Platz. Aber wir beide haben tatsächlich eine sehr spezielle Beziehung zueinander.

Inwiefern?

Auf menschlicher Ebene. Auch deshalb, da haben Sie recht, will ich ihm den bestmöglichen Abschied bereiten.

Fahren Sie mit einem ausschließlich guten Gefühl zur EM, wegen Ihrer Leistungen und weil Sie diesen Rucksack des Spanien-Spiels nicht tragen müssen, da Sie bei jener 0:6-Niederlage gesperrt fehlten?

Das ist so nicht richtig. Ich bin immer Teil des Teams, und auch wenn ich damals nicht auf dem Platz stand, leide ich dennoch mit den Jungs: Das tat weh, das hat die ganze Welt gesehen. Und es hätte auch mir passieren können.

Ganz ehrlich: "Abwehrchef"! So was wird immer nur von außen reingetragen.

Antonio Rüdiger

Die Rückkehr von Mats Hummels lässt nun viele auf ein Innenverteidiger-Duo gemeinsam mit Ihnen tippen. Wie läuft das Zusammenspiel - und sind Sie der Abwehrchef, weil er länger raus war?

Ganz ehrlich: "Abwehrchef"! So was wird immer nur von außen reingetragen. Beide müssen kommunizieren, egal, wer da spielt.

Okay, dann weg von der Hierarchie: Muss nicht einer die entscheidenden Kommandos geben?

Nein, es ist ein Muss von beiden Innenverteidigern. Manche sind vielleicht eher auf sich fokussiert. Aber weil Sie jetzt gerade von Mats und mir sprechen - er ist 32, ich bin 28 Jahre alt. Wir spielen beide schon lange auf hohem Niveau, das wird sich automatisch einpendeln.

Rüdiger, Hummels, Giroud

Bereits 2018 spielte Rüdiger mit Hummels in der Abwehr: Hier im Dreikampf mit Frankreichs Giroud. imago images

Möglich ist natürlich auch eine Dreier-Abwehrreihe. Wo sehen Sie da Ihre Idealrolle?

Das ist gar nicht entscheidend für mich. Ich will einfach nur auf dem Platz stehen.

Beim FC Chelsea ist die Dreierreihe aber schon ein Schlüssel zum Erfolg. Ist die offensive Interpretation Ihrer Rolle als linker Innenverteidiger Ihr Wunsch oder eine Anweisung von Thomas Tuchel?

Beides: Der Trainer will das so, aber das ist auch mein Antrieb. Ich liebe es, nach vorne zu gehen, zu pressen. Wir sind variabel, mal drei, mal vier hinten auf einer Linie. Aber mich sieht man auch schon mal viel weiter vorne.

Sie stehen ja teilweise sogar höher als der linke Wingback Ben Chilwell oder Marcos Alonso.

Ja, denn das gehört zu meinen Stärken: Ich mag diese 1:1-Situationen, die Gegenspieler dabei früh aufzunehmen. Das passt.

Gerade gegen Manchester City wird es nun aber aber am Samstag im Champions-League-Finale darauf ankommen, hinten die Schnittstellen zu schließen. Wie bereiten Sie sich als Abwehrspieler speziell auf diese Passmaschinen vor?

Mental musst du bereit sein, klar, es ist ein großes Spiel. Aber auch physisch. City wird öfter den Ball haben als wir, das wissen wir. Mit den Schnittstellen stimme ich Ihnen zu, aber in der letzten Reihe sind es ja mehr oder weniger direkte Zweikämpfe. Jeder Abwehrspieler sollte den Mut haben, Eins-gegen-eins-Duelle zu bestreiten.

Nicht so einfach gegen diese Truppe ...

Klar, Ilkay, Foden, Mahrez, De Bruyne - all denen darfst du nicht viel Raum geben. Wenn wir also nicht hoch ins Mittelfeldpressing kommen und die Bälle in die Spitze gespielt werden, dann musst du hart arbeiten und vor allem bereit sein zu leiden.

Uns liegt es, wenn wir gepresst werden.

Antonio Rüdiger über ManCity

City lockt den Gegner gerne.

Ja, aber wer nur kompakt steht, wird passiv. Das darf man gegen sie überhaupt nicht.

Und wie schafft man den Spagat, wenn drei zentrale Abwehrspieler sich auch noch einer falschen Neun gegenübersehen? Nur warten geht ja auch nicht.

Richtig. Aber für mein Spiel ist das perfekt, weil ich ebendiesen Spielern folgen kann. Wenn ich dann den Ball gewinne, entstehen Kontersituationen, darin sind wir wiederum sehr gefährlich.

Ist genau das Chelseas größte Chance oder die beiden jüngsten Siege gegen City im Kopf zu haben?

Ach, die Siege liegen auch schon wieder etwas zurück. Es geht darum: Manchester City weiß, dass wir uns mit dem Ball ebenfalls etwas zutrauen. Uns liegt es, wenn wir gepresst werden.

Weil?

Wenn wir uns befreien, kommt zum Beispiel Timo Werners große Stärke, sein Tempo, richtig zur Geltung. Den Spieler möchte ich sehen, der ihn dann bei einem 50-Meter-Sprint schlägt.

Wenn es nun in Porto zum Elfmeterschießen kommen sollte, würden Sie zu den Schützen gehören?

Ich sage jedenfalls nicht Nein, wenn ich gefragt werde.

Ist dieses Finale am 29. Mai das bisher größte Spiel Ihrer Karriere?

Zu 100 Prozent, ja.

Hanke, Rüdiger

Rüdiger bei seinem Bundesliga-Debüt 2012: Hier im Zweikampf mit Mike Hanke von Mönchengladbach. imago images

Und bereiten Sie sich mental speziell darauf vor, um keine Nervosität aufkommen zu lassen?

Also wirklich nervös war ich zuletzt bei meinen Debüts in der Bundesliga und bei der Nationalelf. Nein, ich bereite mich so vor wie immer. Wenn der Schiri anpfeift, bin ich da.

Sie gehen in Topform ins Spiel. Zweikampfquote, Passspiel, Balleroberungen - all diese Werte haben Sie unter dem neuen Coach deutlich verbessert. Ein 50:50-Verdienst?

Das Vertrauen vom Trainer ist die eine Sache. Aber die Spieler auf dem Platz müssen die Dinge schon selbst erledigen.

Chelsea kassiert mit Ihnen im Schnitt rund ein Tor weniger pro Match. Macht Sie das stolz?

Das interessiert mich nicht.

Warum nicht?

Daran ziehe ich mich nicht hoch. Weil es immer um den Erfolg als Mannschaft geht. Das an einem Spieler festzumachen, ist nicht mein Ding.

Ihre Führungsrolle nutzen Sie gerne in den sozialen Medien. Wie leben Sie die in der Kabine vor?

Ich bin keiner, der große Reden hält oder rumschreit. Bei so etwas bin ich eher schüchtern, ehrlich gesagt. Generell ist es bei uns nie so laut in der Kabine. Und bei mir geht es ohnehin um Taten, ich gehe voran.

PSG und Thomas Tuchel waren die ernsthafteste Option.

Antonio Rüdiger

Gerne auch mit Mimik, Gestik.

Genau: Ich nehme die Leute, meine Mitspieler mit meiner Haltung mit. Und, wie gesagt, mit viel Kommunikation auf dem Platz.

Im Herbst sah vieles anders aus, Sie saßen bei Chelsea plötzlich auf der Bank, sogar auf der Tribüne. Wie kurz standen Sie vor einem Wechsel, und wie enttäuscht waren Sie über fehlende Unterstützung des damaligen Coaches Frank Lampard und vom Klub?

Ich stand wirklich kurz davor zu gehen. Es war zum Start in eine Saison mit einer EM am Ende, und auch gegenüber dem DFB sah ich mich dann in der Pflicht, mich nach Alternativen umzuschauen, um genug Spielpraxis zu erhalten. PSG und Thomas Tuchel waren die ernsthafteste Option. Ich hatte auch Kontakt zu Tottenham Hotspur und José Mourinho, den ich als Trainer sehr schätze. Das kam dann aber letztlich nicht infrage. Bei weiteren Optionen lief mir am Ende auch etwas die Zeit weg, um alle Details zu klären.

Mourinho trainiert bald die AS Rom und soll Sie nun zu Ihrem Ex-Klub holen wollen. Aber das wird nichts ohne Champions-League-Teilnahme der Roma?

Bei Gerüchten halte ich mich immer zurück ... Aber noch mal zum Herbst: Es war wirklich nicht einfach für mich. Ich wollte hart arbeiten, "work in silence", wie der Engländer sagt, in Ruhe, und auf meine Chance warten. Es war eine sehr schwierige Zeit für mich.

Inwiefern konkret?

Ich war nicht mal im Kader, nachdem ich zuvor Stammspieler gewesen bin. Aber es ist ja inzwischen alles anders gekommen, der Rest ist Geschichte. Ich bin heute keinem böse.

Wirklich nicht? Darf man es also nicht als Retourkutsche interpretieren, dass Sie Ihre Vertragsgespräche auf die Zeit nach der Europameisterschaft vertagt haben?

Nein, "Retourkutsche" ginge zu weit. Wir haben viele wichtige Spiele, ich habe ein wichtiges Turnier und will mich nicht ablenken lassen. Der FC Chelsea wird aber immer meine Nummer eins als Ansprechpartner sein. Ich bin ein Mann meiner Worte: Nach der EM können wir reden.

Aber Sie wollten schon mehr Wertschätzung reklamieren? Tuchel sprach sich nun für Ihre Vertragsverlängerung über 2022 hinaus aus.

Das ist schön und freut mich auch. Aber meine Worte waren klar, das weiß der Trainer ebenfalls.

Verknüpfen Sie Ihre Entscheidung denn in irgendeiner Form mit Tuchels Zukunft?

Ein Stück weit macht man seine Entscheidungen ja schon immer von der Trainerpersonalie abhängig, aber langfristig kann man sich darauf sowieso nie verlassen - egal, wo man unterschreibt.

"Man wird mich nicht als Trainer sehen"

Sprechen wir über die ferne Zukunft: Haben Sie selbst im Sinn, vielleicht irgendwann mal Coach werden zu wollen?

Also ich will so lange spielen, wie ich kann. Aber mich wird man danach nicht als Trainer sehen.

Das wissen Sie jetzt schon?

Es gibt einfach Kapitel. Jetzt ist das Kapitel "Fußball". Ihm verdanke ich viel, aber ich will auch etwas anderes erleben. Irgendwann ist es mal gut. Diejenigen, die nach ihrer Karriere dabeibleiben, wissen vielleicht danach nichts mit ihrem Leben anzufangen. Das ist völlig okay, das muss jeder für sich entscheiden. Meins ist es nicht.

Ein trauriges Kapitel für alle ist die Pandemie. Sie werden seit rund elf Monaten quasi täglich getestet. Ist das nur noch Routine oder sind Sie da immer wieder neu angespannt, weil es ja auch Teamkollegen von Ihnen schon erwischt hat?

Es ist tatsächlich Routine, man muss es eben machen. Aber natürlich passe ich auch auf, bleibe daheim, wann immer ich kann.

Sie beklagten 2020, zu Beginn der Corona-Zeit, im kicker-Interview auch Respektlosigkeit der Menschen untereinander. Wie hat sich das Ihrer Wahrnehmung nach entwickelt?

Das kann ich ehrlich gesagt schwer beurteilen. Weil wir doch zu sehr in unserer Fußball-Bubble leben. Aber was ich in den Nachrichten mitbekomme - es ist natürlich für alle nicht leicht, wenn man länger daheimbleiben musste. Das ist für viele vielleicht schwierig, die möglicherweise Probleme zu Hause haben. Ich hingegen bin gerne bei meiner Frau und meinem einjährigen Sohn. Somit hat diese Phase auch noch etwas Gutes, weil ich extrem viel Zeit mit ihm verbringen konnte. Aber letztlich ging und geht es immer noch darum, unnötige Kontakte vermeiden zu wollen. Wer das tut, trägt schon einen Teil zur Besserung bei.

Sie haben vor einem Jahr auch gesagt, dass den Pflegekräften besonderer Dank gilt. Mit verschiedenen Charity-Aktionen wie Pizza und Kuchen für Klinikpersonal zu spendieren oder das zur Verfügungstellen Ihrer Social-Media-Kanäle haben Sie das untermauert. Gab es unter den zahlreichen Dankesbekundungen eine, die Sie besonders berührt hat?

Ja, als mir die Beschenkten zum Geburtstag alles Gute und Gesundheit für meine Familie und mich gewünscht haben, ebenso zum Ramadan. Das hat mich sehr gefreut.

Wenn der Kleine mich dann anstrahlt, wenn ich nach Hause komme, ist meine Welt in Ordnung.

Antonio Rüdiger

Sie sind seit 15 Monaten stolzer Papa. Was ist das Schönste daran für Sie und was ist das Wichtigste, was Sie Ihrem Sohn später mitgeben wollen?

Die Hauptsache ist erst mal, dass das Kind gesund ist. Wenn der Kleine mich dann anstrahlt, wenn ich nach Hause komme, ist meine Welt in Ordnung. Das hilft einem dann sehr, zum Beispiel mit einem Negativerlebnis auf dem Fußballplatz entspannter umzugehen.

Bei diesen Worten strahlen Sie jetzt auch.

Ja, weil es dann egal ist, ob ich vorher gewonnen oder verloren habe. Es ist toll, ihn aufwachsen zu sehen, das ist hervorragend. Und beibringen will ich ihm mal, dass er ein guter Junge wird, dass er sich zuallererst selbst respektieren soll, bevor er Respekt vor anderen hat. Dann kann er diesen auch anderen erweisen.

Zum Abschluss nenne ich Ihnen drei Schlagzeilen, und Sie sagen bitte, welche wir in den kommenden Wochen und Monaten sicher lesen werden: "Rüdiger gewinnt die Champions League" - "Rüdiger ist Europameister" - "Rüdiger bleibt bei Chelsea".

Puh, schwierig. Die ersten beiden wären wegen der Titel ein absoluter Traum. Das Dritte wird sich zeigen (grinst).

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