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Routinier mit 18: Warum Europas Topklubs Eduardo Camavinga jagen

Rennes-Mittelfeldspieler vor glänzender Zukunft

Routinier mit 18: Warum Europas Topklubs Camavinga jagen

Vielseitig: Frankreichs Toptalent Eduardo Camavinga.

Vielseitig: Frankreichs Toptalent Eduardo Camavinga. imago images

Thomas Tuchel kam ein bisschen zu spät aus der Kabine. Aber er kam immerhin gerade rechtzeitig, um den - für ihn so unangenehmen - Höhepunkt des Spiels mitzuerleben. Diesen an der Schnur gezogenen Pass aus dem Halbfeld, genau auf den Kopf von Mbaye Niang. Es war der 2:1-Siegtreffer für Rennes gegen PSG am 18. August 2019. Als Spieler des Spiels wurde ein gewisser Eduardo Camavinga ausgezeichnet, der 40 von 41 Zuspielen an den Mann gebracht hatte - und eben auch jener Passgeber zum Siegtreffer war. Sein Alter: 16 Jahre und 281 Tage.

Eduardo Camavinga - der Name klingt nicht nur exotisch, er ist es auch. Geboren wurde er am 10. November 2002 in einem angolanischen Flüchtlingslager, in das seine kongolesischen Eltern geflohen waren. 2003 ging es weiter nach Frankreich, erst nach Lille, dann in die Bretagne nach Fougeres. Judo stand zunächst an oberster Stelle, Fußballspielen kam erst später.

Spielersteckbrief Camavinga
Camavinga

Camavinga Eduardo

Camavinga entpuppte sich beim Kicken schnell als Alleskönner. "Mussten wir das Resultat halten, stellte ich ihn in die Defensive. Brauchten wir ein Tor, ließ ich ihn offensiv ran - er kann beides sehr gut", sagte sein Jugendcoach Jo Burel. 2013 holte ihn Stade Rennes in die renommierte Jugendabteilung. Er wurde damit gleichzeitig zum Hoffnungsträger des Vereins, aber auch seiner Eltern und seiner fünf Geschwister. Im gleichen Jahr war das Haus der Großfamilie abgebrannt.

"Ein echt guter Junge"

Mit Druck weiß der Drittgeborene jedoch offenbar bestens umzugehen. Der Linksfuß gilt als optimistisch und gesellig. Olivier Giroud sagte nach seiner ersten Begegnung mit dem Rohdiamanten, er sei überrascht gewesen, "jemanden so Fröhlichen zu treffen, der mit allen zurechtkommt, total umgänglich. Er ist ein echt guter Junge."

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Echt gut, das passt irgendwie zu Camavinga, diesem natürlichen Naturtalent: Camavinga ist ein Box-to-Box-Player, der punktgenaue Pässe schlägt (siehe PSG), auch mal ein Tor per Kopfballverlängerung vorbereitet (am 1. Spieltag 2020/21 in Lille) und einem Gegenspieler vor einem Treffer nur mit Körpertäuschungen einen Knoten in die Beine spielen kann, ohne dabei den Ball auch nur einmal zu berühren (am 2. Spieltag gegen Montpellier).

Elegant, vielseitig - und fettfrei

Doch der Feingeist hat auch einen Hang fürs Grobe: Camavinga liebt das körperliche Spiel, grätscht häufig und gerne. Rennes-Mitspieler Hatem Ben Arfa sagte bei "ESPN", Camavinga könne "verteidigen, tacklen, köpfen, kreieren, treffen und vorlegen", sei gleichermaßen "intelligent und elegant", habe "Technik und Power". Während des Lockdowns postete Camavinga ein privates Trainingsvideo mit freiem Oberkörper. Wer an dem drahtigen Muskelpaket ein Gramm Fett sucht, der sucht vergeblich.

Frankreichs Toptalente unter sich: Eduardo Camavinga jagt Kylian Mbappé.

Talent jagt Ex-Talent: Eduardo Camavinga gegen Kylian Mbappé. getty images

Bei Rekorden wird man hingegen fündig. Camavinga ist der jüngste Spieler, der je für Rennes gespielt (16 Jahre, 147 Tage) und ein Tor erzielt hat (17 Jahre, 35 Tage). Noch nie zuvor hat ein jüngerer Spieler einen Treffer in der Ligue 1 vorbereitet. Im September avancierte er wortwörtlich zum Frühberufenen - und zwar in der Equipe Tricolore. Beim 4:2 gegen Kroatien wurde er mit 17 Jahren und neun Monaten zum jüngsten französischen Nationalspieler der Nachkriegszeit. Selbst ein Kylian Mbappé war ein halbes Jahr älter beim Debüt. "Es ist wie bei Mbappé", sagte Paul Pogba über Camavinga. "Alter zählt bei ihm nicht. Er spielt mit einer Ruhe, die ich nicht hatte, die nur wenige Spieler haben."

Er wird hundertprozentig zu einem der besten Spieler der Welt.

Willy Sagnol über Eduardo Camavinga

Diese Ruhe. Es ist die Eigenschaft, die alle herausheben, wenn sie über Camavinga sprechen. Giroud bezeichnet ihn sogar als "die Ruhe selbst", Willy Sagnol findet, der Teenager spiele "fast wie ein 30-jähriger Routinier". Aber klar, es gibt sie, die Mahner, Sagnol gehört bei aller Lobhudelei auch dieser Fraktion an. Man dürfe Camavinga "nicht verheizen", sagte er dem "Sportbuzzer". Doch auch der ehemalige Bayern-Akteur sehe "nichts in der Zukunft, das ihn bei einer Topkarriere stoppen kann. Hundertprozentig wird er einer der besten Spieler der Welt."

Deschamps hatte quasi keine Wahl

Rückzieher ins Glück: Eduardo Camavinga erzielt gegen die Ukraine seinen erstes Länderspieltor.

Rückzieher ins Glück: Eduardo Camavinga erzielt gegen die Ukraine seinen erstes Länderspieltor. imago images

Geht alles zu schnell? Oder kann alles nicht schnell genug gehen? Vieles spricht für Letzteres. Bei seinem ersten Startelf-Einsatz für Frankreich benötigte er ganze neun Minuten für sein erstes Tor beim 7:1 gegen die Ukraine. Ein Fallrückzieher, der ihn zum jüngsten Torschützen Frankreichs seit Maurice Gastiger machte. Und damit seit dem Jahr 1914. Sicher hatte auch Didier Deschamps seine Zweifel, doch es klingt amüsant-resignierend, wenn er über die Berufung spricht: "Es mag vielleicht früh sein", sagte der 52-Jährige. "Aber früher oder später wäre er ohnehin hier gelandet."

Doch bei welchem Verein landet Camavinga als nächstes? "Die großen Teams lassen mich träumen", sagte er erst vergangene Woche. Sein Vertrag läuft 2022 aus, Rennes wird ihn trotz seines vermögenden Besitzers, Milliardär François Pinault, und der ersten Champions-League-Teilnahme der Vereinshistorie (Dienstag, 18.55 Uhr gegen den FC Chelsea, LIVE! bei kicker) auf Dauer nicht halten können, auch wenn er seinen Vertrag verlängert. "Wir haben noch kein Datum festgelegt, an dem wir über meine Zukunft sprechen können. Ich habe es nicht eilig", so Camavinga dazu. "Es wird Verhandlungen geben, um mich hier zu behalten. Es wäre mir eine Freude, in Rennes weiterzumachen." Mit einer Vertragsverlängerung hätte der Klub jedenfalls mehr Zeit, eine dicke Ablöse zu kassieren, 80 Millionen Euro ruft Rennes aktuell bereits auf.

Die Topklubs stehen Schlange

Die Nachfrage soll trotz des Preisschilds riesig sein. Manchester United, Liverpool, Tottenham, Arsenal, Manchester City, Barcelona, Atletico Madrid, Real Madrid, Juventus Turin, Inter Mailand und Paris St. Germain - kaum ein Topklub, der ihn nicht auf dem Zettel hat. Aufgrund seines Profils war Camavinga zwischenzeitlich auch mit dem BVB in Verbindung gebracht worden, Topfavoriten sind aber offenbar Real und PSG. "Wir beobachten ihn", sagte PSG-Sportdirektor Leonardo im September bei "Canal+" - alles andere wäre auch grob fahrlässig. Real Madrid, das auch noch von Camavingas Landsmann Zinedine Zidane trainiert wird, hatte schon im vergangenen Winter angeklopft und mit Rennes-Präsident Olivier Letang Gespräche geführt.

Genauer gesagt ist Letang der Ex-Präsident von Rennes, und auch das hängt wohl auch mit Camavinga zusammen. Laut "L'Equipe" soll Pinault über die Verhandlungen wegen eines etwaigen Sommertransfers 2020 so erbost gewesen sein, dass er Letang im vergangenen Februar kurzerhand seines Amtes enthob.

Christoph Laskowski