Bundesliga

Roses Entlassung in Dortmund: Die Zweifel waren zu groß

Kommentierende Analyse

Roses Entlassung in Dortmund: Die Zweifel waren zu groß

Am Ende klaffte eine Lücke zwischen Trainerteam und der sportlichen Verantwortung.

Am Ende klaffte eine Lücke zwischen Trainerteam und der sportlichen Verantwortung. imago images/Jan Huebner

Die Wende in der ausführlichen Saisonanalyse war so eigentlich gar nicht geplant und kam für alle Beteiligten überraschend. Noch Mitte der Woche war Marco Rose in den Transfer eines möglichen Neuzugangs involviert, kurze Zeit später nicht mehr Trainer von Borussia Dortmund. Zu groß waren nach der misslungenen Premierensaison die Zweifel, die in der donnerstäglichen Runde auf den Tisch kamen. "Während unseres Gespräches ist in mir der Eindruck gereift, dass die hundertprozentige Überzeugung aller Verantwortlichen nicht mehr vorhanden ist", formulierte es Rose selbst.

Die Zeichen stehen auf Neuanfang

Es sind Zweifel, die über die ganze Saison gewachsen sind; Zweifel, die der mit großen Erwartungen im vergangenen Sommer gekommene Coach nicht mehr ausräumen konnte - Zweifel, die einem unbeschwerten Start in die zweite Saison im Wege standen. Denn die Zeichen bei Borussia Dortmund stehen auf Neuanfang. Die Mannschaft wird ein deutlich verändertes Gesicht bekommen, das derzeit nach und nach Struktur erhält. Auf der entscheidenden Management-Stelle des Sportdirektors ist der Wechsel von Michael Zorc nach 24 Dienstjahren zu Sebastian Kehl ein Meilenstein und nun wird auch das Trainerteam neu aufgestellt, mutmaßlich mit Edin Terzic als neuem Verantwortlichen.

Die vergangene Spielzeit, Roses erste nach seinem Wechsel von Borussia Mönchengladbach, verlief auf vielen Ebenen ernüchternd. Während in der Bundesliga mit Rang zwei das Minimalziel der erneuten Champions-League-Qualifikation erreicht wurde, verliefen die Auftritte in Champions League, Europa League und DFB-Pokal enttäuschend. Die nach der EM ohne viele Stammspieler absolvierte Vorbereitung, die vielen Verletzungen und dadurch bedingten Umstellungen, die Tatsache, dass er über eine komplette Saison nie seine Wunschmannschaft spielen lassen konnte, sondern immer neu basteln musste, sind ein wesentlicher Grund für die vielen Enttäuschungen.

Aber es bleibt die Frage, ob Rose trotz dieser Widrigkeiten wirklich das Maximum aus dem Team herausgeholt hat. In der Liga war das wohl der Fall - auch wenn unter den insgesamt neun Niederlagen gegen Bayer Leverkusen (2:5), RB Leipzig (1:4) und den VfL Bochum (3:4) bittere Rückschläge waren -, in den Pokal-Wettbewerben sicher nicht. Die im Vergleich zur defensiv schon schwachen Vorsaison noch verschlechterte Abwehrleistung, die fehlende Konstanz über mehrere Spiele hinweg, die teils krachenden Niederlagen, die mangelnde Gegenwehr in einigen wegweisenden Spielen, die immer weniger zu sehende Handschrift - all das sprach am Ende gegen Rose und für einen erneuten Wechsel als Eingeständnis einer verlorenen Saison.

Die Neuzugänge entsprechen Rose-Fußball

Dennoch überrascht die Entscheidung, bei aller Kritik standen intern wie extern alle Zeichen auf eine weitere Zusammenarbeit. In den Gesprächen mit den bisherigen Neuzugängen Niklas Süle, Nico Schlotterbeck und Karim Adeyemi war Rose intensiv beteiligt. Mehr noch: Die Spieler entsprechen dem Fußball, den der Trainer spielen lassen möchte, bringen mehr Aggressivität und Tempo mit und wurden auch unter Mithilfe der Vision Roses verpflichtet. Es wäre spannend gewesen, die weitere Entwicklung zu sehen.

Die Trennung ist auch deshalb eine Niederlage für alle Beteiligten. Das Projekt Rose in Dortmund war langfristig angelegt, der Verein investierte vor einem Jahr 5 Millionen Euro für den neuen Übungsleiter. Der Wunsch, endlich eine neue Ära wie einst unter Jürgen Klopp zu beginnen, endlich eine Lösung für viele Jahre zu finden, war vielversprechend und Rose mit seiner Mischung aus bodenständiger Kumpel-Mentalität und fachlicher Qualifikation der richtige Mann. Entsprechend euphorisch waren die Aussagen zu Saisonbeginn, die Realität kam allerdings schneller zurück als erhofft, die sportlichen Rückschläge mehrten sich nach einigen Monaten.

Rose Dritter: BVB-Trainer und ihre Punkteschnitte

Und mit diesen Rückschlägen verlor Rose auch an Souveränität in seiner Außendarstellung. Schon während einer ersten Schwächephase im Herbst wirkte der Coach dünnhäutig und angegriffen, über die ganze Saison wehrte er sich immer wieder gegen die zunehmende Kritik aus Medien und dem Umfeld. Der Elan für einen Aufbruch war irgendwann verflogen, die Lockerheit mit dem ihm eigenen Mutterwitz, die ihn als Typ ausmachen und die er dazwischen auch immer wieder verströmte, bekam zeitweise einen bitteren, sarkastischen Unterton. Gegenüber der Mannschaft und dem Großteil der einzelnen Spieler aber war die Stimmung bis zuletzt gut.

Der Rucksack war voll und schwer, schon bei Roses Antritt. Das letzte halbe Jahr in Mönchengladbach mit sportlicher Krise und dem von viel Unmut und teils unfairer Berichterstattung begleiteten Abschied hatte offensichtlich und nachvollziehbar Spuren hinterlassen, unbeschwert wirkte er selten. Und die Tatsache, dass sein Vorgänger Terzic nach der frühen Entscheidung für Rose im Frühling einen bemerkenswerten Aufschwung erlebte und mit der Mannschaft die Qualifikation für die Champions League und den Titel im DFB-Pokal erreichte, hing als Schatten über ihm und seinem Team, auch wenn sich Terzic aus dem Tagesgeschäft der Profis und der Öffentlichkeit weitestgehend zurückzog. Der Druck im Umfeld setzte Rose zunehmend zu, immer wieder war die hohe Erwartungshaltung ein Thema bei seinen öffentlichen Auftritten.

Härteprobe für Kehl

Intern war das Meinungsbild zu Rose schon länger nicht mehr eindeutig und doch war bei eigentlich allen Beteiligten der Wille vorhanden, eine zweite Saison gemeinsam anzugehen, Rose die Chance zu geben, mit einem mehr auf ihn zugeschnittenen Kader und einer kompletten Vorbereitung seine Handschrift zu hinterlassen. Das wenn auch zunächst zögerliche Bekenntnis von Kehl vor zwei Wochen war zu diesem Zeitpunkt so gemeint, auch wenn sich der zukünftige Sportdirektor im Rückblick damit angreifbar gemacht hat. Für ihn ist es die erste Härteprobe in der neuen Position, in dieser sehr frühen Phase eine komplett neue Erfahrung.

So überraschend der Zeitpunkt der Entscheidung ist, der Neustart auf der Trainerposition ist nachvollziehbar, die Gründe hat die erste Saison Roses trotz aller unverschuldeter Widrigkeiten geliefert. Das Vertrauen auf eine Wende, das Gefühl für einen weiteren gemeinsamen Weg mit vollem Rückhalt für den Trainer war nicht mehr da.

Patrick Kleinmann