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Roglic oder Pogacar: Wer ist stärker?

Kopf an Kopf ins Tour-Finale

Roglic oder Pogacar: Wer ist stärker?

Primoz Roglic und Tadej Pogacar liefern sich ein packendes Duell

Entscheidung im Zeitfahren? Primoz Roglic und Tadej Pogacar liefern sich ein packendes Duell.

AUSGANGSPOSITION: Roglic geht mit 40 Sekunden Vorsprung auf Pogacar in die letzten sechs Etappen. Klingt nach wenig, hat aber große taktische Auswirkungen: Roglic kann reagieren, Pogacar muss agieren - zumal Pogacar für das Zeitfahren am vorletzten Tag Vorsprung bräuchte. Vorteil Roglic.

ERFAHRUNG: Knapp neun Jahre beträgt der Alters-Unterschied zwischen den beiden Kontrahenten - wirkt dramatisch, relativiert sich aber: Ex-Springer und Umsteiger Roglic wurde erst mit 23 Jahren Berufsradfahrer, Pogacar unterschrieb als Teenager seinen ersten Profi-Vertrag. Roglic bestreitet jedoch bereits seine sechs Grand Tour (Pogacar die zweite), hat eine gewonnen (Vuelta 2019) und 41 Profisiege auf dem Konto (Pogacar 15). Daher: Vorteil Roglic.

FITNESS UND VERFASSUNG: Beide zeigten bislang keine Schwäche, bei beiden gibt es aber kleinere Fragezeichen. Roglic war nach seinem Sturz bei der Dauphine mit leichtem Trainingsmangel zur Tour gereist, hat noch keine dreiwöchige Rundfahrt - auch bei seinem Vuelta-Sieg nicht - ohne Schwächephase durchgestanden. Beim jungen Pogacar ist offen, ob er die körperlichen und psychischen Belastungen ohne Weiteres wegsteckt. Da beide bislang sehr stabil wirken: unentschieden.

"Natürlich, wir sind echte Kumpels. Aber eben auf den letzten Renn-Kilometern nicht.

Tadej Pogacar über seinen Rivalen Primoz Roglic

MENTALE STÄRKE: Roglic hat bereits in seiner ersten Karriere in der psychisch so fordernden Sportart Skispringen eine erstaunliche Ruhe entwickelt, auch in hektischsten Rennsituation bleibt er eiskalt. Auch wenn Pogacar derzeit forsch, unbekümmert, unbeeindruckt und für sein Alter sehr reif agiert: Knapper Punkt für Roglic.

TAKTIK: Roglic bereitet die Etappen akribisch vor, lässt sich kaum von Rennsituationen überraschen, macht nur selten Fehler. Zudem umgeben ihn kluge Radsport-Köpfe wie Teamkollege Tony Martin, die für den Boss das Rennen diktieren. Pogacar fährt viel aus dem Bauch heraus, viel nach Gefühl - und macht dabei vieles richtig, aber auch manches falsch: Auf der kuriosen Flachetappe nach Lavaur, als Bora das Feld auseinanderfuhr, ließ er sich überrumpeln und verlor 1:21 Minuten auf Roglic. Auch hier: Roglic ist im Vorteil.

Ich hätte gerne mehr Vorsprung, keine Frage. Tadej hat wirklich gute Beine.

Primoz Roglic über Rivale Tadej Pogacar

STÄRKE AM BERG: Beide waren bislang an den Anstiegen das Maß aller Dinge, standen über dem Rest, fühlen sich an den steilsten Rampen am wohlsten. Mit Ausnahme der ersten Pyrenäen-Etappe, als Roglic dem in der Gesamtwertung deutlicher zurückliegenden Pogacar nicht mit letzter Konsequenz hinterherstieg, waren beide stets auf Augenhöhe - die ganz große Attacke wagte allerdings auch keiner von ihnen. Also: unentschieden.

PUNCH: Roglic ist ein Muster an Beständigkeit, kann seelenruhig höchstes Tempo am Berg über längste Phase halten, die Gegner zermürben. Pogacar hingegen ist fast dauerhaft im Angriffsmodus, wagemutiger, ein wenig antrittsstärker, gewann bereits zwei Sprints um Etappensiege gegen seinen Rivalen. Somit: Punkt für Pogacar.

ZEITFAHREN: Das Bergzeitfahren am vorletzten Tour-Tag ist wie auf Roglic zugeschnitten - ein langes Rouleur-Stück im Flachen als Anfahrt, ehe es kräftig aufwärts geht. Sämtliche seiner Stärken kann er dort ausspielen. Pogacar ist ein guter Zeitfahrer, kann sich hier aber noch am meisten entwickeln. Fraglos: Klarer Punkt für Roglic.

TEAM: Ohne jede Diskussion ist Roglics Jumbo-Visma-Mannschaft die stärkste im Feld. Einen kommenden Superstar wie Wout Van Aert oder einen früheren Giro-Sieger wie Tom Dumoulin als Berghelfer einzuspannen, ist eine paradiesische Situation. Bestes Beispiel: Als am Sonntag Titelverteidiger Egan Bernal schon abgehängt war, machten noch vier Helfer für Roglic Tempo. Pogacar hat in seinem UAE Team Emirates mit Fabio Aru und Davide Formolo zwei seiner wichtigsten Unterstützer verloren, ist meist Einzelkämpfer. Vorteil Roglic - vielleicht sein größter.

FAZIT: Vieles spricht für den fast neun Jahre älteren Roglic, er ist der Favorit auf den Sieg bei der 107. Tour. Vor allem das Zeitfahren am Samstag spricht für den 30-Jährigen. Chancenlos ist Herausforderer Pogacar dennoch nicht - er müsste aber über sich hinauswachsen oder einen schwachen Tag von Roglic erwischen.

sid/tru

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