Champions League

Rodrygo statt Mbappé: Noch eine Wette bis zum Rollentausch

kicker & DAZN - die Story

Rodrygo statt Mbappé: Noch eine Wette bis zum Rollentausch

In der Champions League immer für ein Tor gut: Rodrygo.

In der Champions League immer für ein Tor gut: Rodrygo. Getty Images

Dieser Text beginnt in der 89. Minute. Was für Real Madrid dieser Tage ja noch genug Zeit ist, um ausreichend zur Geltung zu kommen.

Mit Rodrygo fängt alles an. An einem schwülen Mailänder Mittwochabend Mitte September, während Manchester City 6:3 gegen RB Leipzig gewinnt, Ajax mit 5:1 über Sporting hinwegfegt und Liverpool Milan trotz Rückstand noch 3:2 schlägt. In San Siro, zwischen Inter und Real, fällt lange Zeit kein einziger Treffer.

Inter hat die besseren Chancen, ist dem Sieg eigentlich näher, auf der Gegenseite erwischt selbst Karim Benzema nicht den besten Tag. Diese Königlichen sind gut, aber nicht so gut, um zum engen Favoritenkreis um den Henkelpott zu zählen; sie sind so instabil, dass sie zwei Wochen später im Bernabeu gegen Sheriff Tiraspol verlieren.

Der verletzte Toni Kroos ist gar nicht dabei und Luka Modric bereits ausgewechselt, als im Stadio Giuseppe Meazza die junge Garde übernimmt. Eduardo Camavinga spielt einen Doppelpass mit Federico Valverde und bedient Rodrygo, der den Ball kurz vor Schluss eiskalt ins Eck schießt. Real 1, Inter 0. Vermeintlich unterlegen gewesen, gewonnen. Andeutungen einer Tendenz, die sich durch Reals gesamte spektakuläre Champions-League-Saison zieht - und Andeutungen, wer dafür mehr und mehr verantwortlich ist. Dabei ist Rodrygo Silva de Goes eigentlich kein Spätzünder, sondern viel eher Frühstarter.

Auch Klopp reiste nach Brasilien

Er ist erst zehn Jahre alt, als der berühmte FC Santos den Jungen eigentlich für seine Futsal-Mannschaft verpflichtet - mit elf steht er als jüngster Fußballer überhaupt bei "Nike" unter Vertrag. Das hat nicht mal Neymar geschafft. Ein Wunderkind reift heran.

Auch fortan geht es bei Rodrygo schnell. Das Profidebüt kommt mit 16, Verbindungen zu europäischen Topklubs gibt es schon damals. "Jürgen Klopp kam persönlich hierher, um Rodrygo spielen zu sehen", verrät Jorge Nicola von ESPN. "Er war beeindruckt." Im Juni 2018, nur Wochen nach Liverpools Finalniederlage gegen Real in der Champions League, verlieren die Reds gegen die Königlichen erneut. Das 17-jährige Toptalent wechselt für satte 45 Millionen Euro nach Madrid.

Rodrygo

"Ein Raumdeuter wie Thomas Müller": Real-Joker Rodrygo im Check

alle Videos in der Übersicht

Rodrygo bleibt aber erst mal bei Santos, entwickelt sich dort, wo Neymar, Robinho, einst selbst der große Pelé zu Stars wurden, das löst Real geschickt. Ein Jahr später tritt er die Reise über den Atlantik an und braucht nur fünf Monate, um - mit 18 - in der Champions League gegen Galatasaray drei Tore zu erzielen. Die Königsklasse wird sein Wettbewerb, dadurch passt er zu den Königlichen, die weiterhin auf ihn setzen, obwohl Rodrygos Entwicklung seit dem Galatasaray-Spiel lange Zeit stagniert.

Selbst in Madrid ist die Champions League nicht Tagesgeschäft, und in diesem tut sich Rodrygo schwer. Er hat nicht die Dynamik, nicht die Durchsetzungsfähigkeit seines Bruders im Geiste, des sechs Monate älteren Vinicius Junior, der auf Reals linker Seite spielt. Rodrygos Seite, das war sie zumindest früher. Dort kam er besser ins Dribbling, besser zu Abschlüssen, beides beherrschte er in jeder Entwicklungsphase eigentlich besser als der Landsmann. Doch der war zuletzt immer ein paar Entwicklungsphasen voraus.

Rodrygos eigentliche Position ist besetzt

Rodrygo, Vinicius Junior

Kollege und Rivale: Vinicius Junior (re.) spielt auf Rodrygos bester Position. AFP via Getty Images

Real Madrid braucht einen Rechtsaußen, Rodrygo braucht Spielzeit. Also rechts. "Früher habe ich links gespielt, ich kann auch in der Mitte spielen", räumte der inzwischen 21-Jährige vor wenigen Wochen ein. "Auf der rechten Seite entwickle ich mich noch. Links kann ich etwas mehr leisten, aber die rechte Seite gefällt mir jetzt etwas besser, weil ich eigentlich immer dort spiele." Klingt zwar nicht danach, als würde das wirklich stimmen, hört sich aber sehr wohl danach an, als würde da jemand an sich arbeiten wollen. Mit Erfolg.

Der Champions-League-Auftakt gegen Inter, der Showdown in der Meisterschaft beim FC Sevilla. Das überlebenswichtige 1:3 im CL-Viertelfinal-Rückspiel gegen Chelsea, mustergültig vorbereitet von seinem "Vater" Luka Modric, der nur ein Jahr jünger ist als Rodrygos tatsächlicher Vater, der ihn mit 16 bekommen hat. Weil die Dinge in dieser Familie eben schnell gehen. Seit Modric und Rodrygo von diesem ungewöhnlichen Umstand wissen, nennen sie sich wirklich "Vater" und "Sohn", der Kroate zählt zu den wichtigsten Förderern des Brasilianers.

Ich habe mit meinem Vater gewettet, dass ich drei Tore schieße.

Rodrygo nach seinem Doppelpack gegen ManCity

Sein anderer Vater, der echte, auch. "Vor dem Rückspiel gegen Manchester City habe ich mit ihm gewettet, dass ich drei Tore schieße", verriet Rodrygo - wie damals gegen Galatasaray. Er schoss "nur" zwei, was erst mal für die Verlängerung reichte, in der ihm Benzema sogar die Ausführung des siegbringenden Elfmeters angeboten hatte. Rodrygo lehnte ab. Die obligatorischen Vater-Sohn-Wetten motivieren ihn zwar, so ernst nehme er sie aber nicht.

Ernstgenommen wird er selbst, der in dieser Saison hauptsächlich als Joker glänzen konnte, seit seinem besonderen Doppelpack gegen ManCity dafür so richtig. "Ich habe es immer gewusst", meldete sich sogar Urahn Pelé zu Wort, während Reals Trainer Carlo Ancelotti bereits wusste, dass "Valverde und Rodrygo im Finale spielen werden". Wieder von der Bank, wenn die Kroos' und Modrics erschöpft sind, oder diesmal gar von Anfang an?

Mehr Champions-League- als Liga-Tore

Starten durfte der 1,74 Meter große Rechtsfuß im entscheidenden Meisterschaftsspiel gegen Espanyol Barcelona (4:0) - auf seiner linken Seite. Er war der überragende Mann und schoss zwei Tore. Womit ihm in diesem einen Spiel als Linksaußen mehr Liga-Tore gelungen waren als in allen bisherigen Saisonspielen als Rechtsaußen. Vier Saisontore in 33 Spielen sind es inzwischen in der Liga, fünf Saisontore in zehn Spielen sind es in der Champions League.

Das ist schon skurril für einen Stürmer von Real Madrid, der in den kommenden Jahren wohl als Stammkraft die Tore schießen soll, die sich die Königlichen eigentlich vom in Paris bleibenden Kylian Mbappé erhofft hatten. Ist Rodrygos Knoten nun also endlich geplatzt, egal wo? In der Champions League auf jeden Fall, dort sind er und sein Verein einfach beflügelt. Auch von der Wette mit dem Vater, die noch nicht ganz abgeschlossen ist. "Das dritte Tor", erklärt Rodrygo selbstbewusst, "schieße ich im Finale."

Niklas Baumgart

22 Spieler, 22 Fakten: Die Aufstellungen fürs Finale