WM

Regragui: "Alle sind bereit, für Marokko zu sterben"

Die alten Gräben im Nationalteam wurden überwunden

Regragui: "Alle sind bereit, für Marokko zu sterben"

Feierte mit der marokkanischen Nationalmannschaft eine Sensation: Walid Regragui.

Feierte mit der marokkanischen Nationalmannschaft eine Sensation: Walid Regragui.

Aus Katar berichtet Thiemo Müller

Mit Applaus wurde Trainer Walid Regragui von den marokkanischen Journalisten auf der Pressekonferenz empfangen - und verteilte im Gegenzug strahlend Handküsse an die Reporter. Mit dem marokkanischen Nationalteam hatte der 47-Jährige soeben für die große Überraschung des Achtelfinales gesorgt, im Elfmeterschießen die favorisierten Spanier mit 3:0 geschlagen. "Eine großartige Vorstellung, jeder hat sich aufgeopfert", schwärmte Regragui von den 120 torlosen Minuten, "die Spieler haben sich bis aufs i-Tüpfelchen an den Matchplan gehalten."

Wenig Ballbesitz? Das hat uns keine Sorgen gemacht.

Walid Regragui

Dieser lautete ganz offensichtlich: Den Spaniern den Ball überlassen, aber die Räume dicht machen - und nach Möglichkeit gefährlich umschalten. "Wir wussten, dass wir nicht viel Ballbesitz haben würden", bestätigte Regragui, "aber das hat uns keine Sorgen gemacht. Selbst Deutschland oder Frankreich hätten weniger Ballbesitz als die Spanier. Es war einfach nur wichtig, hart zu arbeiten. Diesen Plan, den uns auch das Spiel aufgegeben hat, haben wir haargenau befolgt. Alle haben es herausragend gemacht, auch unsere Angreifer."

Skurrile Pressekonferenz: Statt Fragen gab es Huldigungen der Reporter

Wie sehr der Viertelfinaleinzug seine Landsleute bewegt, wurde dem Fußballlehrer dann durch weitere skurrile Begebenheiten im Laufe der Pressekonferenz vor Augen geführt: Verschiedene Journalisten wollten gar keine Frage stellen, sondern sich einfach nur "bedanken" und setzten zu wahren Lobeshymnen an. Regragui und der neben ihm sitzende Keeper Bono, als erfolgreicher Elfmetertöter "Man oft the Match", klatschten lachend Beifall.

Dass er als erster afrikanischer Trainer überhaupt in ein WM-Viertelfinale eingezogen sei, bedeute ihm "nichts Besonderes", versichert Regragui: "Vielleicht werde ich mich als alter Mann mal darüber freuen. Doch heute freue ich mich für meine Mannschaft und das marokkanische Volk."

"Ich bin in Frankreich geboren, aber keiner kann mir kein marokkanisches Herz nehmen."

Der Bezug zur über zahlreiche Länder verteilten marokkanischen Community war immer wieder Thema, auch für Bono: "Wir haben ihre Unterstützung gespürt. Egal, ob sie in Marokko leben oder wo auch immer auf der Welt." Als Symbolfigur für diese empfundene Einheit steht der in Frankreich geborene Regragui par excellence. Er habe schon immer dafür gekämpft, diese Haltung durchzusetzen: "Jeder Marokkaner ist ein Marokkaner, egal in welchem Land er geboren ist. Das haben wir heute wieder gezeigt."

Früher habe das Nationalteam unter Spannungen zwischen den in Marokko und beispielsweise in Europa geborenen Spielern gelitten. "Heute", sagt Regragui nicht ohne Pathos, "ist jeder, der zur Nationalmannschaft kommt, bereit für Marokko zu kämpfen und zu sterben. Ich merke das an mir selbst: Ich bin in Frankreich geboren, aber niemand kann mir mein marokkanisches Herz nehmen."

Worte, die offensichtlich verfangen. Bei den Medien, den Fans - und nicht zuletzt den Spielern. Deren Auftritt gegen Spanien vermittelte die klare Botschaft: Auch das Viertelfinale muss für Marokko keineswegs schon Endstation sein.

Thiemo Müller