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Provokateur mit Courage: Sergio Ramos im Porträt

Warum der Kapitän für Real Madrid so wichtig ist

Provokateur mit Courage: Sergio Ramos im Porträt

Große Klappe und was dahinter: Sergio Ramos, der Torero Madrids.

Große Klappe und was dahinter: Sergio Ramos, der Torero Madrids. imago images/Getty Images

Was für ein fürchterlicher Tag für Sergio Ramos. An diesem 9. Mai 2018 geht so ziemlich alles schief. Und das ausgerechnet hier, bei seinem Ex-Klub FC Sevilla.

In seiner alten Heimat hat er jeglichen Kredit verspielt seit seinem Wechsel zu den Königlichen im Sommer 2005, 27 Millionen Euro Ablöse hin oder her. "Das ist nicht Dein Zuhause", heißt es auf einem Spruchband. Beleidigungen gehören sowieso dazu. Nach seinem ersten Spiel mit Real in Sevilla 2005/06 sagte Ramos: "Das ist das erste Mal, dass ich nach Hause komme und meine Mutter und ich beleidigt werden."

In der 58. Minute verschießt Ramos jedenfalls einen Elfmeter im Estadio Sanchez Pizjuan, in der 84. Minute unterläuft ihm auch noch ein Eigentor. Ein wahres Freudenfest für die Sevilla-Ultras, einen größeren Gefallen kann er ihnen kaum tun.

Beim Stand von 1:3 gibt's in der 96. Minute schon wieder Elfmeter für Real. Und wer schießt? Sergio Ramos. Und er verwandelt.

Wie unermesslich wäre der Spott wohl gewesen, hätte er nochmal verschossen. Aber Ramos ist sowas egal. Rückschläge steckt er weg, 2012 drosch er den Ball beim Elfmeterschießen im CL-Halbfinale gegen die Bayern in die Wolken, Real schied aus. Doch ein Ramos rappelt sich nun mal immer wieder auf.

Dass er an diesem Tag in Sevilla antritt und auch noch trifft, sagt so ziemlich alles über den Charakter des Verteidigers aus. Und auch, dass er seitdem keinen einzigen Strafstoß mehr verschossen hat, 23 in Folge hat er inzwischen versenkt.

Der "verdammte Boss"

Ramos' Attribute? Vielleicht sind sie am besten in Zitaten wiederzugeben. Er ist der "Anführer" (Zinedine Zidane), das "Phänomen" (Florentino Perez), "der beste Verteidiger der Welt" (Carlo Ancelotti und Thiago Silva), der "verdammte Boss" (Iker Casillas) und "die ideale Person für Drucksituationen" (Sergio Ramos über Sergio Ramos). Bei seinem Wechsel zu den Königlichen erklärte dieser gerade mal 19 Jahre alte Bursche mit der damals noch schulterlangen Mähne: "Ich bin hier, um irgendwann Kapitän zu werden." Im August 2015 war er es dann.

Ramos, das ist ein Leitwolf aus Leidenschaft. Seine einzigartige Karriere hat der inzwischen 34-Jährige aber nicht nur seinem Ehrgeiz, seiner großen Klappe und seiner Courage, sondern auch seiner Klasse als Fußballer zu verdanken. Denn Ramos ist...

...zweikampfstark: Nicht umsonst bezeichnete ihn Luis Suarez mal als den "besten Gegenspieler, den ich jemals hatte".

...technisch versiert: Im Jugendklub in Camas, seinem Geburtsort in der Nähe Sevillas, bekam er wegen seines blitzsauberen Passspiels schon früh seinen Spitznamen weg: der "Bernd Schuster von Camas".

...vielseitig: Erst 2012 rückte er auf die Innenverteidigerposition, bei seinem ersten EM-Erfolg mit Spanien 2008 und auch beim WM-Triumph 2010 hatte er noch als Rechtsverteidiger gespielt. Beim EM-Sieg 2012 stand er dann in der Innenverteidigung. Auch im defensiven Mittelfeld ist er einsetzbar.

...torgefährlich: "In meinen Adern fließt das Blut eines Mittelstürmers", sagte er einmal. "Ich bin keiner, der hinten klebt." Seit Juni ist Sergio Ramos der treffsicherste Verteidiger der spanischen Liga-Historie. Er traf in 490 Erstligaspielen 71-mal, davon 14-mal per Elfmeter. Seit dem Re-Start traf kein Spieler in La Liga bis zum 37. Spieltag häufiger als Ramos. Selbst Freistöße zirkelt er inzwischen in die Winkel, auch per Fallrückzieher hat er vor Jahren schon getroffen. Natürlich in Sevilla.

...kopfballstark: Und das, obwohl er kein Riese ist. Ramos misst gerade mal 1,84 Meter.

Sternstunden bei "La Decima"

Sergio Ramos - seine Erfolge

  1. Weltmeister 2010
  2. Europameister 2008, 2012
  3. Champions-League-Sieger 2014, 2016, 2017, 2018
  4. Spanischer Meister 2007, 2008, 2012, 2017, 2020
  5. Spanischer Pokalsieger 2011, 2014
  6. Klub-Weltmeister 2014, 2016, 2017, 2018
  7. U-19-Europameister 2004
  8. UEFA-Verteidiger des Jahres 2017, 2018

Dass die reichen, bekam auch schon der FC Bayern zu spüren. Im Halbfinal-Rückspiel der Champions League 2014 in München (4:0) wuchtete er gleich zwei Kopfbälle in den ersten 20 Minuten ins Netz. Das wäre alles nicht viel wert gewesen, wäre das Finale verloren gegangen, Real lag bis zur 93. Minute auch mit 0:1 gegen Atletico zurück. Dann kam Rammbock Ramos, traf per Kopf zum 1:1 und rettete sein Team in die Verlängerung. La Decima, die lang ersehnte zehnte Landesmeisterschaft für Real, war wenig später perfekt. Selbst Cristiano Ronaldo, der ungerne etwas vom Rampenlicht abgibt, räumte ein: "Das ist Sergios Champions League."

Jetzt kann ich in Frieden sterben.

Sergio Ramos nach "La Decima"

Drei weitere Titel in der Königsklasse (2016, 2017 und 2018) sollten folgen. Im Finale 2016, wieder gegen Atletico, traf er zum zwischenzeitlichen 1:0, im Elfmeterschießen behielt er wie so oft vom Punkt die Nerven. Spieler des Spiels, für die UEFA wie für den kicker: Sergio Ramos.

Dass die Königlichen auch 2018 gewannen, hatte allerdings einen herben Beigeschmack - und damit wäre man auch gleich bei Ramos' größter Schwäche. Denn so akkurat, so filigran, so elegant er auch ist, so rabiat, so provokant und so destruktiv kann er auch sein. Im Finale gegen Liverpool bekam das Mohamed Salah zu spüren. In der 26. Minute ließ sich Ramos "wie ein Ringer" (Jürgen Klopp) mit dem vollen Gewicht auf den Ägypter fallen, kurz darauf war Schluss für den Superstar der Reds. Ein Vorteil, den Real nutzte. "Der Ausfall von Salah glich einer Explosion in den Pyramiden", schrieb seinerzeit die "Marca".

Ramos, der Provokateur

Mätzchen mit Messi: Sergio Ramos bietet Messi den Ball an - und wirft ihn dann über ihn hinweg.

Mätzchen mit Messi: Sergio Ramos bietet Messi den Ball an - und wirft ihn dann über ihn hinweg. imago images

Absicht? Oder nur ein Unfall? Klar ist: In Ramos' Karriere finden sie sich regelmäßig, diese grenzwertigen Aktionen, die häufig so aussehen, als wäre das ja alles gar nicht so beabsichtigt gewesen. Vor allem in den Clasicos gegen Barcelona: Da landet mal die Faust in Luis Suarez' Gesicht, der Ellenbogen an Sergi Busquets' Kopf oder die beidbeinige Grätsche in Lionel Messi, dem er mal den Ball zur Übergabe anbot, um ihn dann über ihn hinwegzuschmeißen. Dann kommt der Provokateur Ramos zum Vorschein, der in Sevilla aufreizend vor der Fankurve seines Ex-Klubs jubelt, nachdem er einen Elfmeter - mal wieder in frecher Panenka-Manier - verwandelt hat.

Ich habe den Charakter eines Stierkämpfers. Damit bin ich geboren worden.

Sergio Ramos

Ist Ramos aber nun ein "Aggressive Leader" oder einfach nur "Rambo Ramos", wie ihn der Boulevard einst taufte? 238 Gelbe Karten und 24 Platzverweise sprechen für Letzteres, Reals Vereinsrekord an Roten Karten hat er längst gebrochen. Seine robuste Gangart kostet Spiele, keine Frage. Aber sie bringt Titel. Fünfmal Meister und zweimal Pokalsieger ist er ja auch noch.

Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen, es ist eben eine Frage der Perspektive. Gegen Ramos spielt keiner gerne. Aber jeder gerne mit ihm. Ramos ist Teamplayer, und zwar durch und durch: "Die persönlichen Statistiken sind für mich zweitrangig. Wollte ich individuell triumphieren, wäre ich Tennisspieler geworden." Bei Real wird er für seine Art wie kein anderer verehrt. Und bei Barcelona - ebenfalls wie kein anderer - verachtet.

Doch auch in Katalonien müssen sie anerkennen, dass Ramos nicht nur anecken, sondern auch einstecken kann. Dass er dahin geht, wo es weh tut, auch als Abwehrspieler. "Ich kämpfe für meine Ziele und bin bereit, Opfer zu bringen", sagt er selbst. "Ich habe den Charakter eines Stierkämpfers. Damit bin ich geboren worden." Nach großen Erfolgen schwenkt er gerne auf dem Rasen die "Muleta", das Tuch der Stierkämpfer. Als Kind war Torero sogar einer seiner Traumberufe. Oder Fußballer eben.

Tattoo von der Mutter, Pferde und Flamenco

Die andere Seite von Ramos: Im TV Ramos' andere Seite: Im TV spielte der Musik-Freak ein Ständchen.der Musik-Freak ein Ständchen.

Ramos' andere Seite: Im TV spielt der Musik-Freak ein Ständchen. imago images

Ramos polarisiert aber nicht nur auf dem Platz. Für viele kommt der stets topgestylte Hipster als arroganter Schönling daher. Doch ein genauer Blick lohnt sich: Eines seiner unzähligen Tattoos zeigt zum Beispiel seine Mutter Paqui, die Familie geht ihm über alles. So zitiert er auch gerne seinen Großvater: Der habe ihm immer gesagt, dass es "immer noch Hoffnung gibt - auch wenn nur noch eine Sekunde bleibt". Mit Ehefrau Pilar Rubio erwartet der Andalusier sein viertes Kind. Ramos liebt Pferde, er hat sogar ein eigenes Gestüt ("SM4"). Dem überforderten spanischen Gesundheitssystem schenkte er in der Hochphase der Corona-Pandemie 260.000 Schutzmasken und 15.000 Tests. Ramos spielt Gitarre und tritt mitunter mit dem Flamenco-Sänger Canelita auf. Klingt alles nicht sehr nach hartem Kerl.

Davon können Sie nichts wissen, da Sie nie richtig Fußball gespielt haben.

Sergio Ramos zu José Mourinho

Doch in erster Linie spielt Ramos Fußball, und das übrigens für zehn Millionen Euro im Jahr. Netto. Welches Standing Ramos bei Real genießt, zeigt eine Anekdote aus der Ära Mourinho. "The Special One" hatte Ramos in der Kabine wegen eines Kopfballgegentors in einem Clasico zusammengestaucht. "Wir haben uns entschlossen, beim Eckball die Gegenspieler zu tauschen", soll Ramos seinem Trainer erklärt haben. "Das macht man manchmal. Aber davon können Sie ja nichts wissen, da Sie nie richtig Fußball gespielt haben."

Konsequenzen muss ein Ramos für solche Sprüche bei Real schon lange nicht mehr befürchten. Seine Vertragsverlängerung bis 2022 gilt als Formsache, bei Ablauf wäre er 36 Jahre alt. Ob danach Schluss ist? Man weiß es nicht.

Wie Ramos "endet", weiß man hingegen: "Sevilla wird immer mein Heimatklub bleiben, egal ob ich ausgepfiffen werde. Diese Liebe wird niemals enden. Am Tag meiner Beerdigung werde ich mit den Fahnen von Real Madrid und Sevilla begraben", hat er längst beschlossen. Und auch das sagt irgendwie ganz schön viel über Ramos aus.

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Christoph Laskowski