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Pro & Contra Trainer-Kamera: Big Brother auf der Bank

Kommentare von Frank Lußem und Michael Richter

Pro & Contra Trainer-Kamera: Big Brother auf der Bank

kicker-Redakteur Frank Lußem

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Contra: Die Trainer haben es schwer genug

Die Arbeit eines Trainers zu beobachten und kritisch unter die Lupe zu nehmen, ist die Pflicht eines Sportjournalisten. Ganz egal, was der Betroffene davon hält, ob er sich damit auseinandersetzen will oder nicht - diese Art von Beobachtung gehört zum fürstlich bezahlten Job, inklusive harscher Kritik.

Doch auch diesen Hauptdarstellern an der Seitenlinie sollte eine Mindestmaß an Privatsphäre gegönnt werden. Will man Szenen a la Joachim Löw, die uns die über die gesamte Spielzeit auf den Trainer gerichtete Kamera liefert, wirklich sehen? Wo ist der Anstand geblieben, die Kamera mal weg zu drehen, wenn da etwas passiert, was weder appetitlich aussieht noch zur Erhellung des Spiels beiträgt?

Die Verbände, die "Respect" und "Fairplay" auf ihre Wimpel schreiben, lassen ihre Hauptdarsteller komplett durchleuchten, bloßstellen, vorführen. Für noch ein bisschen Kohle mehr darf die Überwachung total sein.

Wie viel ertragreicher für die Hygiene der großen Verbände wäre es gewesen, wenn die Kameras den Blick auf die Hände gerichtet hätten, die über viele Jahre offenbar dunkle und schmutzige Geschäfte praktizierten. Dem Fußball wäre einiges erspart geblieben.

Also: Lasst die Trainer in Ruhe arbeiten, sie haben es schwer genug. Die Beobachtung durch das Schlüsselloch brauchen sie dabei nicht auch noch.

Pro: Sie müssen wissen, was sie tun

kicker-Redakteur Michael Richter

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Profifußball ist Entertainment. Spieler und Trainer sind Teil der Unterhaltungsbranche. Künstler sozusagen, die als Gage unfassbar viel Geld erhalten. Sie müssen wissen, was sie tun, wenn sie ihre Bühne betreten. Sie müssen wissen, dass sie an ihrem Arbeitsplatz – wohlgemerkt nicht etwa im fraglos als Privatsphäre zu schützenden eigenen Garten, sondern im öffentlichen Bereich der Stadien – auf Schritt und Tritt beobachtet werden. Direkt oder per Kamera. Nicht von Paparazzi, sondern von einem teuer zahlenden Publikum. Das ist Teil dieses Geschäfts. Sie sollten auch unter Anspannung wissen, wie sie damit umgehen.

Es wird weitergehen. Das Fernsehen als wichtigster Geldgeber dieser Branche wird noch mehr versuchen, alle Mittel auszuschöpfen, um die Milliarden, die es für Übertragungsrechte zahlt, einigermaßen zu refinanzieren. Die Sender buhlen um eine möglichst große Zuschauerschaft, und die besteht am Bildschirm wie im Stadion längst nicht mehr allein aus denen, die nur am reinen Spiel auf dem Rasen interessiert sind. Da werden auch Voyeure wichtig, die den Event erleben wollen, das Randgeschehen in kuriosen, absurden oder obszönen Details wie einen mit seinem Körper beschäftigten Jogi Löw.

Bleibt die berechtigte Frage, ob man gewisse Szenen denn wirklich zeigen muss oder nicht. Einschaltquoten aber dürften wichtiger bleiben als die Grenzen des guten Geschmacks.