Bundesliga

FSV Mainz 05 | Präsenz, Klasse, Verantwortung: Das Vorbild Burkardt

Das Eigengewächs strotzt vor Identifikation im Abstiegskampf

Präsenz, Klasse, Verantwortung: Das Vorbild Burkardt

Grenzenloser Jubel über seinen ersten Bundesliga-Treffer seit November 2022: Jonathan Burkardt.

Grenzenloser Jubel über seinen ersten Bundesliga-Treffer seit November 2022: Jonathan Burkardt. IMAGO/Jan Huebner

Wie groß Mentalitätsunterschiede innerhalb einer Mannschaft sein können, wurde am Mittwochabend während der Mainzer Nachholpartie gegen Union Berlin (1:1) binnen gerade mal 15 Spielminuten eindrucksvoll demonstriert. Da leitete Danny da Costa mit fahrlässigem Ballverlust einen brandgefährlichen gegnerischen Konter ein und musste sich offenbar erst einmal gedanklich sammeln, ehe er zumindest noch hinterhersetzte - im leichten Trab statt im Vollsprint. Eine alarmierende Szene, die zum Inbegriff von Teilnahmslosigkeit mitten im Existenzkampf taugt.

Der krasse Gegensatz dazu, wie Jonathan Burkardt dann kurz vor der Pause das 1:0 besorgte. Im Kopfballtreffer des  Eigengewächses bündelten sich genau jene Tugenden, die es für eine Rettung dringend braucht: Geistige Präsenz, um Bewacher Rani Khedira im entscheidenden Moment abzuschütteln. Entschlossenheit, sich in Nadiem Amiris ideal getimten Eckball zu werfen und so trotz körperlicher Unterlegenheit die Lufthoheit zu übernehmen. Und schließlich schlichtweg die Klasse, die erlernte Abschlusstechnik punktgenau anzuwenden, wenn es darauf ankommt.

Bundesliga, 21. Spieltag

Gegen Union wollte der Angreifer keine Sekunde früher vom Feld

Wer dem 23-Jährigen beim anschließenden knieenden Jubel auf dem Rasen ins Gesicht sah, der erkannte auch darin den Ausdruck dessen, was erfolgreiche Abstiegskämpfer kennzeichnet: maximalen Willen, den Erfolg zu erzwingen, sowie die Überzeugung, dies auch zu können. Basierend auf vollständiger Identifikation mit der eigenen Aufgabe und folglich mit Mannschaft und Verein.

All das war Burkardt in den jüngsten Schlüsselspielen gegen Werder (0:1) und Union übrigens auch unabhängig von seinem Treffer anzumerken - was ihn zu einem Vorbild macht, dessen Auftreten einem Gros der Kollegen dringend nötige Orientierung liefern sollte. Gegen Bremen wurde Burkardt zu Beginn der Englischen Woche mit Rücksicht auf seine Verletzungshistorie noch nach einer guten Stunde ausgewechselt. Gegen Union gab er in der Endphase Handzeichen, keinesfalls vorzeitig vom Platz gehen zu wollen. Volle Verantwortung bis zur letzten Sekunde - auch das passt ins Bild.

Es fühlte sich so an als könnten wir das Momentum auf unsere Seite ziehen.

Jonathan Burkardt

Gegen Union traf Burkardt in der Bundesliga zum ersten Mal seit dem 1:1 gegen Frankfurt am 13. November 2022. Danach folgte seine rund einjährige Leidenszeit wegen einer komplizierten Knieverletzung. Doch nicht das machte sein Führungstor für den Profi offensichtlich so besonders, sondern: "Es fühlte sich so an als könnten wir damit das Momentum in diesem Spiel auf unsere Seite ziehen. Deswegen war die Freude so extrem groß, weil es in unserer Situation ein extrem wichtiges Tor zu sein schien. Doch leider …"

Dieser Satz ließe sich in Anbetracht des weiteren Verlaufs der Partie auf mehrere Weise treffend vervollständigen. Auch so, wie es Burkardt selbst wohl kaum in den Kopf und ganz sicher nicht über die Lippen käme: "… hat Mainz 05 im Moment zu wenige Burkardts".

Thiemo Müller