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Popp: "Professionalisierung? Es gibt keine andere Möglichkeit, als mit den Männern zu fusionieren"

Wolfsburg steigt in die Champions League gegen Chelsea ein

Popp: "Professionalisierung? Es gibt keine andere Möglichkeit, als mit den Männern zu fusionieren"

Alexandra Popp, hier im Mai mit DFB-Pokal, muss derzeit noch verletzt zuschauen.

Alexandra Popp, hier im Mai mit DFB-Pokal, muss derzeit noch verletzt zuschauen. DeFodi Images via Getty Images

Frau Popp, wo sind Sie heute Abend um 21 Uhr?

Die verletzten Spielerinnen und die, die nicht im Kader sind, wollen das Auswärtsspiel gegen Chelsea zusammen schauen. Höchstwahrscheinlich bei Sara Doorsoun. Heimspiele lasse ich mir dagegen im Stadion nicht nehmen.

Seit April fehlen Sie mit einer Knorpelverletzung am rechten Knie. Wie läuft die Reha?

Wir haben vor, dass ich nach der Winterpause wieder voll mit dabei bin. Bisher sind wir auch im Plan, was das angeht. Ich habe am Montag sogar das Go bekommen, diese Woche mit lockerem Laufen anzufangen. Wir müssen schauen, wie sich das Knie verhält, wenn jetzt der nächste Schritt kommt. Und dann hoffe ich, dass ich im Januar, wenn die Rückrunde startet, wieder voll und ganz auf dem Platz stehen kann.

Die Teilnahme an der EM in England im Juli 2022 erscheint also weiter realistisch?

Absolut. Das ist definitiv mein Ziel, da auf dem Platz zu stehen.

Blicken wir kurz zurück auf das Wolfsburger Qualifikationsrückspiel zur Champions League gegen Girondins Bordeaux, das erst im Elfmeterschießen entschieden wurde. Welche Gedanken sind Ihnen in den letzten Minuten durch den Kopf gegeistert?

Das war sehr nervenaufreibend. Für mich eine Katastrophe, wenn ich auf der Couch sitze, nur zuschauen und der Mannschaft nicht helfen kann. Beim späten Gegentor (in der 119. Minute, Anm. d. Red.) habe ich gedacht: Wow. Aber als das Elfmeterschießen losging, war ich mir doch sehr, sehr sicher, dass wir das Spiel gewinnen werden. In Almuth (Torhüterin Schult, d. Red.) hatte ich das volle Vertrauen, weil ich wusste, wie sie im Elfmeterschießen im Tor ist.

Ihr Optimismus war berechtigt, Schult fing sich kein einziges Tor. Dadurch wendete der VfL so gerade noch das Ausscheiden vor der Gruppenphase ab. Jetzt hat sich auch noch die zurzeit beste Stürmerin Ewa Pajor schwer am Knie verletzt. Gehört Wolfsburg noch zu den Top-Teams Europas?

Es wird unfassbar schwer, ein ganz hartes Stück Arbeit. Durch den Umbruch, den Verlust erfahrener Spielerinnen und die Verletzungen wie bei Ewa und mir. Stabilität und Konstanz bringen wir noch nicht auf den Platz. Wir haben auch nicht gerade die leichteste Gruppe erwischt. Ich bin aber optimistisch, dass die Mannschaft die Kurve kriegt. Sie hat nämlich die Qualität, um bei den Top-Favoriten mitzumischen. Es muss nur klick machen.

Erster wäre noch besser, aber Zweiter nehme ich auch.

Alexandra Popp

Sie treffen auf Chelsea, Juventus Turin sowie den FC Chenois Servette. Ex-Nationalspielerin Verena Schweers tippte in ihrer kicker-Kolumne auf den zweiten Platz hinter Chelsea.

Das würde ich so unterschreiben. Erster wäre noch besser, aber Zweiter nehme ich auch.

Dann spielen Sie im Viertelfinale aber gegen einen Gruppenersten.

Ja, das weiß ich. Aber dann sind wir erst mal weiter.

Chelsea mit Ann-Katrin Berger, Melanie Leupolz und Pernille Harder warf in der vergangenen Saison erst Wolfsburg und dann die Bayern raus. Warum sind sie dieses Mal schlagbar?

Ich muss gestehen, dass ich mir in dieser Saison noch kein Spiel von Chelsea angeschaut habe. Sie haben sich spielerisch aber nie großartig verändert. Deswegen gehe ich davon aus, dass sie immer noch spielen wie letztes Jahr - und da sehe ich definitiv den Schwachpunkt in der Defensive. Trotz Top-Spielerinnen wie Millie Bright und Magdalena Eriksson haben sie immer mal wieder einen Bock drin.

Aufpassen müssen Sie also besonders auf die Offensive.

Ja, Chelsea ist extrem effizient. Das hat man auch in den Spielen der letzten Saison gesehen - sowohl gegen uns als auch gegen den FC Bayern. Beide deutschen Teams waren spielerisch überlegen, haben aber die Tore nicht gemacht. Wir müssen defensiv unglaublich gut stehen, sie dürfen gar nicht erst ins Laufen kommen. Gerade Samantha Kerr und Francesca Kirby vorne, die immer die Wege hinter die Kette suchen.

Pajor hat bisher vier Tore in der Liga erzielt, keine andere Wolfsburgerin mehr als eines. Wer soll nun in die Bresche springen?

Grundsätzlich können das einige Spielerinnen. Joelle Smits hat am Wochenende ihr erstes Pflichtspiel bestritten. Da merkt man, dass das noch nicht ganz passt. Wir haben leider nicht mehr so viel Zeit, die wir ihr geben können. Trotz alledem habe ich auch dann ein gutes Gefühl, wenn sie vorn drin steht. Und noch eine andere könnte ich mir in der Sturmspitze vorstellen.

Wen?

Tabea Waßmuth. Sie hat einen ähnlichen Spielstil wie Ewa Pajor, ist schnell unterwegs und hat gute Laufwege.

Auch wenn Sie vielleicht noch nicht im Teamtraining mitmischen: Können Sie schon abschätzen, worauf Ihr neuer Trainer Tommy Stroot besonders Wert legt - gerade im Vergleich zu Vorgänger Stephan Lerch?

Grundsätzlich hat Tommy eine andere kommunikative Art. Tommy kommuniziert noch ein Stück weit mehr, als es Stephan mit uns schon getan hat. Wenn im aktuellen Umbruch etwas stört oder zu viel "gebrochen" wird, nimmt er uns erfahrene Spielerinnen mit ins Boot. Sein Coachingstil ist eher ruhig, er bringt Sachen aber auf den Punkt und will offensiven Fußball spielen - was wir sehr begrüßen.

Popp als Bindeglied zwischen Mannschaft und Trainer

Inwiefern werden Sie eingebunden, auch wenn Sie aktuell noch nicht auf dem Platz mitwirken können?

Stark eingebunden wurde ich gerade zu Beginn der Vorbereitungszeit, als Bindeglied zwischen Mannschaft und Trainer. Ich war bei den Einheiten mit einigen Freiheiten dabei, stand gewissermaßen als vierter Trainer auf dem Platz und durfte coachen. Aktuell bin ich nicht mehr so oft dabei, bei Entscheidungen und Fragen stehe ich aber zur Verfügung.

Alexandra Popp

Ihr Rat war in der Vorbereitung gefragt: Alexandra Popp. Getty Images

Was halten Sie vom neuen Format mit Gruppenphase in der Champions League?

Ich finde es sehr interessant. Krass, wenn man sieht, wer schon in den ersten Runden aufeinandergetroffen ist. Teams wie Bordeaux, die einen guten Ball spielen, oder sogar Manchester City haben es nicht in die Gruppenphase geschafft. Das ist hart für jene, die in den letzten Jahren immer mit dabei waren. Aber ich finde es cool, dass Vereine aus anderen Ländern die Möglichkeit haben, sich auch mal international zu zeigen und dort Erfahrungen zu sammeln. Dadurch wachsen die Kleineren.

Sie haben dadurch auch vier Spiele mehr im Kalender stehen.

Klar, das ist eine Herausforderung. Aber die nehmen wir sehr gerne an.

Ist die Reform ausgereift oder würden Sie noch Anpassungen vornehmen?

Man muss das jetzt alles mal durchspielen und ein bisschen sacken lassen, um zu schauen, wo noch der ein oder andere Haken sein könnte. Es gibt natürlich Mannschaften, die hätte man schon ganz gerne in der Champions League gehabt, weil sie einen guten Fußball spielen. ManCity etwa. Aber man muss den Kleineren die Chance geben. Und wenn man sich nicht qualifiziert, ist man selbst schuld. Wir hätten es auch beinahe nicht geschafft.

Würden Sie das genauso sehen, wenn Sie in der Qualifikation ausgeschieden wären?

Ja. Wir haben gegen Bordeaux nicht den besten Fußball gezeigt. Von daher hätten wir uns an die eigene Nase packen müssen.

DAZN überträgt alle Spiele live auf seiner Plattform sowie kostenlos auf seinem Youtube-Kanal. kicker-Kolumnistin Verena Schweers nennt das einen großen Schritt für den Frauenfußball. Sind Sie ebenso optimistisch?

Es ist auf jeden Fall ein nächster guter Schritt, ein absoluter Mehrwert, dass wir auf internationaler Ebene gezeigt werden. Vorher war das nie der Fall. DAZN zieht das auch gut auf. Sie zeigen die Spiele nicht nur, sie bewerben sie auch.

Muss man nicht erst einmal das messbare Interesse der Zuschauerinnen und Zuschauer abwarten?

Ich denke schon, dass viele einschalten werden. Man sieht ja nicht nur die deutschen Mannschaften, sondern europaweit alle Top-Teams.

Die UEFA vervierfacht die Ausschüttungen an die Vereine auf 24 Millionen Euro. Genug oder trotzdem zu wenig?

Wenn man mit einbezieht, dass wir mehr Mannschaften und mehr Spiele haben, ist es wahrscheinlich relativ wenig. Aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.

Bei den Männern fließt weit mehr als eine Milliarde Euro an Champions-League-Preisgeldern.

Da geht auf jeden Fall noch mehr bei uns. Wir sind erst einmal glücklich und dankbar. Dass man überhaupt auf die Idee kommt, mehr Geld in den Frauenwettbewerb zu investieren, ist schon einmal ein positives Zeichen.

Damit wir von einer kompletten Professionalisierung im Frauenfußball sprechen, braucht man Spielerinnen, die nicht nebenbei noch acht Stunden arbeiten gehen.

Alexandra Popp

In anderen Sportarten wie im Tennis gibt es Diskussionen darum, ob beide Geschlechter grundsätzlich gleich bezahlt werden müssen.

Wir würden nicht Nein sagen, wenn jemand sagt: Ihr bekommt jetzt so viel wie die Männer. Damit wir von einer kompletten Professionalisierung im Frauenfußball sprechen, braucht man Spielerinnen, die nicht nebenbei noch acht Stunden arbeiten gehen. Dafür müssen wir aber beim Geld nicht unbedingt in die gleichen Sphären vorstoßen wie die Männer.

"Es ist der Zeitpunkt gekommen, dass für jeden Männer-Bundesligisten der Anspruch eine Selbstverständlichkeit sein sollte, ein Frauen-Team in der obersten Spielklasse zu unterhalten", sagte Bayern-Präsident Herbert Hainer kürzlich. Stimmen Sie zu?

Wenn wir in die professionelle Schiene kommen wollen, bleibt uns nichts anderes übrig.

Das heißt, dass etwa Borussia Dortmund und der FC Schalke 04 lange Zeit geschlafen haben.

Ja. So kann man das sagen.

Und Mannschaften wie der SC Sand oder die SGS Essen hätten langfristig keine Chance, in der Bundesliga zu bleiben.

Das würde es heißen, ja. Mich würde es natürlich freuen, wenn solche Mannschaften es schaffen. Wenn wir aber in die Richtung von richtig professionellem Fußball wollen, gibt es ab einem gewissen Punkt keine andere Möglichkeit mehr als mit Männern zu "fusionieren". Denn dafür braucht es Geld, das für kleine Vereine unheimlich schwierig zu generieren ist. Mit einem Profi-Männerteam ist das einfacher.

Müssten die Vereine generell noch mehr machen, um Aufmerksamkeit für den Frauenfußball zu erzeugen?

Sowohl Vereine als auch Verbände müssen mehr oder besser zusammenarbeiten. Dass es eine Taskforce Frauenfußball gibt, ist erst einmal gut. Endlich arbeiten DFB und die Vereine da zusammen. In der Vergangenheit haben sie sich oft den Schwarzen Peter zugeschoben: Der andere muss mehr machen, hieß es. Vielleicht muss man auch uns Spielerinnen mehr mitnehmen, beispielsweise im Umgang mit Sponsoren.

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Provokant gefragt: Ist die Frauen-Bundesliga nicht ziemlich langweilig? Bayern steht aktuell bei 21:0 Toren, Wolfsburg stand vor dem Wochenende bei 9:0. Dagegen haben fünf Teams noch null Siege und allesamt ein sehr negatives Torverhältnis.

Das kann man so sehen. Da kommen wir aber wieder zur Professionalisierung. Beim VfL und bei den Bayern sind wir alle Profis und können uns zu 100 Prozent auf Fußball konzentrieren. Die Mannschaften, die unten stehen, wissen unter der Woche manchmal nicht, wo sie trainieren sollen, weil sie drei unterschiedliche Trainingsplätze haben. Die Spielerinnen dort arbeiten vor dem Training noch acht Stunden. Die können einfach keine 100 Prozent im Training geben. Diesen Leistungsunterschied sieht man im Spiel. Das heißt aber nicht, dass diese vermeintlich kleinen Gegner uns nicht wehtun können.

Wie am Wochenende zu sehen war, beim 2:2 gegen Freiburg.

Eben (lacht).

Der CL-Titelverteidiger FC Barcelona gewann in der vergangenen Saison alles, 155:11 lautete das Torverhältnis am Ende. Sehen Sie die Gefahr, dass zukünftig das Augenmerk auf die aufgewertete Champions League gelegt werden wird, und die nationalen Ligen an Relevanz einbüßen? Die guten Gegner warten ja nur noch unter der Woche.

Das glaube ich nicht. Ich kenne die Strukturen in Spanien und England nicht im Detail. Aber die muss man eben sukzessive verbessern.

Haben Hoffenheim, Frankfurt, vielleicht auch Potsdam die Qualität, um Wolfsburg und die Bayern über eine ganze Saison zu fordern?

Hoffenheim traue ich das schon zu. Bei Frankfurt bin ich mir mit Blick auf die Konstanz noch unsicher. Bei den Gegnern, die einen vernünftig ärgern können, würde ich sie mit als erstes nennen. Aber da könnte noch ein bisschen mehr kommen.

Und Potsdam?

Potsdam sehe ich nicht mehr in dieser Rolle.

Zum Schluss: Wer gewinnt die Champions League?

Ich hoffe: wir. Ansonsten will ich mich dazu nicht äußern (lacht).

Interview: Paul Bartmuß

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