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Plötzlich Mitfavorit: Wie sich Buffalo zum Top-Team entwickelt hat

Allen, Diggs & Co. wollen 25 Jahre alte Durststrecke beenden

Plötzlich Mitfavorit: Wie sich Buffalo zum Top-Team entwickelt hat

Die Chemie stimmt: Lee Smith (li.) und Josh Allen (re.) bejubeln einen Touchdown von Stefon Diggs (Mitte).

Die Chemie stimmt: Lee Smith (li.) und Josh Allen (re.) bejubeln einen Touchdown von Stefon Diggs (Mitte). Getty Images

Wer die Buffalo Bills das formstärkste Team der Liga nennt, der hat viele Argumente auf seiner Seite. Fünf Spiele in Folge hat das Team aus dem Bundesstaat New York zuletzt gewonnen, die letzten beiden in krachender Art und Weise: Komplett dominant fegten die Bills zunächst über die Denver Broncos (48:19) und zuletzt auch über die New England Patriots (38:9) hinweg - so dominant, dass Quarterback Josh Allen das vierte Viertel beider Partien größtenteils entspannt an der Seitenlinie verbringen konnte und geschont wurde.

Umso erstaunlicher sind die Zahlen, die der 24-Jährige in den beiden Spielen in eben nur drei Vierteln der vollen Spielzeit aufs Feld gebracht hat: Jeweils deutlich über 300 Passing Yards, jeweils vier Total Touchdowns. Allen erinnert mit seiner unglaublichen Armstärke, seiner Physis und seinen Läufen an Cam Newton in seiner besten Zeit - eben jenen Newton, den er im Monday Night Game gegen die Patriots quasi deklassierte.

Newtons Coach Bill Belichick, dessen Lob innerhalb der NFL die vielleicht höchste Auszeichnung für gute Arbeit darstellt, sprach dem Divisionsrivalen, den er mit den Patriots so lange nach Belieben beherrscht hatte, größte Anerkennung aus: "Die Bills sind jedes Jahr besser geworden. Sie haben ein sehr gutes Team aufgebaut und es passt alles hervorragend zusammen." So gut, dass Buffalo Belichicks Patriots in der AFC East entthront hat - und die Division erstmals seit 1995 gewonnen hat. Da war Josh Allen nicht einmal geboren.

Vom Rohdiamanten zum Top-Quarterback: Allens Entwicklung ist bemerkenswert

Dass der junge Quarterback so derart gut spielt wie er es jetzt tut, ist der vielleicht größte und zentrale Erfolg der Bills-Verantwortlichen. Denn es war nicht unbedingt abzusehen. Als Buffalo Allen im Draft 2018 mit dem siebten Pick auswählte, rankten sich noch große Fragezeichen um ihn. Die physischen Voraussetzungen des Modellathleten waren über jeden Zweifel erhaben, allerdings galt Allen auch als ungenau, unerfahren und unreif - eben als Rohdiamant, der geschliffen werden musste.

Genau das haben die Bills mit Bravour geschafft.

Nach einer äußerst inkonstanten Debütsaison mit mehr Interceptions als Touchdowns hielten Head Coach Sean McDermott und sein Staff an Allen fest und begannen, das Team um ihn herum zu verbessern - mit Erfolg. Die Entwicklung, die der Quarterback von Jahr zu Jahr durchgemacht hat, ist fast schon spürbar. Viel weniger Fehler, viel bessere Entscheidungen, viel mehr Wow-Faktor.

Diggs macht den Unterschied: "Der beste Receiver der NFL"?

Den vielleicht entscheidenden Baustein aber stellte das Front Office seinem Hoffnungsträger vor der laufenden Saison hin. Per Trade holten die Bills Stefon Diggs aus Minnesota nach Buffalo - endlich der Elite-Receiver, den Allen bislang in seiner NFL-Karriere noch nicht hatte. Und Diggs, bereits bei den Vikings als starker Route Runner bekannt, übertraf alle Erwartungen. Mit aktuell 1459 Receiving Yards führt er die gesamte NFL an, gegen die Patriots fing er gleich drei Touchdowns. Das "ESPN Magazine" nannte den 27-Jährigen zuletzt in einer Cover-Story "den Top-Receiver der NFL".

Zack Moss, Stefon Diggs, Josh Allen

Haben sich gesucht und gefunden: Stefon Diggs und Josh Allen. Getty Images

Kaum wegzuwischen ist in jedem Fall, dass es in dieser Saison bis auf Aaron Rodgers und Davante Adams von den Green Bay Packers wohl kein Duo in der NFL gibt, das so hervorragend harmoniert wie Allen und Diggs. "Das ist etwas Besonderes", sagte Allen im ESPN-Interview nach dem Patriots-Spiel. "Wir haben die Kommunikation und das Vertrauen ineinander und ich glaube, das kommt durch die Beziehung, die wir abseits des Feldes aufgebaut haben."

Gemeinsam mit einer stabilen Defense um Star-Cornerback Tre'Davious White haben Allen und Diggs die Bills nun bis in die Play-offs getragen. Also dorthin, wo das Franchise zwischen 2000 und 2017 kein einziges Mal aufgetaucht war. Die Bills hatten sich in dieser Phase den Ruf als graue Maus der NFL erarbeitet.

Buffalo wartet seit einem Vierteljahrhundert

Und jetzt? Sieht das Team tatsächlich so aus, als wäre es der vielleicht einzige Stolperstein in der AFC, der Titelverteidiger Kansas City auf dem Weg in den nächsten Super Bowl ein Bein stellen kann. Zunächst aber muss auch Allen beweisen, dass er seine Form auch in den Play-offs halten kann. Schließlich hatte er die Bills bereits in der abgelaufenen Saison in die Wild Card Round geführt, war dort aber - wie das gesamte Team - nach 16:0-Führung gegen Houston eingebrochen und hatte in der Verlängerung noch verloren.

Damit wartet Buffalo weiter auf einen Sieg in den Play-offs - und zwar eben seit 1995. Von allen NFL-Teams haben nur die Bengals (seit 1990) sowie die Lions (seit 1991) eine längere Dürreperiode.

Aber es wäre ja nicht der erste 25 Jahre alte Fluch, den der 24 Jahre alte Allen in dieser Saison aufhebt.

mib

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