EM

England: Phantom Harry Kane und viele Fragen an Coach Gareth Southgate

England nach dem 0:0 gegen Schottland wieder geerdet?

Phantom Kane und viele Fragen an Southgate

Keine Impulsgeber am Freitag: Harry Kane, Gareth Southgate und Jadon Sancho (v.li.).

Keine Impulsgeber am Freitag: Harry Kane, Gareth Southgate und Jadon Sancho (v.li.). Getty Images (3)

Als Jack Grealish die letzten Sekunden ungenutzt verstreichen lässt, ist klar: Er wird nicht schießen, England wird über ein torloses Remis gegen den kleinen Bruder aus Schottland nicht hinauskommen. Wer nicht schießt, kann nicht treffen. Das ist keine neue Erkenntnis, aber sie ist so dermaßen treffend für das umständliche, unkreative und harmlose Spiel der Hausherren in Wembley am Freitagabend.

Einzig Mason Mount versprühte Spielwitz, zumindest die meiste Zeit, wobei auch er schwächer wurde. Aber Declan Rice und Kalvin Phillips, nach dem Auftaktmatch mit Recht gelobt, beleben das Offensivspiel nicht. Bieder sind die Bemühungen der Three Lions.

Wo war Jadon Sancho?

Wo waren die Tiefenläufe? Wo war das gute Überladen der Flügel aus dem ersten Spiel? Wo waren Außenverteidiger, die gegen die Schotten, die weniger dichtmachen mussten, als sie eigentlich vorhatten, in der Offensive? Wo war Harry Kane? Anwesend, aber wie ein Phantom, das nur Schmerzen hinterließ, keinen Treffer. Nicht mal eine Chance. Wo war Jadon Sancho? Auf der Bank. Ist er wirklich schlechter als Raheem Sterling, der schon im ersten Spiel nur durch seinen Treffer einen schwächeren Eindruck verwischte. Wo war Phil Foden? Es muss der schlechtere Zwillingsbruder gewesen sein, denn mit dem Foden, der im Manchester-City-Trikot die Massen begeistert, hatte er nur wenig zu tun.

Die alles entscheidenden Fragen aber: Wo war ein echter Chef, der das Ganze ordnet, der mehr ausstrahlt aufgrund seiner Erfahrung als das Mittelfeldtrio zusammen wegen seines Alters überhaupt zu leisten imstande sein kann? Mit Jordan Henderson sitzt einer draußen. Und wo war der, der das Ganze orchestriert, coacht, lenkt? Auch er war draußen. Ratlos, in einem Columbo-Gedächtnis-Mantel, nur in dunkler Ausführung. Southgate brachte Jack Grealish, gut. Aber offensichtlich nicht mit dem Auftrag, von links nach innen zu ziehen, sondern an der Linie zu dribbeln, bis es nicht mehr ging. Gar nicht gut, das ist nicht sein Spiel. Er brachte Marcus Rashford, der Raum braucht, den die Bravehearts natürlich nicht preisgaben. Schon gar nicht im Zentrum.

Keine dauerhaft gute Spielidee?

All das führte zu einem 0:0, das sich die Gäste verdienten, das die Erwartungen Englands wieder dämpfen wird. Wenn das Team selbst nicht mit einer gewissen Überheblichkeit in die Partie geht, sorgt die Erwartungshaltung im Land dafür, dass die Nasen nach oben zeigen bei den Spielern und sie nicht mit der Konzentration und Leidenschaft ins Match gehen, wie noch gegen Kroatien.

Die Nullnummer, Platz 2 in der Gruppe weiterhin, ist kein Beinbruch, das Weiterkommen sollte klappen. Doch man fragt sich schon, was diese Mannschaft leisten könnte, wenn sie einen Coach hätte, der nicht nur punktuell mal gute Einfälle hat, sondern eine dauerhaft gute Spielidee. Er hat die besten Profis aus der Premier League, der besten Liga der Welt, zur Verfügung. Doch alle leckeren Zutaten der Welt ergeben noch keinen guten Kuchen.

England Europameister? Noch ist es möglich. Der Weckruf an diesem Freitag sollte vor dem Match gegen Tschechien am Dienstag (21 Uhr, LIVE! bei kicker) laut genug sein. Vielleicht klingelt's ja noch rechtzeitig. 55 years of hurt sind für dieses Fußballvolk eigentlich genug.

Thomas Böker

Bilder zur Partie England - Schottland