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Pack-Freispruch für FUT: Richtiges Urteil, fatales Signal

Falscher Ansatz der niederländischen Behörde?

Pack-Freispruch für FUT: Richtiges Urteil, fatales Signal

EA hat sich vor Gericht durchgesetzt. Für das Unternehmen ist das gut, aber für die Spieler...?

EA hat sich vor Gericht durchgesetzt. Für das Unternehmen ist das gut, aber für die Spieler...? Bloomberg via Getty Images

Seit Jahren kämpfen Gesetzeshüter diverser Länder gegen sogenannte Lootboxen in Videospielen, um deren Glücksspielmechanismen rechtlich sanktionieren oder gar verbieten zu lassen. Zu den Lootboxen zählen auch die FUT-Packs, die unter anderem durch FIFA Points und damit den Einsatz von Echtgeld erworben werden können.

FUT-Packs basieren auf dem Zufallsprinzip, die Spieler wissen beim Kauf nicht, welche Inhalte ihnen präsentiert werden - mit Ausnahme der Vorschau-Packs, die EA SPORTS in FIFA 21 eingeführt hatte. Der Zufall bestimmt den Inhalt, ergo könnte angenommen werden, dass lizenzpflichtiges Glücksspiel vorliegt.

Raad van State widerspricht KSA und Den Haag

Exakt diese Annahme verleitete die niederländische Glücksspiel-Aufsicht (KSA) im Oktober 2019 zur Belegung des FIFA-Entwicklers EA mit einem Zwangsgeld - insgesamt bis zu zehn Millionen Euro. Das Bezirksgericht Den Haag bestätigte diese Maßnahme im Oktober 2020 und wies die dagegen eingelegten Rechtsmittel als unbegründet ab.

Von höchster nationaler Instanz jedoch - durch das oberste Verwaltungsgericht der Niederlande, den Raad van State - wurde dieses Urteil am 9. März einkassiert. Das Gericht gab der Berufung durch EA statt, es handle sich beim FUT-Modus und dessen Pack-Praktik nicht um lizenzpflichtiges Glücksspiel. Die Sanktionen wurden aufgehoben.

Fatale Signalwirkung im Kampf gegen Glücksspiel

Die KSA hat somit eine deftige Schlappe im Kampf gegen Online-Glücksspielmechanismen und auch für die entsprechende Suchtprävention hinnehmen müssen. Eine fatale Signalwirkung könnte dieses Urteil jedoch nicht nur für die Niederlande haben, sondern auch für den deutschen Umgang mit der Problematik.

Dabei ist das Urteil an sich durchaus sinnig und juristisch korrekt. Die KSA hatte letztlich vergebens einen Verstoß des Artikel 1 Absatz 1 Präambel und unter a) im niederländischen Glücksspielgesetz moniert.

"Zur Ermöglichung von Wettkämpfen um Preise oder Prämien, wenn die Gewinner durch eine Wahrscheinlichkeitsfeststellung bestimmt werden, auf die die Teilnehmer regelmäßig keinen überwiegenden Einfluss ausüben können, es sei denn, dass hierfür eine Erlaubnis nach diesem Gesetz erteilt wurde", lautet das Verbot an dieser Stelle.

Separation und Handel als Argumentationspfeiler

Das grundlegende Glücksspiel charakterisierte die KSA durch "vom Zufall bestimmte Inhalte" sowie einen "Gewinn mit wirtschaftlichem Wert". In ihrer Argumentation gegen die FIFA Points und den damit verbundenen Pack-Kauf stützte sich die Behörde auf zwei übergeordnete Säulen - die Separation und den Handel.

Die kritisierte Praktik sei vom eigentlichen Spiel losgelöst zu betrachten, da auf dem virtuellen Rasen - dem Kern von FIFA und FUT - keine Packs gekauft oder geöffnet werden könnten. Darüber hinaus sei der "wirtschaftliche Wert" des Gewinns durch den möglichen Handel auf dem externen Schwarzmarkt gegeben.

EA hingegen stufte die Packs als "Teil eines umfassenden Geschicklichkeitsspiels" ein, als "marginales Zufallselement" - und eben nicht als separates Spiel. Weiterhin betonte der Entwickler, dass der Inhalt der Packs nicht legal in Bargeld umgewandelt werden könne und der Wirtschaft daher verschlossen sei.

Electronic Arts headquarters in Redwood City, California, U.S., on Monday, Aug. 2, 2021. Electronic Arts Inc. (EA) is expected to release earnings on August 4. Photographer: David Paul Morris/Bloomberg via Getty Images

In EAs Hauptquartier in den USA dürfte man aufgeatmet haben. Ein gegenteiliges Urteil hätte weitreichende Konsequenzen haben können. Bloomberg via Getty Images

Gericht erkennt keinen "geschlossenen Prozess"

Tatsächlich erlaubt EA keinen Handel mit FUT-Objekten außerhalb des integrierten und regulierten Transfermarkts, Zuwiderhandlungen führten in der Vergangenheit schon mal zu Strafen für die Spieler. Von Gewinn könne zudem keine Rede sein, da der Inhalt der Packs keinen Wert im Wirtschaftsverkehr habe.

Der Raad van State stimmte dem Videospielgiganten in dieser Argumentationskette zu. Packs seien kein Selbstzweck, sondern vielmehr Mittel zum Zweck, um das Spiel zu spielen. Den "geschlossenen Prozess", den die KSA beim Kauf und Öffnen von Packs bemängelte, erkannte das oberste Verwaltungsgericht also nicht.

Praxis der Mehrheit bricht KSA das Genick

Der letztlich springende Punkt ist aber wohl eine Formulierung, die der Hoge Raad - das höchste Gericht der Monarchie - einst für das Kriterium anbrachte: "Für das Element Wahrscheinlichkeit ist relevant, wie ein Spiel in der Praxis von der Mehrheit der Spieler gespielt wird." Dieser Aspekt brach der KSA das Genick.

1991 hatte der Hoge Raad gegen das "Goldene-Zehn-Spiel" entschieden, damals waren die Vorzeichen umgekehrt: Verteidigt wurde mit dem Argument, dass durch langes Beobachten die Gewinnchancen maximiert werden könnten. Ausschlaggebend war aber, dass die Majorität der Spieler in der Praxis so jedoch nicht agierte.

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92 Prozent der Pack-Käufe ohne Echtgeld

Im Umkehrschluss urteilte der Raad van State nun, dass die Realität anders als von der KSA dargestellt, einen überwältigenden Großteil der Spieler vorsieht, der die Packs durch Spiel-Engagement verdient. EA führte hierzu 92 Prozent als Satz ins Feld, die sich die Packungen ohne Echtgeldeinsatz erarbeiten sollen.

An diesem Punkt bleibt der Öffentlichkeit einzig das Vertrauen ins oberste niederländische Verwaltungsgericht, diese Angaben ordentlich geprüft zu haben. Zudem legte der FIFA-Entwickler eine Studie von Prof. Dr. RH Koning zur Spielpraxis in FUT vor.

Diese gelangt ebenfalls zu dem Schluss, dass es sich bei Ultimate Team um ein "gemischtes Geschicklichkeitsspiel" handle. Die Pack-Umgebung sei damit einhergehend auch nicht getrennt, sondern direkt in FUT vorzufinden.

KSA-Fall bricht wie ein Kartenhaus zusammen

Der KSA ist es wiederum nicht gelungen nachzuweisen, dass Packs "im großen Umfang" separat vom eigentlichen Spiel gekauft und geöffnet werden. Ein solcher Nachweis dürfte auch kaum zu führen sein, die wenigsten Spieler investieren wohl in FUT-Objekte, ohne sie anschließend auch auf den digitalen Platz zu schicken.

Die Glücksspielbehörde stützte sich so vehement auf die These, die Pack-Praktik in FUT sei von FIFA zu trennen, dass der gesamte Fall nach der schlüssigen Widerlegung dieser Annahme durch EA wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrach. Nun steht die KSA mit leeren Händen da - und trägt obendrein die Kosten des Verfahrens.

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"Umfangreiches Dokument" bleibt unberücksichtigt

Statt das Milliardenunternehmen also mit einer empfindlichen Geldstrafe belegen und nachhaltig in ein fragwürdiges Licht rücken zu können, muss selbst zur Börse gegriffen werden. Dabei bleibt zu erwähnen, dass die KSA am 18. November 2021 noch ein weiteres "umfangreiches Dokument" vorgelegt hatte.

Der Umfang und der Zeitpunkt der Einreichung veranlasste den Raad van State allerdings dazu, dieses Dokument für den Prozess unberücksichtigt zu lassen. Es verstoße gegen die Verfahrensordnung, da EA nicht angemessen reagieren konnte - die KSA hätte es passend dazu wohl früher vorlegen können.

Weiterhin ein Kampf gegen Windmühlen

Zu spekulieren, dass besagtes Dokument einen Paradigmenwechsel für die Verhandlung bedeutet hätte, ist müßig - und irrelevant. Die KSA hat sich nach dem wohlwollenden Urteil aus Den Haag wohl verpokert, EA hatte auf höchster Ebene die schlüssigeren Argumente. Womöglich war der Versuch aber auch von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Die Glücksspiel-Aufsicht und das Bezirksgericht Den Haag waren offenbar vom größtmöglichen Anwendungsbereich ausgegangen und wollten die Pack-Praktik daher als eigenständiges Spiel klassifizieren. Dass diese Interpretation fehlschlagen und FUT nicht in seiner Gesamtheit sanktioniert würde, wirkt in der Retrospektive beinahe offensichtlich.

Das juristische Vorgehen gegen die Glücksspielmechanismen in FUT bleibt ein Kampf gegen Windmühlen. Und ganz wie Don Quijote im weltbekannten Roman von Miguel de Cervantes könnte die KSA nach dem Abschluss des Prozesses - auf dem metaphorischen Totenbett der Verbotshoffnung - zu später Einsicht gelangen.

Niklas Aßfalg