Bundesliga

Jay-Jay Okocha: "Stepanovic rief immer: Geh, mach ihn nass!"

Der 48-Jährige wurde mit seinem Tor am 31. August 1993 berühmt

Okocha: "Stepanovic rief immer: Geh, mach ihn nass!"

Jay-Jay Okocha bei seinem Tor 1993 gegen Oliver Kahn.

Jay-Jay Okocha bei seinem Tor 1993 gegen Oliver Kahn. picture alliance / augenklick/GES-Sportfoto

Mit fünf Haken in elf Sekunden, die dem 3:1 gegen den KSC vorausgingen, setzte sich der 20-jährige Jay-Jay Okocha am 31. August 1993 in Frankfurt ein Denkmal. Der kicker erreichte den Markenbotschafter der DFL und der Eintracht in Lagos, wo er in verschiedenen Branchen als Geschäftsmann tätig ist.

Welchen Einfluss hatte dieser gerne als Jahrhunderttor bezeichnete Treffer auf Ihre Karriere, Herr Okocha?
Dieses Tor veränderte mein Leben und machte mich berühmt. Auch außerhalb Deutschlands sorgte er für viel Publicity.

Das ganze Stadion rief, dass Sie endlich schießen sollen. Schildern Sie das Tor doch bitte mal mit Ihren Worten.
Ehrlich gesagt hatte ich gar nicht geplant, den Ball so lange zu halten. Aber immer, wenn ich aufschaute, um zu schießen, sah ich jemanden vor mir. Also dribbelte ich so lange weiter, bis ich eine Lücke sah. Das dauerte länger als geplant, aber am Ende war ich überglücklich, als der Ball im Netz lag. Das war das schönste Tor meiner Karriere.

Wie oft werden Sie heute noch darauf angesprochen?
Sehr oft, die Leute sagen immer noch, dass ich verrückt sei. Unser damaliger Trainer Klaus Toppmöller meinte übrigens hinterher im Spaß, dass meine Karriere beendet gewesen wäre, wenn ich das Tor nicht gemacht hätte. Er schrie: "Schieß, schieß, schieß!" Und ich dribbelte weiter und weiter und weiter... (lacht)

Bekannt wurde Sie auch durch den "Okocha-Trick", bei dem der Ball mit der Hacke hinter dem Rücken hoch über den Kopf gespielt wird. Im Februar 1993 düpierten Sie mit diesem Kunststück sogar Ihren Dresdner Gegenspieler Sven Kmetsch. Woher kam Ihr außergewöhnliches Ballgefühl?
In meiner Kindheit in Enugu spielten wir nur aus Liebe zum Spiel, nicht um später mal Profi zu werden. Das Spiel war nicht organisiert, wir konnten mit dem Ball machen, was wir wollten. Es gab keinen Trainer, keine Schuhe, nicht mal richtige Fußbälle. Als ich auf die weiterführende Schule kam, nahm ich an Schulturnieren teil. Erst da erhielt ich meine ersten Fußballschuhe. Mein Ballgefühl kommt also von der Straße.

Nach Ihrem Abitur in Nigeria kamen Sie mit 17 Jahren nach Deutschland.
Mein Bruder Emmanuel spielte damals in Marburg und kaufte mir das Flugticket. Ich stand in Nigeria ursprünglich bei den Enugu Rangers unter Vertrag, hatte aber schon im Kopf, dass ich vielleicht die Möglichkeit bekommen könnte, für einen Verein in Deutschland zu spielen. Meinen ersten Vertrag unterschrieb ich dann bei Borussia Neunkirchen.

Sorry, ich kam den ganzen Weg aus Nigeria hierher, da kann ich doch keinen mündlichen Vertrag akzeptieren.

Jay-Jay Okocha zum geplatzten Wechsel zum FC Bayern

Dort entdeckte Sie der damalige Eintracht-Trainer Dragoslav Stepanovic.
Ja. Aber wenn ich mich richtig erinnere, sagte er mir, dass er eigentlich einen anderen Spieler beobachten wollte, nicht mich. Doch dann sah er mich und lud mich zur Eintracht ein.

Auch die Bayern waren interessiert, wieso zerschlug sich der Wechsel?
Ich nahm mit der Bayern-Jugend als Gastspieler an einem Turnier in der Schweiz teil, danach lud mich Uli Hoeneß nach München ein. Aber ich war zu jung, um einen Profivertrag zu erhalten. Sie wollten mich holen, mir aber nur einen mündlichen Vertrag geben. Ich sagte: "Sorry, ich kam den ganzen Weg aus Nigeria hierher, da kann ich doch keinen mündlichen Vertrag akzeptieren." Damit hätte ich keinerlei Garantie gehabt, wenn ich mich zum Beispiel verletzt hätte. Ich glaube, sie realisierten nicht, dass sie mir auch einen Amateurvertrag hätten geben können - den hätte ich unterschrieben. Doch ich sollte ein Jahr warten, um dann einen Profivertrag zu bekommen.

Wer war Ihr bester Trainer?
Stepanovic. Es war damals schwierig, einem jungen afrikanischen Spieler zu vertrauen und an seine Fähigkeiten zu glauben. Doch er schenkte mir dieses Vertrauen und ermunterte mich, mein Talent zu zeigen. Ich erinnere mich noch gut, wann immer ich den Ball hatte und über die rechte Seite kam, rief er: "Geh, mach ihn nass!" Ich hatte so viele Trainer, die sagten, ich solle einfach spielen. Aber wissen Sie was? Einfach kann jeder spielen!

Jay-Jay Okocha

Jay-Jay Okocha imago/Jan Huebner

Was war der größte Erfolg Ihrer Karriere? Der 3:2-Olympiasieg 1996 mit Nigeria gegen Argentinien?
Dieser Sieg in Atlanta war ein unglaublicher Moment, über den noch heute gesprochen wird. Wir Spieler konnten erst gar nicht glauben, dass wir so gut sind und das schaffen könnten. Im Halbfinale schlugen wir Brasilien nach einem 1:3-Rückstand mit 4:3 nach Verlängerung. Erst ab diesen Zeitpunkt glaubten wir an den Sieg. Wir erhielten nationale Auszeichnungen und sind wie Helden gefeiert worden. Die Nationalmannschaft vereinte das Land. Wenn wir spielten, vergaßen die Menschen ihre Probleme, ihre Religion, einfach alles. Aber auch die Qualifikation für die WM 1994 in den USA war ein riesiger Erfolg, da Nigeria nie zuvor an einer WM teilgenommen hatte.

Warum spielten Sie nie für einen der ganz großen Klubs wie Real Madrid oder den FC Barcelona?
Für einen afrikanischen Spieler kann es manchmal schwierig sein, in einem dieser Klubs zu spielen, weil du die Sprache nicht sprichst und sie vielleicht lieber jemanden aus Südamerika holen. Während meiner Zeit war es für einen afrikanischen Spieler ohnehin schwierig, in La Liga zu spielen. Aber ich bedauere nichts, ich hatte eine sehr gute Karriere.

Warum wurden Sie später kein Trainer?
Ich wollte die Freiheit haben, über mein Schicksal selbst zu bestimmen, und nicht irgendwo unter Vertrag stehen. Außerdem wäre mir der Druck als Trainer zu groß.

Verfolgen Sie den Weg der Eintracht?
Ich habe einen sehr guten Kontakt zu Rainer Falkenhain (Vorstandsberater; Anm. der Red.) und komme auch ab und an zu einem Spiel. Ich freue mich sehr über die Entwicklung. Die Eintracht ist ein großer Klub in einer großen Stadt und muss oben stehen.

Interview: Julian Franzke

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