Bundesliga

Offensive, Standards, Achse: Wo Korkut jetzt ansetzen muss

Herthas neuer Trainer legt am Dienstag mit dem Team los

Offensive, Standards, Achse: Wo Korkut jetzt ansetzen muss

Trainiert am Dienstag erstmals mit Herthas Profis: Der neue Trainer Tayun Korkut.

Trainiert am Dienstag erstmals mit Herthas Profis: Der neue Trainer Tayun Korkut. imago images/Sven Simon

Pal Dardai hatte sich genau überlegt, was er der Mannschaft nach den eineinhalb freien Tagen beim Wiedersehen am Dienstag sagen wollte und wie er die Trainingswoche gestalten würde. Und er verlor auch am Tag nach dem 1:1 gegen den FC Augsburg, als Hertha durch ein Last-Second-Gegentor maximal spät und maximal ärgerlich zwei Punkte eingebüßt hatte, nicht den Glauben ans Gelingen der eigenen Mission. "Ich glaube, dass wir trotzdem stabil sind", sagte der Ungar am Sonntag. "Ich habe keine Phase im Spiel gesehen, wo Chaos war. Die Mannschaft ist kompakt, die Mannschaft will, taktisch sieht das sehr ordentlich aus. Wir haben einen Schritt nach vorne gemacht, aber die Punktzahl …"

Die stimmte nicht - und nach dem Empfinden des Sport-Geschäftsführers Fredi Bobic stimmte noch einiges mehr nicht. Er entband Dardai und dessen Assistenten Admir Hamzagic und Andreas Neuendorf am Montagmorgen von ihren Aufgaben. Am Nachmittag, als sich Dardais Nachfolger Tayfun Korkut neben Bobic auf dem Podium im Medienraum des Klubs eingefunden hatte, sagte Herthas starker Mann: "Ich hatte nicht das Gefühl, dass sich viele Dinge verbessern."

Korkuts Aufgabe ist klar definiert

Und man hatte das Gefühl, dass die Wahrnehmungen von Bobic und Dardai zum letzten, aber gewiss nicht zum ersten Mal in dieser am Ende knapp sechsmonatigen Zusammenarbeit auseinandergingen. Über Korkut sagte Bobic: "Er ist genau der richtige Trainer für eine Mannschaft, die diese neuen Impulse braucht." Die Aufgabe des Neuen ist klar definiert: Er soll diesem verstörend wechselhaft agierenden Ensemble den Hang zur Unbeständigkeit austreiben - und jene Ressourcen des Kaders heben, die Bobic bislang eher ungenutzt sieht.

Der Pragmatiker Korkut, seit dem Aus beim VfB Stuttgart im Oktober 2018 ohne Festanstellung, ersetzt den Pragmatiker Dardai. Korkuts Credo: "Die einfachen Dinge außergewöhnlich gut machen. Nicht zu kompliziert werden, einfach pragmatisch bleiben." Der kicker sagt, wo Herthas neuer Trainer jetzt ansetzen muss.

Die Offensive: Spiel in Ballbesitz als größte Baustelle

Zu schematisch, zu wenig dynamisch, nicht variabel genug: Das Spiel in Ballbesitz blieb bis zum Schluss Dardais größte Baustelle. Die Zahlen sind ernüchternd. Kein Team gab in dieser Saison so wenige Torschüsse ab wie Hertha (127), keins hatte bisher so wenige Ballkontakte im gegnerischen Strafraum (207). Gleichauf mit Arminia Bielefeld kreierten die Berliner die wenigsten Torchancen (45). Weniger Tore aus dem Spiel heraus als Hertha (6, wie Bielefeld auch) schoss nur Fürth (5). Die im Sommer vorgenommene Komplett-Entkernung der Vorjahres-Offensive (Matheus Cunha, Jhon Cordoba, Dodi Lukebakio, Nemanja Radonjic, Javairo Dilrosun, Jessic Ngankam) hat Hertha bis heute nicht verkraftet. Offensiv-Neuzugänge wie Myziane Maolida und Ishak Belfodil zündeten bisher nicht, Jurgen Ekkelenkamp nur punktuell. Der frühere Vollblut-Stürmer Bobic will Fußball sehen, der weniger abwartend und mehr nach vorn gerichtet ist. Die Hoffnung auf mehr Mut, mehr Durchschlagskraft und eine grundsätzlich offensivere Spielidee - sie ist eines der Hauptmotive dieses Trainerwechsels.

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Standards: Nur Fürth ist anfälliger

Schon elf Gegentore nach ruhenden Bällen - ligaweit Platz 17. Nur Schlusslicht Fürth ist anfälliger (12). Dardai, der bei Standards mal auf Manndeckung setzte und später auf kombinierte Mann-Raum-Verteidigung, bekam dieses Problem im Verbund mit den Standardexperten Neuendorf und Hamzagic bis zuletzt nicht in den Griff. Am Sonntag sagte er mit Blick auf die Flut von Standard- und Kopfballgegentoren: "Wenn du das in der Bundesliga nicht hinbekommst, kostet dich das am Saisonende vier, fünf Plätze." Jetzt soll es Korkut hinbekommen.

Wenn du das in der Bundesliga nicht hinbekommst, kostet dich das am Saisonende vier, fünf Plätze.

Pal Dardai

Achse: Potenzielle Anführer nicht sonderlich laut

Dardai-Vorgänger Bruno Labbadia suchte sie und fand sie bis zu seiner Entlassung im Januar 2021 nicht, auch Dardai vermisste Leader im Team. Am Tag nach dem Augsburg-Spiel sagte er: "Es fehlen ein oder zwei Anführer auf dem Platz, die Ordnung bringen." Die Innenverteidiger Dedryck Boyata, am Sonntag bei Korkuts Debüt in Stuttgart nach abgesessener Rot-Sperre wieder dabei, und Niklas Stark sind am ehesten in dieser Rolle, auch Mittelfeldspieler Suat Serdar. Problem: Alle drei sind nicht sonderlich laut - wie auch die Routiniers Vladimir Darida und Peter Pekarik sowie Keeper Alexander Schwolow. Bobics Hoffnung ist, dass Akteure wie Lucas Tousart, Krzysztof Piatek und Jordan Torunarigha, die zuletzt unter Dardai keinen leichten Stand hatten, jetzt einen Schub bekommen.

Umschaltspiel: Das Problem des letzten Passes

Gegen Augsburg spielte Hertha wie schon in den Heimspielen zuvor gegen Leverkusen (1:1) und Gladbach (1:0) in Führung liegend etliche Konter halbherzig oder schlampig zu Ende - und verpasste gegen den FCA und Bayer so die Entscheidung. Dardais Eingeständnis am Tag vor seiner Beurlaubung: "Es ist immer zehn Zentimeter zu weit vorn, zu weit hinten oder halbhoch statt flach - der letzte Pass muss da sein. Der letzte Pass kommt nicht an. Und diese Tore fehlen uns." Erst ein Treffer nach einem Konter - das ist ein nahezu erbärmlicher Ertrag.

Kontinuität: Rückschläge sind Programm

Wann immer Hertha mit einem guten Auftritt die (trügerische) Hoffnung weckte, den sportlichen Turnaround tatsächlich geschafft zu haben, folgte schnell das nächste Spiel nah am Offenbarungseid. Das 0:5 in München Ende August, das 0:6 in Leipzig Ende September, der blutleere Derby-Auftritt vor neun Tagen bei Union (0:2) - das waren Spiele im Rang von Kapitulationserklärungen. Bei allem Zuwachs an Kompaktheit und taktischer Ordnung: Diese Rückfälle, in denen die Mannschaft fast über die Dauer eines kompletten Spiels kollektiv blockiert wirkte, konnte Dardai bis zuletzt nicht abstellen. Defensiv und offensiv stimmige Leistungen wie in Frankfurt (2:1) Mitte Oktober waren die Ausnahme. Diese ständige Abfolge von Aufs und Abs soll Korkut beenden. "Ich erwarte keine Wunderdinge von heute auf morgen", erklärte Bobic. Aber mehr Konstanz.

Steffen Rohr

Sechs vor Dardai: Die Hertha-Trainer seit 1997 und ihr BL-Punkteschnitt