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"Leibwächter" Chiellini zwischen Juventus und Harvard

Identifikationsfigur verlässt Juventus nach 17 Jahren

Nur ein Ziel bleibt unerreicht: "Leibwächter" Chiellini zwischen Turin und Harvard

"Er war mein Fels": Gianluigi Buffon (li.) über Giorgio Chiellini.

"Er war mein Fels": Gianluigi Buffon (li.) über Giorgio Chiellini. Getty Images

Er hätte die Zeit wahrscheinlich am liebsten am Schlafittchen gepackt und zu Boden gezogen, wie Giorgio Chiellini das im EM-Finale auch mit Englands Jungspund Bukayo Saka getan hat. Doch irgendwann läuft sie selbst einem wie ihm davon, wie der inzwischen 37-Jährige nach dem verlorenen Pokalfinale gegen Inter gerne zugab: "Ich überlasse meinen Platz den vielen Jungen."

Ausgerechnet zum Abschied nach 17 Jahren - 2005 war der beinharte, gleichzeitig aber unheimlich intelligente Verteidiger aus Florenz gekommen - bleibt Juventus erstmals seit 2010/11 ganz ohne Titel. Das kannte Chiellini, in Livorno ausgebildet, eigentlich gar nicht mehr.

Der Gang in die zweite Liga

559 Spiele für Juve, mit dem er nach dem "Calciopoli"-Skandal 2006 selbst in die zweite Liga mitging. Anschließend neunmal Meister, fünfmal Pokalsieger. Dass sich die Bianconeri nach Jahren in der sportlichen Versenkung wieder zum großen italienischen Dominator aufschwangen, dafür stand kaum ein Gesicht so wie seines. Gianluigi Buffon im Tor, Chiellini und Leonardo Bonucci davor.

Wir haben uns perfekt verstanden.

Gianluigi Buffon über Giorgio Chiellini

"Er war mein Leibwächter, mein Fels", erinnert sich Buffon in der "Gazzetta dello Sport" an "einen Freund, der mehr war als ein einfacher Mitspieler. Wir wussten um unsere Stärken und unsere Schwächen, haben uns perfekt verstanden." Selten wohl so gut wie in den Momenten bitterer Niederlagen, auf der vergeblichen Reise zu dem einen Ziel, das sowohl Buffon als auch Chiellini verwehrt bleiben sollte: der Champions League. 2015 und 2017 verloren sie das Finale gemeinsam.

Zu Meisterschaften en masse gesellt sich beim Schlussmann dennoch der WM-Titel 2006, Chiellini hat sich auf der Zielgeraden seiner großen Karriere vergangenen Sommer zumindest zum Europameister gekrönt. Als Leibwächter, als Fels, als absoluter Pfeiler in der italienischen Nationalmannschaft, in der italienischen Fußballgeschichte. Auf Gentile, Scirea, Bergomi, Baresi, Maldini, Cannavaro oder Nesta folgte Chiellini, Großmeister italienischer Verteidigungskunst.

Wechsel in die MLS?

Nach 17 Jahren Juve, das sich weiterhin mitten im Umbruch befindet, gilt es schnellstmöglich, auch ihn zu ersetzen, der übrigens noch nicht konkret vom Karriereende sprach und zuletzt mit einem Wechsel zum Los Angeles FC in die MLS in Verbindung gebracht wurde.

Auf Bäumen wachsen diese Spieler aber selbst in Italien nicht mehr, sein einstiger Nebenmann Andrea Barzagli adelte Chiellini als "einen der letzten echten Manndecker, der den Kontakt mit dem Gegenspieler liebt". Aber bald ja vielleicht in Harvard, wie José Mourinho einmal vorschlug: "Mr. Chiellini und Mr. Bonucci könnten dort Vorlesungen geben, wie ein Innenverteidiger spielen muss."

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