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15.04.2019, 08:35

Stuart Roy Clarke: "Es musste etwas geschehen"

Wie Hillsborough den Fußball verändert hat

Nach der Hillsborough-Katastrophe begann Stuart Roy Clarke den Wandel des britischen Fußballs zu dokumentieren. Im kicker-Interview spricht der Fotograf über seine Arbeit, Hillsborough - und auch die deutsche Fußballkultur.

Fotograf Stuart Roy Clarke bei einer Ausstellung im Fußballmuseum Manchester.
Fotograf Stuart Roy Clarke bei einer Ausstellung im Fußballmuseum Manchester.

Der heute 57-Jährige wurde zu einem Fotografen der Fußballkultur. In Büchern wie "The Cradle of the Game" (Die Wiege des Spiels), "The Homes of Football" und "The Game" sowie Ausstellungen zeigt Clarke seine Suche nach der Seele des Spiels. Mit dem Rücken zur Action auf dem Platz findet er sie, in den Gesichtern von Fans sowie vielsagenden Szenen am und im Stadion. Hier spricht Clarke (als Fan des FC Watford groß geworden) über seine Arbeit und was ihn antreibt.

"Fußballkultur" ist zu einem vielzitierten Wort geworden. Was bewegte Sie, das Thema praktisch zu ihrer Lebensaufgabe zu machen, Herr Clarke?

Mitte der 80er Jahre lebte ich nicht unter Medienmenschen in London, die mir den Fußball womöglich als interessant empfahlen. Sondern ich war im Lake District zuhause, sprach quasi mit den Schafen. Die großen Katastrophen in Heysel, Bradford und vor allem Hillsborough haben mich aufgerüttelt. Es musste etwas geschehen. Das Spiel war absolut beliebt und gleichzeitig im Niedergang. Ein Desaster wie Hillsborough sah man fast kommen. Der Fußball war in der britischen Gesellschaft allgegenwärtig und auf dem Weg, völlig diskreditiert zu werden. Ich wollte mich dem Spiel über die Menschen und ihre Emotionen nähern. Sie sind die Wurzel von allem.

Sie haben dokumentiert, wie die alten Grounds abgerissen wurden, begleiteten aber auch in Absprache mit dem Klub 2011/12 das erste Meisterschaftsjahr des "neuen" Manchester City.

Mein "Timing" Ende der 80er, Anfang der 90er war zufällig perfekt. Ich wusste nicht, dass die Premier League gegründet werden würde. Ich ahnte nur: Es würde fundamentale Veränderungen geben. Damals gab es übrigens keine Zutrittsbeschränkungen, keine Marketingleute, die dich als unabhängigen Fotografen abblockten. Ich fühlte mich wie auf einer Mission. Die Klubsekretäre haben damals im Grunde alles alleine erledigt, egal ob bei Manchester United oder den Wolverhampton Wanderers. Dann begann das Zeitalter der Premier League und des Privatfernsehens.

Lieben Sie den Fußball heute so wie früher?

Ja, genauso. Wenngleich sich mit dem vielen Geld nicht alles zum Guten verändert hat.

Sie hätten sich auf die Stars und Promis konzentrieren können.

Ich fotografierte Profis, auch Persönlichkeiten wie den verstorbenen Trainer Bobby Robson. Aber Fans mit dicken Bierbäuchen oder prall geschminkte Verkäuferinnen im Stadionimbiss sind für mich auch Stars.

Sie fotografierten in Afrika, Nord- und Südamerika, bei der WM in Russland, praktisch überall im United Kingdom. Findet man in jedem Stadion einen Grund, Sympathie für den Klub zu empfinden?

So ist es, und es ist auch nicht zu romantisch gedacht: Wenn man sich ein paar Tage länger in einem Klub aufhält, stößt man, ohne gleich selbst Fan zu werden, auf ganz besondere, liebenswerte Typen, egal ob es Dagenham & Redbridge ist, Sunderland, Carlisle, Liverpool oder Düsseldorf.

Bei der WM 2006 reisten Sie durch Deutschland ...

... und am meisten fasziniert hat mich Kaiserslautern, eine kleine Stadt mit einem beeindruckenden Stadion oben auf dem Berg.

Die eine große, gemeinsame Basis der Gesellschaft ist der Fußball.

Wie unterscheidet sich die deutsche Fußballkultur von der auf der Insel?

England und Deutschland sind sich da sehr ähnlich. Spanien, die Niederlande, Frankreich sind damit nicht vergleichbar. Im Moment empfinde ich es so: Die Deutschen sind sich ihres Landes sehr gewiss, aber sehr unsicher, was ihren Fußball betrifft. Jedoch: Die Briten stellen derzeit das Gegenteil dar. Sie sind absolut verwirrt, wo sie als Volk stehen, aber es gibt einen Punkt, an dem sie sich gut fühlen: den Fußball.

Was halten Sie von der aktuellen, Länder übergreifenden Kampagne, das Verbot von Stehplätzen in den europäischen Wettbewerben aufzuheben? In England und Schottland gibt es eine Petition für "Safe Standing".

Mit Blick auf Großbritannien kann sich sagen: Selbst Personen wie der scheidende Premier-League-Chef Richard Scudamore, die früher eine Rückkehr der Stehplätze ausgeschlossen haben, beginnen eine Freigabe wieder für möglich zu halten. Andere, wie Andy Burnham, der heutige Bürgermeister von Greater Manchester, der bei der Aufklärung von Hillsborough eine wichtige Rolle gespielt hat, hegen starke Zweifel. Allgemein halten sie es für gut, aber vereinzelte Zwischenfälle mit Fans bestimmter Klubs machen unsicher. Wir reden dabei nicht von einer Wiederholung einer Katastrophe vergleichbaren Ausmaßes, das wäre völlig übertrieben. Aber die Befürchtung besteht, dass einzelne Gruppen wieder leichter Jagdszenen im Stadion veranstalten könnten. Die gab es in den jüngsten Jahren praktisch nicht mehr zu sehen.

Wie geht Ihre Mission weiter?

Nach all den Büchern und Ausstellungen seit fast 30 Jahren sehe ich weiterhin, dass meine Arbeit ja in erster Linie von den Menschen handelt, die den Fußball ausmachen. Gleichzeitig stellt sich Großbritannien seit einigen Jahren gespalten dar. Die eine große, gemeinsame Basis der Gesellschaft ist der Fußball. Was definiert ihn? Was sind seine Werte? Das fragte ich mich nach einem Jahr mit einer halben Million Ausstellungsbesuchern, vor allem im Fußballmuseum Manchester, aber auch in Burnley und Huddersfield. Daher suche ich nun, in erster Linie in England, wieder fast alle Stadien auf und die Menschen, die auf meinen früheren Fotos zu sehen sind. Was machen sie heute?

Interview: Jörg Jakob

Festgehalten von Fotograf Stuart Roy Clarke
Der Kulturwandel im englischen Fußball
Hillsborough
Hillsborough

Hillsborough: Der Blick vom Leppings Lane End im Stadion von Sheffield Wednesday am Boxing Day 1990, eineinhalb Jahre nach der Tragödie, die hier 96 Liverpool-Fans das leben kostete.
© Stuart Roy Clarke

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