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03.04.2018, 12:22

Ex-Profi spricht über Depressionen während seiner Karriere

Amedick: "Meine Probleme hat man mir nie angesehen"

Insgesamt 176 Spiele absolvierte Martin Amedick in den obersten deutschen Ligen. Nun studiert der ehemalige Abwehrspieler Psychologie an der Universität Bielefeld und will in Zukunft jungen Spielern dabei helfen, mit dem Druck umzugehen, an dem er während seiner eigenen Karriere beinahe zerbrochen wäre.

Martin Amedick
Wenn der Kopf nicht mitspielt: Martin Amedick litt während seiner Profikarriere jahrelang unter Depressionen.
© imagoZoomansicht

Martin Amedick hat Pause. Er sitzt in einem grauen, klobigen Gebäude der Universität Bielefeld. Um ihn herum herrscht Trubel. Mittagszeit. Studenten essen, sie lernen und reden. Und Amedick hat sich unter sie gemischt. Im siebten Semester studiert der 74-malige Bundesligaprofi hier Psychologie. In einem Nachwuchsleistungszentrum will er künftig als Sportpsychologe arbeiten. Von seinem Erfahrungsschatz, sagt der 35-Jährige, würde er sicher profitieren. Viel hat Amedick erlebt.

Die Geschichte seines psychischen Leidens wurde im Juli 2012 publik. Eintracht Frankfurt, sein damaliger Arbeitgeber, erklärte, dass Amedick "bis auf weiteres" nicht am Trainingsbetrieb teilnehmen könne. Ihn plage ein temporäres Erschöpfungssyndrom, er werde sich deshalb zeitnah in Therapie begeben. Zunächst aber wollte Amedick Abstand gewinnen. Er fuhr in den Urlaub. Und trotz der Schwermut fühlte er sich in diesen Tagen ungewohnt frei. Amedick hatte sich der tonnenschweren Last entledigt, die Krankheit verstecken und sich verstellen zu müssen. Das "große Schauspiel", wie er es nennt, war vorbei.

Die Depression, die ihn letztlich zur Auszeit zwang, konnte erfolgreich therapiert werden. Er hatte sich noch rechtzeitig Hilfe geholt. Wenn Amedick diese psychische Erkrankung beschreibt, spricht er von unterschiedlichen Perioden. Mal packte ihn die Depression gänzlich, mal konnte er sie kurzzeitig verdrängen. "In den tiefen depressiven Phasen", schildert Amedick, "spürst du eine Ohnmacht und Antriebslosigkeit. Du denkst, es hört nicht mehr auf. Und in den guten Phasen warst du wie aufgedreht." Übereifrig schrieb er dann unrealistisch-lange Listen, auf denen all das festgehalten war, was er erledigen wollte. "Du möchtest das nachholen, was du in den schlechten Phasen verpasst hast", sagt Amedick.

Depressionen als Kapitän: "Ein unheimlich schwerer Rucksack"

Mario Gomez (li.), Martin Amedick (re.)
Von der Allianz-Arena in den Hörsaal: Martin Amedick (re.) als Kapitän des 1. FC Kaiserslautern gegen Mario Gomez.
© imagoZoomansicht

Mit dem 1. FC Kaiserslautern hatte er gerade den Bundesliga-Aufstieg finalisiert, da traten die ersten Symptome auf. 2010 war das. In der Pfalz, als Ordnungshüter im hintersten Zentralbereich, erlebte Amedick seine sportlich beste Zeit, mental indes wurde er zunehmend anfällig. Das hatte, so glaubt er, vielerlei Gründe: Die Arbeit auf dem Platz, zumal nachher in der ersten Spielklasse, erforderte sportliche Höchstleistungen.

Amedick war als Kapitän dieses Teams in gesonderter Position und mit größerer Verantwortung betraut. Er selbst überfrachtete sich mit Terminen für ein soziales Projekt. Und obendrein mussten er und seine Frau Anika einen Schicksalsschlag verkraften. Amedicks Schwiegervater verstarb an Krebs, als ihn Jürgen Klopp beim BVB gerade aussortiert hatte. "All das wurde zu einem unheimlich schweren Rucksack", sagt er heute.

Immer wieder lief in meinem Kopf ab: 'Du kannst in diesem Zustand keinesfalls spielen.'Martin Amedick

Damals blieb Amedick stumm, wollte nicht auffallen. Keinem Mitspieler oder Trainer erzählte er von seiner Erkrankung. Nicht in Kaiserslautern, und auch nicht in Frankfurt. In tiefen depressiven Phasen wurde Amedick panisch, je näher der Anpfiff einer Partie rückte. "Immer wieder lief in meinem Kopf ab: 'Du kannst in diesem Zustand keinesfalls spielen'. Am Vorabend war der Gedanke da, im Hotel morgens. Erst als das Spiel begann, konnte ich diese Angst vergessen und einfach funktionieren", erzählt er. "Meine Probleme hat man mir nie angesehen." Bei Eintracht Frankfurt spitzte sich die Depression letztlich zu. Nach nur zwei Einsätzen im ersten Halbjahr hatte ihm dieser Bundesligist einen erneuten Wechsel nahe gelegt. Amedick zog die Reißleine, ließ sich behandeln.

Mentale Belastung im Sport wird immer noch oft verkannt

Gesund kehrte er nach sechs Monaten zurück, konnte an seine schon erbrachten Leistungen aber nicht mehr anknüpfen. Bei Zweitligist SC Paderborn, ab Sommer 2013 sein letzter Verein, durfte der Abwehrspieler nur noch sporadisch eingreifen. Zwei Jahre später beendete er seine Laufbahn, mittlerweile als Kadermitglied der zweiten Mannschaft. Ganz oben hatten sie ihn nicht mehr gebraucht. "Trotzdem", betont Amedick, "bin ich mit meiner Karriere sehr, sehr glücklich." Insbesondere freilich über den Bundesliga-Aufstieg mit Kaiserslautern und die Vielzahl seiner Einsätze in Deutschlands Elite-Liga. "Die Erinnerung an die wirklich schlechte Zeit", sagt er, "ist außerdem noch immer präsent. Und sie relativiert vieles, auch diese letzte Station, die für mich nicht ganz optimal verlief."

Nur ein Bruchteil der Jugendspieler kommt oben an. Was passiert mit den anderen?Martin Amedick

Martin Amedick
Zurück zum Anfang: Seine Karriere beendete Martin Amedick bei seinem Jugendverein SC Paderborn.
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Amedick hadert nicht. Er freut sich auf das, was kommt. In rund zwei Jahren will er als Sportpsychologe beginnen und aufstrebende Talente auf ihrem Weg begleiten. Der Bedarf sei groß. "Die jungen Spieler in den NLZs trainieren so häufig wie die Profis und müssen nebenbei das Abitur stemmen. Es geht immer darum, besser als die Gleichaltrigen zu sein." Und: "Alle haben das Ziel, oben anzukommen, aber nur ein Bruchteil derer schafft es auch. Was passiert mit den Anderen?" Noch oftmals, sagt er, werde die mentale Belastung in diesem Sport verkannt.

Pauken für die zweite Rückkehr

Dass sich als Reaktion auf den Tod von Robert Enke alles zum Besseren wandelt, konnte zwar zweifelsohne nicht der realistische Anspruch sein. Dennoch sind die Fortschritte im Umgang mit psychischen Erkrankungen seitdem eher überschaubar. "Es ist noch viel zu tun", sagt Amedick, der im Namen der Robert-Enke-Stiftung Vorträge hält und zu sensibilisieren versucht. "Wir müssen die Erkrankungen besser erklären und die Stigmatisierung bekämpfen", mahnt er. Außerdem müssten die Verein mehr Spezialisten anstellen, die den Spielern beratend zur Seite stehen. Im Profibereich ist die Vollbeschäftigung eines Sportpsychologen noch immer kein Standard. Amedick versteht das nicht.

Er selbst spielt kaum noch Fußball, geht lieber joggen. Am Hermannslauf in Bielefeld hat der Ex-Profi bereits dreimal teilgenommen; 31 Kilometer Strecke und insgesamt 500 Höhenmeter sind da zu absolvieren. Ein zehrendes Rennen. "Das Ziel", sagt Amedick lächelnd, "habe ich aber bislang immer erreicht." Kurz darauf muss er los zur nächsten Vorlesung. Amedick, der Student, paukt für die Rückkehr ins Fußball-Geschäft. Es wäre seine zweite.

Leon Elspaß

 
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weitere Infos zu Amedick

Vorname:Martin
Nachname:Amedick
Nation: Deutschland
Verein:SC Paderborn 07
Geboren am:06.09.1982

Vereinsdaten

Vereinsname:Arminia Bielefeld
Gründungsdatum:03.05.1905
Mitglieder:11.734 (01.07.2018)
Vereinsfarben:Schwarz-Weiß-Blau
Anschrift:Melanchthonstraße 31 a
33615 Bielefeld
Telefon: (05 21) 96 61 10
Telefax: (05 21) 96 61 11 1
E-Mail: info@arminia-bielefeld.de
Internet:http://www.arminia-bielefeld.de

Vereinsdaten

Vereinsname:1. FC Kaiserslautern
Gründungsdatum:02.06.1900
Mitglieder:17.466 (01.07.2017)
Vereinsfarben:Rot-Weiß
Anschrift:Fritz-Walter-Straße 1
67663 Kaiserslautern
Telefon: (0631) 31 88 0
Telefax: (06 31) 31 88 29 0
E-Mail: info@fck.de
Internet:http://www.fck.de

Vereinsdaten

Vereinsname:Eintracht Frankfurt
Gründungsdatum:08.03.1899
Mitglieder:60.000 (23.09.2018)
Vereinsfarben:Rot-Schwarz-Weiß
Anschrift:Mörfelder Landstraße 362
60528 Frankfurt/Main
Telefon: 0800 - 7431899
Telefax: (0 69) 95 50 31 10
E-Mail: info@eintrachtfrankfurt.de
Internet:http://www.eintracht.de

Vereinsdaten

Vereinsname:SC Paderborn 07
Gründungsdatum:01.06.1985
Mitglieder:5.338 (01.07.2018)
Vereinsfarben:Blau-Schwarz
Anschrift:Paderborner Straße 89
33104 Paderborn
Telefon: (0 52 51) 87 71 90 7
Telefax: (0 52 51) 87 71 99 9
E-Mail: info@scpaderborn07.de
Internet:http://www.scp07.de

Vereinsdaten

Vereinsname:Borussia Dortmund
Gründungsdatum:19.12.1909
Mitglieder:154.000 (01.07.2018)
Vereinsfarben:Schwarz-Gelb
Anschrift:Rheinlanddamm 207-209
44137 Dortmund
Telefon: (02 31) 90 20 0
Telefax: (02 31) 90 20 105
E-Mail: info@bvb.de
Internet:http://www.bvb.de


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