Bundesliga

Neue Topspiel-Kandidaten, mehr Kompetenz: Die Lage bei den Schiedsrichtern

"Das 19. Team" forciert Austausch mit den Klubs

Neue Topspiel-Kandidaten, mehr Kompetenz: Die Lage bei den Schiedsrichtern

Zukünftig einer für die großen Spiele? Schiedsrichter Sven Jablonski.

Zukünftig einer für die großen Spiele? Schiedsrichter Sven Jablonski. IMAGO/Jan Huebner

Physiotherapeuten, je ein Sportpsychologe und Athletiktrainer, mehrere Coaches, ein Sportlicher Leiter, ein Sport-Geschäftsführer - in der Aufstellung von Betreuerstab und Management fehlt nichts Wesentliches. "So wie es sich gehört als Mannschaft im professionellen Fußball", findet Peter Sippel. Sippel ist der Sportliche Leiter. Allerdings leitet der 52-Jährige keine Fußballer an, sondern die Bundesliga-Schiedsrichter.

2021/22 die schlechteste Saison seit Jahren

Die aber haben im Sommertrainingslager trainiert wie die Nationalspieler. Also am selben Ort zumindest. Einem modernen, hochwertigen, stilvollen wie großzügigen Ort. Auf der Anlage des Adidas-Homeground in Herzogenaurach logierte während der EM 2021 auch die DFB-Auswahl. Die Rahmenbedingungen für die Referees sind also top. Die Vorbereitung sei gut gewesen, sagt Sippel. Doch auch der Ex-Bundesliga-Schiri (217 Einsätze) weiß natürlich: Entscheidend ist auf dem Platz.

Und dort hat das 19. Team der deutschen Eliteklasse etwas gutzumachen. Nach kicker-Noten haben die Schiedsrichter zuletzt mit einem Schnitt von 3,08 die schlechteste Bundesliga-Spielzeit seit 2016/17 (3,26), der letzten ohne Video-Hilfe, hingelegt. Mit zu vielen klaren Fehlern: Mal mischte sich der VAR zu Unrecht ein, mal fehlte eine Intervention, manchmal entschied der Schiedsrichter sogar trotz Videostudiums falsch.

Referees üben Aufbruchsstimmung

Neue Saison, neues Glück? Das wird sich zeigen. Die Regelhüter wollen jedenfalls Aufbruchstimmung erzeugen. Das merkte man am Mittwoch im Gebäudekomplex des DFB-Campus. Die Unparteiischen hatten die Ehre, die Premierenveranstaltung im Pressekonferenzsaal der neuen, großzügigen Verbandsheimat in Frankfurt abzuhalten. Im Rahmen eines Workshops informierten Verantwortliche und die beiden Aktiven Robert Schröder und Daniel Schlager Medienschaffende über Regeländerungen, geltende Auslegungen, gute Vorsätze - Fußauftritte und Unsportlichkeiten wie Spielverzögerungen sollen konsequenter als zuletzt mit Gelb geahndet werden -  und die neuen Strukturen.

Zudem mussten die Unparteiischen die erste größere Fehlleistung der noch jungen Saison einräumen. Während das vergangene Pokal-Wochenende ohne größeren Schiri-Aufreger über die Bühne ging, hatte eine Szene eine Woche zuvor in der 2. Liga für Wirbel, Unverständnis und Kritik gesorgt. FIFA-Schiedsrichter Felix Zwayer hatte im Spiel Hannover gegen St. Pauli (2:2) einen ungerechtfertigten Handelfmeter für Hannover verhängt. VAR-Projektleiter Jochen Drees stellte klar, dass das VAR-Team um Robert Hartmann Zwayers Wahrnehmungsfehler trotz nicht optimalen Bildmaterials hätte korrigieren müssen.

Leistungsdelle ohne personelle Konsequenzen, aber "offene Kader"

Nun beginnt also die Bundesliga und die Referees hoffen selbstredend, solche Aussetzer so lange wie möglich vermeiden zu können. Erstaunlich ist: Sie lassen trotz der insgesamt dürftigen vergangenen Saison innerhalb ihrer Mannschaft alles beim Alten. Altersbedingt scheidet niemand aus, es gibt aber auch weder neue Talente noch leistungsbedingte Absteiger. "Trotz durchaus kritischer Betrachtung von einigen Spielleitungen sind wir grundsätzlich von unseren Bundesliga-Schiedsrichtern überzeugt", sagt Lutz Michael Fröhlich zum 24er Kader, in dem der schon 2021/22 komplett fehlende Sören Storks wohl noch bis in den Herbst hinein verletzungsbedingt ausfallen wird.

Trotz durchaus kritischer Betrachtung von einigen Spielleitungen sind wir grundsätzlich von unseren Bundesliga-Schiedsrichtern überzeugt.

Lutz Michael Fröhlich

Fröhlich, seit 2016 amtierender Schiri-Chef, firmiert inzwischen als Geschäftsführer Sport und Kommunikation der Anfang des Jahres "vor allem aus steuerrechtlichen Gründen" (Fröhlich) ins Leben gerufenen DFB Schiri GmbH und spricht von "offenen Kadern". Punktuell könnten also auffällig gute Referees aus dem 16er-Zweitliga-Aufgebot auch im Oberhaus auftauchen. Für die 24 Drittliga-Schiris besteht die Chance auf Zweitligapartien.

Neue Kandidaten für die Topspiele - Noch keine Ex-Profis im Keller eingeplant

Im Management gibt es hingegen konkrete Änderungen. Seit 1. Juli agiert je ein Sportlicher Leiter pro Liga: Analog zu Sippel sind das Rainer Werthmann (2. Liga) und Florian Meyer (3. Liga). Besonders die Einteilungen der Topspiele werden mit Spannung erwartet. Der erlauchte Kreis werde sich verändern, sagt Sippel. Potenzielle Kandidaten sind die beiden neuen FIFA-Schiedsrichter Sven Jablonski, der 2021/22 das kicker-Notenranking mit einem Schnitt von 2,53 anführte und Schlager (3,34) sowie Schröder (2,81). Letzterer bekam im Supercup zwischen Leipzig und Bayern die kicker-Note 1 und dürfte ein aussichtsreicher Anwärter für den nächsten Platz auf der FIFA-Liste sein, den Spitzenkraft Deniz Aytekin überraschend räumt.

Seit Felix Brychs FIFA-Abschied zum Jahresanfang 2022 ist Daniel Siebert international die deutsche Nummer eins. Der Berliner ist einziger DFB-Referee bei der WM in Katar. Ihn begleiten als Assistenten Rafael Foltyn und Jan Seidel, als VAR sind Marco Fritz und Bastian Dankert dabei. An den Leistungen der VAR, die den Schiris laut Drees nun im Zweifel lieber etwas öfter als zuletzt zum On-Field-Review raten sollen, dürfte es liegen, ob der Ruf nach Ex-Profis als Unterstützung im Videocenter wieder laut wird. Aktuell ist das nicht geplant, Fröhlich will jedoch während der Trainingslager und Seminare regelmäßigen Austausch mit Trainern und Ex-Spielern einführen.

Klub für Klub: Die Gewinner und Verlierer der Vorbereitung

"In Sachen Fußballkompetenz etwas unternehmen" und eine Fehler-Kultur

Den Anfang machte vor vier Wochen in Herzogenaurach Manuel Baum. Der Ex-Bundesligatrainer referierte laut Sippel unter anderem über Spielsysteme, Spielphasen und -entwicklungen sowie Hierarchien innerhalb eines Teams, damit die Referees beispielsweise Orte und Zeitpunkte für intensive Zweikämpfe besser antizipieren lernen. "Wir müssen in Sachen Fußballkompetenz etwas unternehmen, da noch mehr hineinwachsen", betont Sippel.

Offenheit, auch im Umgang mit Schwächen und Fehlern. Diese Kultur wollen die Schiris leben und deshalb auch testen, ob "regelmäßiges strukturiertes Feedback von den Klubs zu Spielleitungen" (Fröhlich) zu Verbesserungen führt. Für den Dialog mit den Klubs über Einzelentscheidungen werde zudem laut Fröhlich ein Onlinetool entwickelt, als Ergänzung zum bestehenden Austausch mit dem Bund Deutscher Fußballlehrer, der DFL-Kommission Fußball und im Rahmen der Managertagungen.

Zumindest in einigen Bereichen bewegt sich also was im Schiedsrichterwesen. Die Bundesliga-Saison wird nun zeigen, wohin sich die Leistungen bewegen.

Carsten Schröter-Lorenz

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