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Neue Mercedes S-Klasse: Sternfahrt

Vielerlei Innovationen - Marktstart im Dezember - Plug-in-Hybrid folgt - Preise ab 94.540 Euro

Neue Mercedes S-Klasse: Sternfahrt

Mercedes S-Klasse: Startet als Benziner und Diesel, nächstes Jahr folgt ein Plug-in-Hybrid.

Mercedes S-Klasse: Startet als Benziner und Diesel, nächstes Jahr folgt ein Plug-in-Hybrid. Hersteller

Alle Welt spricht vom elektrischen Fahren. Und davon, dass Tesla das Luxussegment aufmischt. Eine Stimmung, in der sich die S-Klasse von Mercedes als geradezu klassisches Feindbild der Auto-Skeptiker wiederfindet: Ein Dino, verhaftet in alten Zeiten, überholt von einer neuen Wirklichkeit, in der Werte wie automobile Größe, Luxus oder Oberklasse-Herrlichkeit nichts mehr gelten. Kurz: Gestriges auf Rädern, wie die Kritiker wettern.

Aber haben sie damit wirklich recht? Tatsächlich steht der feine Sternenkreuzer in einer langjährigen Tradition. Begründet wurde sie anno 1951 mit dem Typ 220; im Jahr 1972 kam die Baureihe 116 auf den Markt, die erstmalig das Label "S-Klasse" trug. In den rund 70 Jahren ihres Werdegangs sind über vier Millionen Exemplare der Luxuslimousine ausgeliefert worden, besondere Beliebtheit hat sie in China erreicht - etwa ein Drittel der letzten S-Klasse-Generation ist ins Reich der Mitte verkauft worden, an Kunden, die im Durchschnitt erst 40 Jahre alt sind und somit überdurchschnittlich jung.

Innovationen demokratisiert

Auch für die jetzt vorgestellte Neuauflage der S-Klasse wird noch ein Markt da sein. Erstens, weil der Verbrenner noch lange nicht tot ist. Zweitens, weil die Baureihe 223 - dazu später mehr - zumindest ein bisschen elektrisch fahren kann. Und drittens, weil sie in technischer Hinsicht vielfach neue Maßstäbe setzt, die nicht nach gestern, sondern ins moderne Morgen weisen. Von den Neuerungen könnte auch jenes Gros der Autokäufer profitieren, mit deren finanziellen Möglichkeiten die teure Luxuslimousine nicht kompatibel ist. Denn zur Geschichte der S-Klasse gehört, dass sich viele ihrer Innovationen später in kleineren Autos demokratisiert haben, ABS (1978) beispielsweise, der Airbag (1981) oder ESP (1995).

Unaufdringlich elegant

Optisch gibt sich die S-Klasse 2020 alle Mühe, nicht wie ein Schlachtschiff wahrgenommen zu werden. Sieht man vom sehr prominenten Kühlergrill einmal ab, pflegt der 5,18 Meter lange Luxusliner (Langversion 5,29 Meter) einen Auftritt von unaufdringlicher Eleganz, protzig sieht definitiv anders aus. Mit 0,22 liegt der für die Aerodynamik maßgebliche cW-Wert bemerkenswert niedrig, gegen Aufpreis gibt es bündig in die Türen eingelassene Griffe, die automatisch ausfahren, wenn sich der Fahrer dem Wagen nähert.

Mercedes S-Klasse

Interieur: So sieht es in der S-Klasse aus, wenn der Kunde die Möglichkeiten der Preisliste ausschöpft. Hersteller

Eine nette Begrüßung. Wir steigen ein. Auf dem vorderen Fauteuil dürfte häufig ein Chauffeur Platz nehmen und dann einen Arbeitsplatz vorfinden, der den Job höchst angenehm gestaltet. Alle für die S-Klasse verfügbaren Sitze tragen das AGR-Siegel der Aktion Gutes Sitzen, bis zu 19 Motoren dienen der Verstellbarkeit des Gestühls, zehn verschiedene Massageprogramme stehen zur Wahl, das Haupt lehnt an einem weichen Kissen, die Finger streichen über feine Hölzer, das Auge registriert die superpenible Verarbeitungsqualität.

Display mit 3D-Darstellung

Zum guten Wohngefühl gehört aber auch, dass sich die gefühlt tausenderlei digitalen Fähigkeiten der S-Klasse so einfach und intuitiv wie möglich handhaben lassen. Anders als bei Tesla, wo sich alle Funktionen bis hin zum Regeln des Scheibenwischer-Intervalls auf einem großen Touchscreen zusammenballen, kooperiert in der S-Klasse die neue digitale Welt mit vereinzelten analogen Elementen, sehr zum Wohle der Bedienbarkeit. Bis zu fünf Bildschirme befinden sich an Bord, als zentrale Schaltstelle dient ein 12,8 Zoll voluminöses, brillantes OLED-Zentral-Display im Hochformat, das 3D-Fahrerdisplay wiederum lässt sich per Knopfdruck auf dreidimensionale Darstellung umstellen, die uns allerdings zu unruhig erschienen ist.

Info-Overkill

Als Informations-Overkill haben wir auch die vielen visuellen Botschaften des riesigen Head-up-Displays empfunden, das an sich eine feine Sache ist: Bei aktivierter Navigation werden animierte Richtungspfeile auf die Fahrbahn gelegt, anders als beispielsweise in der A-Klasse erscheinen sie genau im rechten Augenblick, so läuft beim Abbiegen nichts schief. Immerhin: Die Inhalte lassen sich auch reduzieren. Und als (auch preiswertere) Alternative gibt es eine einfachere, kleinerformatige Ausführung.

Gern nimmt man die Dienste des "Interieur-Assistenten" in Anspruch, der dem Fahrer respektive der Fahrerin die Wünsche von der Körpersprache abliest. Beispiel: Blickt er/sie über die Schulter nach hinten zur Heckscheibe, öffnet der virtuelle Butler dienstbeflissen das Sonnenrollo.

Mercedes S-Klasse

Luxus: Die weichen Kissen an den Kopfstützen gibt es auch beheizbar. Hersteller

Der beste Platz in der S-Klasse, sagen die, die es wissen müssen, sei der hinten rechts - dort also, wo man gefahren wird statt selbst zu fahren. Kleiner Einblick in das mobile Leben von vielreisenden Vorständen oder vielbeschäftigter Politikerinnen: Sie finden im rückwärtigen Bereich Komfortsitze mit bis zu 37 Grad Lehnenneigung vor, der Executive-Sitz in der S-Klasse-Langversion lässt sich sogar zum Liegesitz mit 43,5 Grad Neigung umprogrammieren. Die Massageprogramme umfassen unter anderem ein Wellness-Workout, ein beheizbares Zusatzkissen an den Kopfstützen liefert wohlige Wärme.

Belesener Sprachassistent

Und auch multimedial ist man im rückwärtigen Bereich keineswegs abgehängt. Zum einen, weil sich der Sprachassistent - der im Übrigen nicht nur Fahrzeugfunktionen erklärt, sondern, gebildet, sogar Fragen zum Allgemeinwissen beantwortet - auch vom Fond aus aktivieren lässt. Und zum anderen, weil den Hinterleuten ein umfangreiches Infotainmentangebot einschließlich Surfens im Internet zur Verfügung steht.

Neuer Fond-Airbag

Solcher Luxus kostet natürlich ebenso fürchterlich teures Extrageld wie die allermeisten Spezialitäten der S-Klasse. Das herausnehmbare Tablet etwa, das während der Fahrt in einer Dockingstation ruht. Oder der innovative Fond-Airbag, der sich aus der Rückenlehne des Fahrersitzes heraus aufplustert. Apropos Airbag: Neu ist auch der Mittenairbag, er entfaltet sich schützend zwischen Fahrer und Beifahrer und verhindert ein ungutes Zusammenprallen beider Köpfe.

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Feines Fahrverhalten: Die S-Klasse fährt sich so spielerisch wie ein Kompaktwagen. Hersteller

Wir wechseln wieder nach vorne und lenken die S-Klasse auf jene gewundenen Sträßchen, die durch die Ausläufer der Schwäbischen Alb führen. Erkenntnis: Phänomenal, wie easy, agil und stressbefreit sich die große Limousine bewegen lässt - Fahren als Schwebezustand. Entspannteres Gleiten ist kaum denkbar, zumal die perfekte Geräuschdämmung für große Ruhe im Innenraum sorgt. Steigern lässt sich die Wendigkeit des Luxusliners durch die Hinterachslenkung, sie schlägt die Hinterräder um bis zu zehn Grad ein und verringert den Wendekreis um maximal zwei Meter, das macht sich auch in der Stadt und beim Manövrieren in Parklücken segensreich bemerkbar.

Fahren als Schwebezustand

Auch der dank (serienmäßiger) Luftfederung ohnehin großartige Fahrkomfort ist noch zu verfeinern, diese Aufgabe erledigt die sogenannte "E-Active Body Control". Mit ihr geht zudem ein neues Sicherheitsfeature einher: Droht ein anderes Fahrzeug der S-Klasse in die Seite zu krachen, wird die Karosserie binnen Zehntelsekunden um bis zu acht Zentimeter angehoben, damit die Aufprallenergie auf widerstandsfähigere Teile der Struktur gelenkt wird. Während hiervon ausschließlich die Fahrzeuginsassen profitieren, so sorgt das "Digital Light" auch für die Sicherheit anderer, denn es projiziert nicht nur Hilfsmarkierungen auf die Straße, sondern auch Warnsymbole - beispielsweise, wenn sich ein Fußgänger am Fahrbahnrand befindet.

Hände weg vom Lenkrad

Darüber hinaus darf der S-Klasse-Fahrer bald lernen, loszulassen, konkret das Lenkrad. In der zweiten Jahreshälfte 2021 zieht der "Drive Pilot" ins Fahrzeug ein. Wie er funktioniert, lernen wir auf dem Mercedes-Testgelände im oberschwäbischen Immendingen: Letztlich nicht viel anders als die bereits bekannten Staupiloten, also bis Tempo 60 und mit einem vorausfahrenden Fahrzeug als Orientierungshilfe. Neu ist aber, dass das Level-3-konforme System dem Fahrer gestatten wird, seine Hände längerfristig vom Volant zu nehmen, so dass er sich (abhängig von den nationalen Straßenverkehrsvorschriften) Nebentätigkeiten wie dem Bearbeiten von Mails widmen kann. Automatisch hält der Wagen zudem eine Rettungsgasse frei oder hält an, um ein Einsatzfahrzeug vorbeizulassen.

Selbstständig zum Parkplatz

Ganz aus der Hand kann der Luxusliner zum Zwecke des Parkens gegeben werden. Eine entsprechende Demonstration erhalten wir im Parkhaus am Stuttgarter Flughafen, das partiell schon mit der erforderlichen AVP-Infrastruktur ausgestattet ist: Nachdem der Fahrer die S-Klasse in einem Transitbereich abgestellt und das Auto verlassen hat, gibt er per App ein Kommando, woraufhin der Wagen selbstständig und mit 10 km/h Schrittgeschwindigkeit zu einem vorreservierten Parkplatz fährt. Ebenso automatisch kehrt das Fahrzeug wieder zu seinem Besitzer zurück.

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Startsignal: Via App erhält der schwäbische Luxusliner das Kommando, selbstständig zum vorgebuchten Parkplatz zu fahren. Hersteller

Den Marktstart im Dezember absolviert die S-Klasse mit traditionellen Antrieben. Das heißt: Mit Benzinern und Dieseln, allesamt Dreiliter-Reihensechszylinder, allesamt mit einer Neunstufen-Wandler-Automatik (9G-Tronic) kombiniert und bis auf den S 350 d serienmäßig mit Allradantrieb ausgestattet. Im Überblick:

S 450 4Matic: 270 kW/367 PS, maximales Drehmoment 500 Nm bei 1600 - 4500/min, 0 auf 100 km/h in 5,1 sec, Spitze 250 km/h, Verbrauch WLTP 9,5 - 7,8 l/100 km, Preis ab 104.096 Euro

S 500 4Matic: 320 kW/435 PS, maximales Drehmoment 520 Nm bei 1800 - 5500/min, 0 auf 100 km/h in 4,9 sec, Spitze 250 km/h, Verbrauch WLTP 9,5 - 8,0 l/100 km, Preis ab 116.232 Euro

S 350 d: 210 kW/286 PS, maximales Drehmoment 600 Nm bei 1200 - 3200/min, 0 auf 100 km/h in 6,4 sec, Spitze 250 km/h, Verbrauch WLTP 7,7 - 6,4 l/100 km, Preis ab 94.540 Euro

S 400 d 4Matic: 243 kW/330 PS, maximales Drehmoment 600 Nm/1200 - 3200/min, 0 auf 100 km/h in 5,4 sec, Spitze 250 km/h, Verbrauch WLTP 8,0 - 6,7 l/100 km, Preis ab 105.096 Euro

2021 folgen ein V8-Benziner mit integriertem Starter-Generator und 48-Volt-Bordnetz sowie ein schnellladefähiger Plug-in-Hybrid (S 580 e), der bis zu 100 Kilometer elektrische Reichweite erzielt.

Ein bisschen stromern kann sie also doch, die S-Klasse. Und bereits im kommenden Jahr erwächst ihr mit dem Luxusliner EQS ein rein elektrischer Konkurrent aus dem eigenen Haus, der dann auch die Teslas in die Schranken weisen soll.

Ulla Ellmer

Mercedes S-Klasse in Kürze:

Wann sie kommt: Ist bereits bestellbar, Auslieferung ab Dezember

Wen sie ins Visier nimmt: BMW 7er, Audi A8, Lexus LS

Was sie antreibt: Benziner mit 270 kW/367 PS und 320 kW/435 PS, Diesel mit 210 kW/286 PS und 243 kW/330 PS

Was sie kostet: Ab 94.540 Euro

Was noch kommt: Achtzylinder-Benziner, Plug-in-Hybrid

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