Int. Fußball

Royal Mouscron: Ein Klub vor dem Sturz ins Nichts

Auch Lewandowskis Berater spielt eine Rolle

Neue Dokumente zu Royal Mouscron: Deutsche Agenten und ein Klub vor dem Sturz ins Nichts

Undurchsichtige Geschäfte prägen das Umfeld von Royal Excel Mouscron.

Undurchsichtige Geschäfte prägen das Umfeld von Royal Excel Mouscron. imago/Belga

Die besten Tage von Royal Mouscron sind gezählt, soviel darf man wohl behaupten. Die schlimmsten könnten dem Verein aus der Provinz Hennegau noch bevorstehen. 2021 stieg der Klub aus der ersten Liga ab, nun verweigerte ihm der Verband sogar die Lizenz für die ersten drei Ligen.

In den Jahren zuvor, zumindest von 2015 bis 2020, war Mouscron zu einer Art Durchlauferhitzer für ausländische Talente geworden, seltsame Deals inklusive, etwa der von Marko Hanuljak. Der junge Kroate kam am 1. Juli 2018 zum Nulltarif, ehe er zehn Tage später für 1,5 Millionen Euro an die AC Florenz weitergereicht wurde - eine wundersame Geldvermehrung, ohne dass Hanuljak je eine Partie für Mouscron bestritten hat.

Lewandowskis Berater angeklagt

Längst ist Royal ein Fall für die Justiz geworden. Der mächtige Spielerberater Pini Zahavi, der auch Bayern-Star Robert Lewandowski vertritt, ist im Zusammenhang mit Mouscron angeklagt wegen des Verdachts der Fälschung, des Betrugs und der Geldwäsche. Er weist die Vorwürfe von sich, es gilt die Unschuldsvermutung.

Hintergrund der Ermittlung ist die Frage, ob der Klub als eine Art geschäftliches Drehkreuz für die Spielervermittler fungierte. Und gerade in dieser Hinsicht ist der jüngste Entscheid der belgischen Lizenzierungskommission spannend. Denn das vor Wochenfrist unterzeichnete Dokument, das dem kicker vorliegt, widmet sich am Rande auch der Frage nach dem Einfluss von Spielerberatern.

Spielerberater Diederich im Fokus

Agierte die Kommission in den vergangenen Jahren noch extrem schwammig in dieser Sache, weshalb Mouscron stets die Lizenz erhielt, teilweise in der Berufung, kommt sie mittlerweile zu einem anderen Schluss. Die neuen Erkenntnisse basieren offenbar auf Dokumenten aus einem laufenden Strafverfahren, das auf eine Anzeige von KV Mechelen zurückgeht. Redete die Kommission den Einfluss der Vermittler auf den Klub bislang klein, so schreibt sie nun: "Es hat sich herausgestellt, dass Herr Niels Johannes Diederich, der damalige Verwaltungsrat des Vereins, bis 2018 über die Firma Soccertalk als Vermittler tätig war."

Über Diederichs Rolle hatte zuletzt auch der kicker berichtet, im März 2018 schied er aus dem Rat aus. Kurios aber in jedem Fall: In der Bundesliga als Vertreter der deutschen Vermittleragentur Soccertalk ist Diederich bestens bekannt als Nils, im Royal-Rat aber wurde er nur bei seinem mutmaßlichen Zweitnamen Johannes genannt. Eine Anfrage zu den neuen Erkenntnissen der Kommission beantwortete Diederich inhaltlich nicht, er befinde sich im Urlaub. Fakt ist: Soccertalk war beispielsweise involviert in den Hanuljak-Deal, der kurz nach Diederichs Aus über die Bühne ging.

Eine problematische Vollmacht

Ebenfalls Teil dieses seltsamen Transfers: Primus Sports Consultancy, eine der Firmen von Fali Ramadani, dessen Agenturen Stars wie Leroy Sane, Ante Rebic oder Luka Jovic betreuen. Das Wirken von Ramadanis langjährigem Geschäftspartner Marc Rautenberg in Mouscron bewertet die Kommission mittlerweile ebenfalls eindeutig. Der Deutsche saß bis 2016 im Royal-Verwaltungsrat.

Die belgischen Lizenzierungshüter schreiben nun, dass er bis 2018 noch immer eine Vollmacht für das Klubkonto gehabt haben soll. Höchst problematisch, denn Spielervermittler dürfen statutengemäß weder als Kluboffizielle fungieren noch einen solchen Einfluss in einem Klub haben, weil ein Verein sonst Gefahr läuft, zum Spielball von Interessen der Agenten zu werden. Eine Anfrage an die letzte bekannte E-Mail-Adresse Rautenbergs blieb ohne Antwort.

Zahavis Neffe gab Mouscron Darlehen

Und auch zu Zahavi scheint die Kommission nun eine neue Meinung zu haben. Der Israeli hatte 2015 die Mehrheit an Mouscron erworben, Diederich, Rautenberg und zwei Familienmitglieder in den Verwaltungsrat eingesetzt. Kurz danach hatte sein Neffe Adar Zahavi mit einer anderen maltesischen Firma die Anteile übernommen. Adar gab dem Klub Darlehen, laut der Kommission soll dieses Geld jedoch von Pini stammen, also von einem Vermittler, was die Statuten verbieten.

Zudem belastet Bruno Venanzi, der Präsident von Standard Lüttich, Zahavi schwer. Offenbar sagte Venanzi in einer Vernehmung, dass er 2017 und 2018 Austausch mit Pini Zahavi gehabt habe wegen Spielertransfers bei Royal. Dies zeige laut Venanzi, dass der Agent "der Boss von Mouscron" sei. So steht es in den Dokumenten. Ein Mitarbeiter Zahavis lässt eine Anfrage des kicker zu dem Sachverhalt inhaltlich unbeantwortet.

Ein thailändischer Geschäftsmann und abgehörte Telefonate

Anno 2018 hatte Pairoj Piempongsant Mouscron von Adar Zahavi übernommen. Der thailändische Geschäftsmann und Pini Zahavi waren laut dem britischen Guardian in den Verkauf von Manchester City an die Abu Dhabi United Group involviert und gelten seitdem als befreundet. Im März 2018 hatte die belgische Kriminalpolizei ein Telefonat zwischen Rautenberg und Paul Allarts, dem damaligen Royal-Geschäftsführer, abgehört.

Dabei ging es um die Abwicklung des Verkaufs, doch offenbar waren die genannten Namen falsch protokolliert worden. Von einer Person namens "Pinion Pirotte" war demnach die Rede. Gemeint gewesen sein dürfte Piempongsant, der neue Käufer. Bislang hielt der belgische Verband stets an der Version fest, dass man nicht zweifelsfrei sagen könne, dass Pirotte Piempongsant sei.

War Mouscron unterwandert von deutschen Agenten?

Mittlerweile sehen die Lizenzhüter dies anders, konstatieren sie nun doch: "Aus den Telefongesprächen zwischen Paul Allaerts und Marc Rautenberg geht hervor, dass es sich bei der Person 'Pinion Pirotte' um Herrn Piempongsant Pajroj - den ehemaligen Hauptaktionär des Vereins - handelt und dass der 2018 gezahlte Betrag eindeutig nicht aus seinen eigenen Mitteln stammte, sondern von einer Person, die als Vermittler tätig ist."

Das wäre das nächste Indiz dafür, dass Mouscron unterwandert war von Agenten, die wie Rautenberg und Diederich eben auch aus Deutschland kommen. Wohin diese ominöse Konstellation den Klub, der mittlerweile einem luxemburgisch-spanischen Geschäftsmann gehört, führte? Mutmaßlich in die Niederungen des belgischen Amateurfußballs …

Benni Hofmann