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Nerlich-Brandrede gegen EA - eine Stimme der Community?

Valide Punkte, zumindest für "echte Schwitzer"

Nerlich-Brandrede gegen EA - eine Stimme der Community?

Elias Nerlich hat keinen Spaß mehr an FIFA 22.

Elias Nerlich hat keinen Spaß mehr an FIFA 22. YouTube/EliasN97

Elias Nerlich will nicht mehr. Der frühere eSportler, der für Hertha BSC unter anderem auch in der Virtual Bundesliga (VBL) aktiv war, hat am vergangenen Montag verkündet, FIFA 22 nicht mehr spielen zu wollen. In einem 37-minütigen Video-Statement auf YouTube legte er seine Beweggründe offen.

FIFA-Profi im sportlichen Sinne ist 'EliasN97' schon länger nicht mehr, im wirtschaftlichen Sinne dafür aber umso mehr: Er zählt zu den größten Streamern und Content Creatorn Deutschlands, ist Geschäftsführer der Organisation FOKUS CLAN und vertreibt zudem mehr als profitabel sein Merchandise.

Abkehr von den eigenen Wurzeln

Nerlich hat sich mithilfe der FIFA-Reihe eine erfolgreiche Karriere aufgebaut, ist zum einflussreichen Wortführer und Influencer der Szene aufgestiegen. Mehr als 1,5 Millionen Abonnenten schart der 24-Jährige inzwischen auf YouTube und Twitch kumuliert um sich, seine Reichweite und sein Netzwerk sind enorm.

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Warum also kehrt Nerlich, dem die Fußball-Simulation - eingedenk seiner erheblichen Eigenleistungen - alles gegeben hat, FIFA 22 den Rücken? Seine Kritik in groben Zügen ist dreifaltig: Weekend League und Reward-System, Gameplay sowie eSport. Und mit einigen Punkten trifft er den Nagel auf den Kopf.

Weekend League in der Relevanzkrise

Die Weekend League hat in FIFA 22 Ultimate Team (FUT) enorm an Bedeutung eingebüßt. Seit dem Paradigmenwechsel und der Umstrukturierung präsentieren die eSportler nur noch selten voller Stolz ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit. Rang I sei nicht dasselbe wie Top 100 respektive Top 200, bemängelt Nerlich.

EA hört zu sehr auf 40- oder 50-jährige Thorstens.

Elias Nerlich

Er thematisiert auch die Vermarktungsfähigkeit, die unter der sinkenden Relevanz leidet. Dabei war die Weekend League stets die Königsklasse der Alltags-Competition in FIFA. "16 Siege schaffen gute Spieler in der Regel", meint 'EliasN97' - acht Siege für "die guten Rewards" schaffe sogar "jeder Knecht".

'EliasN97' liefert Lösungsansätze

Er wünscht sich ein System mit optionaler "erweiterter Weekend League", in die die Spieler nach 14 oder 15 Siegen einziehen können und die die klassischen Top 100 bietet. Für diese wiederum fordert er bessere Belohnungen. Inform-Karten "interessieren keinen mehr", lautet seine Analyse - Promo-Objekte müssten her.

"Warum ist das TOTS denn so geil?", fragt Nerlich und antwortet sich selbst: "Weil die TOTS-Karten in den Weekend League-Rewards sind." Sein Fazit: Würde EA SPORTS den "Top 10 der Top 100" beispielsweise eine Future Stars-Karte garantieren, wären die besten Spieler auch bis zum Schluss motiviert.

Perspektive des Ex-eSportlers

Spezialobjekte für die Top 10, erweiterte Weekend League für 14 oder 15 Siege - Maßnahmen für die breite Masse sehen anders aus. Die Perspektive von 'EliasN97' ist die eines ehemaligen eSportlers, der FIFA lange auf sehr hohem Niveau gespielt hat. EA hingegen höre zu sehr auf "40- oder 50-jährige Thorstens".

In der Weekend League musst du schwitzen, nach Scheiße riechen und kämpfen.

Elias Nerlich

Dass FIFA aber gerade unter dem Aspekt der Inklusion ein Spiel für alle sein soll, wird nicht gerade unterstrichen. Stattdessen scheint Nerlich es hauptsächlich als Titel für "echte Schwitzer" zu betrachten, für Leute, die das Spiel leben: "In der Weekend League musst du schwitzen, nach Scheiße riechen und kämpfen."

Weitertragen oder beeinflussen?

Auf Profiebene ist diese leidenschaftliche Ansicht auch durchaus nachvollziehbar, im Casual-Bereich würden ihm sicherlich zahlreiche FIFA-Fans widersprechen. 'EliasN97' will mit seinem Statement nicht offensichtlich beeinflussen, er möchte zuallererst erklären. Seine Reichweite lässt ihm aber keine andere Wahl.

Nerlich selbst spricht in seiner Brandrede die Rolle der Influencer an. Er fordert EA auf, vermehrt auf sie zu hören, da sie nahe an der Community stünden. Dabei stellt sich jedoch eine Grundsatzfrage: Tragen Influencer wirklich den Kanon der Fans weiter? Oder werden sie eher ihrer Berufsbezeichnung gerecht und beeinflussen den Kanon erst?

Das Echtgeld-Paradoxon

Dass der Content Creator unter diesem Gesichtspunkt vielleicht nicht optimal als Sprachrohr der breiten Anhängerschaft herhält, ist ihm kaum vorzuwerfen. Zu weit entfernt ist er inzwischen vom Durchschnittsspieler, der nach Hause kommt und sich mit zwei Stunden FIFA vom Alltag ablenkt - ehe das Spiel für sein Leben wieder bedeutungslos wird.

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Den größten Unterschied führt er sogar selbst ins Feld: Im letzten Viertel des Videos geht er auf den Echtgeldeinsatz in FUT ein. Für ihn gehöre das zum Business, er könne seine Ausgaben ohne Probleme refinanzieren. Seinen Zuschauern rate er aber dringend davon ab, FIFA Points mit Echtgeld zu erwerben.

Was nicht ins Bild passt, ist der Link direkt unterhalb des YouTube-Clips in der Beschreibung: Dieser führt zu einer externen Seite, auf der FIFA Points zum Kauf angeboten werden. Mit dem Code "eligella" sogar um vier Prozent rabattiert. Für ihn ist und bleibt es eben ein Geschäft - für den Großteil der Community nur ein Hobby.

Eine Analyse von Niklas Aßfalg